Statistik: Lateinamerika verliert seine katholische Dominanz
Mario Galgano - Vatikanstadt
Die am 21. Januar veröffentlichten Studienergebnisse basieren auf Umfragedaten vom Frühjahr 2024, bei denen über 6.200 Erwachsene in Argentinien, Brasilien, Chile, Kolumbien, Mexiko und Peru befragt wurden.
Ein zweistelliger Abwärtstrend
Trotz des Rückgangs bleibt der Katholizismus die größte Religion der Region – doch die Vormachtstellung bröckelt. In den sechs untersuchten Ländern schwankt der Anteil der Katholiken nur noch zwischen 46 Prozent und 67 Prozent der Gesamtbevölkerung. Besonders alarmierend für den Vatikan: In allen sechs Ländern sank die Zahl der Katholiken im letzten Jahrzehnt um neun Prozentpunkte oder mehr.
Den massivsten Verlust verzeichnete Kolumbien. Dort fiel der Anteil von 79 Prozent (2014) auf aktuell 60 Prozent. Dicht dahinter folgen Chile (von 64 auf 46 Prozent), Brasilien (von 61 auf 46 Prozent) und Mexiko (von 81 auf 67 Prozent). In Peru war der Rückgang mit einem Minus von neun Prozentpunkten (von 76 auf 67 Prozent) am geringsten.
Der Aufstieg der Konfessionslosen
Der Verlust der Kirche ist der Gewinn der sogenannten „Nones“ – Menschen, die sich als Atheisten, Agnostiker oder ohne besondere Glaubensidentität bezeichnen. Ihr Anteil stieg um mindestens sieben Prozentpunkte und macht nun je nach Land zwischen 12 Prozent und 33 Prozent der Bevölkerung aus. In Ländern wie Argentinien, Chile, Kolumbien und Mexiko gibt es mittlerweile sogar mehr konfessionslose Erwachsene als Protestanten.
Der Bericht macht deutlich, dass dieser Wandel kein neues Phänomen ist, sondern sich seit dem Jahr 1900 beschleunigt hat. Damals waren fast 95 Prozent der Lateinamerikaner katholisch. In Brasilien und Chile ist dieser Wert im letzten Jahrhundert um fast 50 Prozent eingebrochen.
Konkurrenz durch Freikirchen und religiöse Wechsel
Ein Hauptgrund für den Wandel ist das sogenannte „Religious Switching“: Etwa zwei von zehn Erwachsenen wurden katholisch erzogen, identifizieren sich heute aber nicht mehr mit dieser Tradition. Während viele zu den Konfessionslosen abwandern, schließen sich andere protestantischen, insbesondere pfingstkirchlichen Bewegungen an.
Der Protestantismus blieb in den letzten zehn Jahren relativ stabil, mit leichten Zuwächsen. Brasilien führt hier die Liste mit 29 Prozent Protestanten an. Auffallend ist, dass Protestanten in der Region oft eine deutlich höhere religiöse Praxis aufweisen: Sie geben häufiger an, dass Religion in ihrem Leben „sehr wichtig“ sei, und besuchen öfter Gottesdienste als ihre katholischen Mitbürger.
Tief verwurzelte Spiritualität bleibt bestehen
Trotz der Abkehr von der Institution Kirche bleibt Lateinamerika eine zutiefst religiöse Region. Rund neun von zehn Befragten in jedem Land geben an, an Gott zu glauben – ein Wert, der weit über dem europäischer Länder liegt. Sogar unter den Konfessionslosen bekennt sich eine Mehrheit zur Existenz Gottes.
Auch im Alltag spielt der Glaube eine Rolle: In Brasilien (76 Prozent) und Kolumbien (71 Prozent) gibt die Mehrheit der Erwachsenen an, mindestens einmal am Tag zu beten. In Mexiko (59 Prozent) und Peru (53 Prozent) besucht mehr als die Hälfte mindestens einmal im Monat einen Gottesdienst.
Interessanterweise bewahren Katholiken häufiger traditionelle oder indigene spirituelle Überzeugungen. Sie glauben eher als Protestanten an Geister in der Natur oder an den Einfluss von Ahnengeistern und tragen häufiger religiöse Symbole oder Amulette bei sich.
Die Generationenkluft
Die Studie zeigt eine klare Altersgrenze: Jüngere Erwachsene identifizieren sich deutlich seltener als katholisch und bezeichnen sich stattdessen eher als Atheisten oder Agnostiker. Bei den protestantischen Anteilen gibt es hingegen kaum signifikante Unterschiede zwischen den Altersgruppen oder den Geschlechtern.
(ucan)
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