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Manly und Sally, chaldäische Christen aus dem Irak  Manly und Sally, chaldäische Christen aus dem Irak  

Christsein im Irak: Prüfung und Privileg

Zusammenhalt und Tradition spielen bei jungen Christen im Irak eine große Rolle. Das berichten gegenüber Radio Vatikan mehrere chaldäische Gläubige aus dem überwiegend muslimischen Land in Nahost. Ralib-Victor Alyase tauschte sich dieser Tage mit ihnen über die Online-Plattform Zoom aus.

Von Ralib-Victor Alyase

„Was Christsein im Irak ausmacht, ist der ungeheure Zusammenhalt“, berichtet Manly Kharbosh begeistert. Der 24-jährige chaldäische Katholik aus Ankawa, einem christlichen Stadtteil Erbils im Norden Iraks nahm sich zusammen mit Sally Muneer Gorgees, die ebenfalls chaldäische Katholikin ist, Zeit, über die Lage der dortigen Christen zu berichten. Sie berichten über ihren Weg zum Glauben, Gründe des Zweifelns und Verzweifelns, das Verhältnis zwischen den Religionen vor Ort und ihren Wunsch für die westliche Christenheit.

Glaube über Generationen hinweg

Sowohl Sally als auch Manly kommen beide aus einem chaldäisch-katholischen Elternhaus. „Ich denke, meine Mutter ist die Hauptursache für meinen Glauben. Und auch was Kirche anbelangt, so ging ich schon damals jeden Sonntag zur Kirche. Seitdem ich ein Kind war, hatte ich quasi gar keine andere Wahl. So richtig im Glauben gewachsen bin ich dann, nachdem ich 18 Jahre alt geworden bin. Ich ging dann nämlich an ein Institut, das Christian Education Institute in Erbil. Und als ich dort war, wuchs mein Glaube, ich lernte sehr viel über das Christentum und Jesus, und mein Glaube wuchs mehr und mehr“, erinnert sich Sally. Die 30-Jährige widmet sich mit dieser Ausbildung nun leidenschaftlich der Katechese für Kinder und Jugendliche ihrer Kirchengemeinde.

Auch Manly kennt die Alltäglichkeit, mit welcher der Glaube innerhalb der Familie vermittelt wird. Täglich betete die sechsköpfige Familie den Rosenkranz unter Berücksichtigung der Gedenk- und Marienfeiertage und besuchte mehrmals wöchentlich die Kirche. Als er dann für ein Bachelorstudium in Pharmazie aus seiner Heimatstadt Shaqlawa in ein interreligiöses Viertel Erbils zog, fand er aufgrund von Studium und Nebenjob erst einmal nicht die Zeit, die Kirche zu besuchen und sich intensiv mit dem Glauben zu beschäftigen. Mit der Zeit öffneten sich ihm dann aber entsprechende Freiräume und er konnte sich der Vertiefung seines Glaubens widmen.

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Ein Auf und Ab

Wie bereits angedeutet, ist Erbil in mehrere Viertel unterteilt, in denen die verschiedenen Religionen, d.h. vor allem Christen und Muslime, getrennt voneinander lebten. Seit einiger Zeit habe es jedoch eine immer stärkere Diversifikation gegeben, sodass jetzt auch im christlichen Viertel Ankawa vermehrt Moslems lebten. Wie ist das derzeitige Verhältnis zwischen den Religionen vor Ort?

„In der Vergangenheit, beispielsweise im Jahr 2008/2009, herrschte eine eher aggressive Stimmungsmache durch die Imame. Mit der Zeit wurde die Bevölkerung jedoch immer aufgeklärter und sah ein, dass nicht alles, was ein Imam sagt, zwangsläufig stimmt – und das Verhältnis verbesserte sich. Leider kam dann 2012/2013 der Islamische Staat (ISIS), was womöglich der größte Schlag für die irakische Christenheit war und zu einer riesigen Fluchtbewegung führte, da eine konstante Lebensgefahr bestand“, erinnert sich Manly.

