Nuntius in Kyiv: „Wir sind verwundet und traumatisiert“
Svitlana Dukhovych und Mario Galgano - Vatikanstadt
Die Situation in der Hauptstadt Kyiv ist kritisch. Nach Angaben von Bürgermeister Vitali Klitschko waren allein am 9. Januar 6.000 Gebäude ohne Heizung. Auch an diesem Freitagmittag sind noch immer rund 100 Wohnblöcke von der Wärmeversorgung abgeschnitten. Die Techniker arbeiten rund um die Uhr, doch das Defizit im Stromnetz ist gewaltig: Bei einem Bedarf von 18 Gigawatt stehen derzeit nur 11 Gigawatt zur Verfügung.
Parallelen zum Holodomor
Im Gespräch mit den vatikanischen Medien berichtet Nuntius Kulbokas, dass die Krise längst über den Kälteschutz hinausgeht. „In Städten wie Lwiw oder Charkiw haben die Menschen oft nur für drei Stunden am Tag Strom. Das bedeutet, dass die Bäcker kein Brot backen können“, so der Erzbischof. Diese Kombination aus Kälte und Nahrungsmittelmangel erinnere ihn an den Holodomor, die von Stalin herbeigeführte Hungernot. Sollte sich die Lage nicht stabilisieren, schließt der Nuntius eine Evakuierung der Hauptstadt nicht mehr aus – eine Hypothese, die auch die Stadtverwaltung bereits öffentlich diskutiert.
Ein Jahr des Gebets inmitten der Trümmer
Trotz der widrigen Umstände versammelten sich die Bischöfe des lateinischen Ritus an diesem Freitag im Marienheiligtum von Berdytschiw. Anlass war der 35. Jahrestag der Wiederherstellung der kirchlichen Hierarchie in der Ukraine im Jahr 1991. Zugleich riefen die Bischöfe das Jahr 2026 zum „Jahr des Heiligsten Herzens Jesu“ aus.
„Wir haben darum gebetet, dass die Güte Gottes über die Sünde und den Krieg siegt“, erklärt Kulbokas, der die Messe leitete. Die Feier, die in geistlicher Verbundenheit mit Papst Leo XIV. stattfand, sei ein zutiefst bewegender Moment gewesen. „Der Teufel hat Angst vor jedem Augenblick, in dem wir Gott verherrlichen. Wir sind zuversichtlich, dass der Herr mit uns ist.“
Die unsichtbaren Wunden der Seele
Neben der materiellen Not sorgt sich der Nuntius vor allem um die psychische Gesundheit der Ukrainer. Im Gespräch mit Bischöfen aus den besonders hart umkämpften Regionen Charkiw, Saporischschja und Odessa wurde deutlich, wie tief die Traumata sitzen. Kulbokas berichtet von einem Helfer aus Sumy, der erst bei Reisen ins Ausland merkte, wie sehr ihn der Krieg gezeichnet hat: „Jedes Geräusch klang für ihn wie ein Bombeneinschlag oder eine herannahende Drohne.“
„Heute ist die gesamte ukrainische Bevölkerung verwundet und schwer traumatisiert“, betont der Nuntius. Er hoffe, dass die Weltkirche nicht nur für den Frieden, sondern auch speziell für die mentale Heilung der leidenden Menschen betet. Trotz der Erschöpfung und der ständigen Gefahr durch Raketen und Drohnen bleibe das geistliche Fundament der Bischöfe und Gläubigen jedoch fest im Vertrauen auf Gott verankert.
(vatican news)
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