Kardinal Pierbattista Pizzaballa Kardinal Pierbattista Pizzaballa 

Pizzaballa: „Niemand darf den Wunsch nach Würde ignorieren“

Kardinal Pierbattista Pizzaballa, der lateinische Patriarch von Jerusalem, mahnt angesichts der anhaltenden Spannungen im Nahen Osten, dass Frieden ohne Gerechtigkeit nicht vorstellbar ist.

Francesca Sabatinelli - Jordanien

Kardinal Pizzaballa, der sich derzeit zu einer Konferenz mit rund sechzig Priestern am Toten Meer in Jordanien aufhält, zieht Parallelen zwischen den verschiedenen Unruhen in der Region. Ob die Proteste im Iran oder die Lage im Heiligen Land: Überall sieht er den „Aufschrei nach Frieden, Gerechtigkeit und Würde“. Seine Sorge gilt einer weiteren Eskalation: „Sicherlich kann niemand den Wunsch nach Leben und Gerechtigkeit ignorieren, der ein wesentlicher Teil des Gewissens jedes Menschen ist“.

Ein gespaltenes Land

Die Diözese des Patriarchen erstreckt sich über vier verschiedene Nationen, die alle unterschiedlich vom aktuellen Konflikt betroffen sind. Während Jordanien vor allem unter einer „Lähmung des Handels“ und wirtschaftlichen Einbußen leidet, beschreibt Pizzaballa die Lage in anderen Gebieten als weitaus dramatischer.

In Israel, insbesondere in Galiläa, beobachtet er eine wachsende Kluft zwischen der jüdischen Mehrheit und der arabischen Minderheit. In der Westbank verschlechtert sich die Lage kontinuierlich, verschärft durch ausbleibende Genehmigungen und geschlossene Grenzen, die das Leben der Gemeinschaften massiv beeinträchtigen.

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Gaza: Hunger, Kälte und politische Unsicherheit

Besonders erschütternd sei die Lage im Gazastreifen, so der Patriarch. Obwohl die intensivsten Kampfhandlungen laut Pizzaballa nachgelassen haben, gehen gezielte Bombardierungen weiter. „Es gibt zwar mehr Lebensmittel als zuvor, aber es fehlt an Medikamenten“, betont er. Die Menschen würden nicht nur durch Gewalt sterben, sondern auch an Kälte und mangelnder medizinischer Grundversorgung. „Es gibt keine Antibiotika, keine Basismedikamente. Die Aussichten für die Bevölkerung bleiben höchst ungewiss.“

Politisch richtet sich die Aufmerksamkeit auf das angekündigte „Board of Peace“, ein internationales Gremium unter der Führung von US-Präsident Donald Trump. Dieses soll eine Expertenregierung in Gaza überwachen. Pizzaballa bleibt skeptisch: „Es ist sehr schwer absehbar, was dieses Board tun kann, wie es funktionieren wird und wie sich die Dinge dadurch ändern sollen“. Klar sei bisher nur, dass die Region vor einer „totalen Verwüstung“ stehe.

Appell zur Rückkehr der Pilger

Trotz der Krise ruft der Kardinal die Gläubigen weltweit auf, als Pilger in das Heilige Land zurückzukehren. Besonders Jordanien sei derzeit ein sicherer und lebendiger Teil der Ursprungsregion des Christentums. Für Pizzaballa ist das Heilige Land ein „fünftes Evangelium“ und eine Art „achtes Sakrament“.

„Jeder kann ein guter Christ sein, ohne ins Heilige Land zu fahren. Aber wenn man dorthin fährt, wird der christliche Glaube stärker und konkreter“, so der Kardinal. Er ermutigt die Gläubigen, diese „wunderbare Erfahrung der Begegnung mit Jesus Christus und seiner Menschlichkeit“ vor Ort zu suchen.

Der Besuch der heiligen Stätten sei nicht nur ein Akt der Frömmigkeit, sondern auch ein Zeichen der Solidarität mit einer Region, deren Völker sich nach nichts mehr sehnten als nach einer Rückkehr zur Normalität und zur Gerechtigkeit.

(vatican news - mg)

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13. Januar 2026, 13:43