Grönland: Wie philippinische Migranten die Arktis-Wirtschaft stützen
Mario Galgano - Vatikanstadt
Die aktuelle Krise in Grönland betrifft Südostasien – und insbesondere die Philippinen – aus zwei gegensätzlichen Gründen. Zum einen ist die grönländische Wirtschaft zunehmend von asiatischen Arbeitskräften abhängig. Zum anderen sind es ausgerechnet die Herkunftsländer dieser Migranten, welche die schwersten ökologischen Folgen der Eisschmelze in Grönland zu tragen haben.
Ein demografisches Vakuum
Grönland kämpft mit einem massiven Bevölkerungsrückgang. Laut Statistics Greenland könnte die Zahl der Einwohner in den nächsten 25 Jahren von derzeit 57.000 auf etwa 46.000 sinken. Um Schlüsselbereiche wie die Fischverarbeitung, die Gastronomie und die Schifffahrt am Laufen zu halten, setzt Nuuk verstärkt auf Zuwanderung.
Besonders die philippinische Diaspora ist zu einer tragenden Säule geworden. Inzwischen leben rund 1.100 Filipinos und 400 Thailänder auf der Insel – eine enorme Steigerung im Vergleich zu den Zahlen von vor fünf Jahren. Der staatliche Fischereigigant Royal Greenland wirbt offensiv um Arbeitskräfte aus Manila. Der Anreiz ist groß: Das Einkommensgefälle zwischen den Philippinen und Grönland liegt in einem Verhältnis von bis zu 1:10.
Soziale Spannungen und die Sprachbarriere
Der Wandel verläuft jedoch nicht ohne Reibungen. Teile der Inuit-Bevölkerung, die historisch Diskriminierungen erfahren haben, blicken mit Sorge auf die Veränderungen. Ein Reizpunkt ist die Sprache: Viele asiatische Zuwanderer priorisieren das Erlernen des Dänischen gegenüber der komplexeren grönländischen Sprache, was die soziale Integration erschwert. Zudem herrscht unter den Migranten die Sorge, dass Arbeitgeber die geopolitische Unsicherheit rund um die US-Ansprüche nutzen könnten, um Löhne zu drücken.
Das klimatische Paradoxon: Der „gravitative Fingerabdruck“
Das wohl erschütterndste Detail dieser Verbindung ist der sogenannte „gravitative Fingerabdruck“ (gravitational fingerprint). Große Eismassen wie der grönländische Eisschild üben eine enorme Anziehungskraft auf das umliegende Meerwasser aus. Schmilzt dieses Eis, nimmt die Schwerkraft lokal ab, wodurch der Meeresspiegel in unmittelbarer Nähe Grönlands sinkt, während er in weit entfernten Regionen – insbesondere in Äquatornähe – überproportional ansteigt.
Während die Eisschmelze im letzten Jahrhundert weltweit einen Anstieg von durchschnittlich 0,6 Millimetern pro Jahr verursachte, stieg der Meeresspiegel in Manila zuletzt um etwa 2,6 Zentimeter pro Jahr. Die Menschen, die in Grönland das Eis und dessen industrielle Verwertung miterleben, finanzieren mit ihren Rücksendungen Familien in einer Heimat, die durch genau diese Eisschmelze buchstäblich im Meer versinkt.
(asianews)
Danke, dass Sie diesen Artikel gelesen haben. Wenn Sie auf dem Laufenden bleiben wollen, können Sie hier unseren Newsletter bestellen.