Nach der Vertreibung des Islamischen Staates habe sich das Verhältnis in den letzten Jahren wieder verbessert und man versuche, die geteilte Menschlichkeit in den Vordergrund zu stellen. Trotzdem bestünden leider aber auch Vorurteile und Ängste fort, häufig vermittelt in der Erziehung und in Form generationsübergreifender Prägungen. Man müsse daher aufpassen, wem man wie antwortet, insbesondere wenn es um Fragen des eigenen Glaubens geht, betonen die beiden.

Evangelisierung unter erschwerten Bedingungen

Evangelisierung geschehe in diesem Kontext von katholischer Seite durch das persönliche Lebenszeugnis und das Angebot praktischer Hilfeleistungen, etwa im Kontext der gegenwärtigen Konflikte in kurdischen Regionen Syriens. Andere christliche Denominationen, insbesondere Evangelikale, wählten dagegen einen direkteren Ansatz, welcher jedoch häufig unfruchtbar bleibe, berichten die jungen Chaldäer.

Eine Kirche mit Geschichte, die zusammenhält

Zumeist beschränke sich der Fokus der katholischen Kirchengemeinden letztlich auf die Aufrechterhaltung des noch bestehenden Glaubens, so Manly. Was damit einhergeht, sei ein starker kirchlicher Zusammenhalt. „Ich habe Deutschland, Italien, die Schweiz und andere Teile Europas bereist und dabei versucht, so viele Kirchen wie nur möglich zu besuchen. Doch um ehrlich zu sein: was mich dabei am meisten bewegte, war das Ausmaß an Fürsorge und Liebe füreinander in der irakischen Gemeinschaft“, erzählt Manly begeistert. Die Menschen seien dort bereit, Mühen auf sich zu nehmen, damit es dem anderen besser geht. Und sie würden sich sogar freuen, wenn sie darum gebeten würden.

Für Sally sticht hingegen insbesondere der historische Aspekt als Kernmerkmal irakischen Christseins hervor. Sie findet es sehr besonders, sagen zu können, dass sie in einem Land lebt, in dem sich weite Teile der biblischen Geschichte abgespielt haben. Insbesondere, dass im Irak immer noch Aramäisch, also die Sprache Jesu, gesprochen wird, sei bezeichnend für das irakische Christentum. „Wenn mich jemand fragt, welche Sprache ich spreche, antworte ich: ,Die Sprache Jesu‘. Ich liebe diese Frage, schließlich gibt es sonst ja nur sehr wenig andere Gemeinschaften, die diese auch noch sprechen.“

Geprüfter Glaube

Das Leben in diesem Land der Bibel geht jedoch auch mit einigen Schwierigkeiten einher – es gebe teils Gleichgültigkeit und teilweise sogar offenkundige Feindseligkeit der Bevölkerung gegenüber den lokalen christlichen Gemeinschaften. Dies sei für letztere zumeist sehr entmutigend und fordere den eigenen Glauben sehr heraus, weiß Sally.

Zusätzlich gebe es noch zahlreiche Sorgen aufgrund der schwierigen sozioökonomischen und politischen Lage im Land, welche manchmal zur Vernachlässigung der eigenen Glaubenspraxis führten, ergänzt Manly. „Wie kann ich meine Religion praktizieren und mich in ihr weiterentwickeln, wenn ich erlebe, wie Raketen über mein Dach fliegen? Wie kann ich mich darauf konzentrieren, in die Kirche zu gehen und der Predigt des Priesters zuzuhören, wenn ich nicht weiß, ob mein Vater im nächsten Monat Lohn erhält? Wie kann ich mich auf das Bibelstudium fokussieren, wenn gleichzeitig die Luftverschmutzung im Land drastisch zunimmt und sehr viele gesundheitliche Probleme verursacht?“ Umso mehr muss daher, im Angesicht solcher riesigen Schwierigkeiten, das eigene Glaubensfundament feststehen, unterstreicht er.

„Lebt euren Glauben!“

Genau dies wünschen die beiden auch den Christen im Westen. „Als ich vor einiger Zeit Italien besuchte, sah ich viele wunderschöne große Kirchengebäude…aber keine Menschen darin“, bedauert Sally. „Unsere Kirchen sind dagegen voll, obwohl die christliche Gemeinschaft hier sehr klein ist. Wenn ich daher eine Botschaft an die Christen im Westen senden könnte, wäre es diese: Lebt euren Glauben!“

(vatican news – ra)

 

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24. Februar 2026, 12:32