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Unser Buchtipp: Dorothy Thompson - Das Ende der Demokratie Unser Buchtipp: Dorothy Thompson - Das Ende der Demokratie 

Unser Buchtipp: Prophetie des Untergangs

Sie war die erste US-Korrespondentin in Berlin, interviewte Hitler und wurde 1934 als erste ausländische Journalistin ausgewiesen. Der nun erschienene Band „Das Ende der Demokratie“ versammelt Dorothy Thompsons hellsichtige Reportagen aus den Jahren 1931 und 1932 – eine Lektüre, die durch ihre Aktualität nachdenklich macht.

Als Dorothy Thompson im Jahr 1931 Adolf Hitler zum Interview traf, beschrieb sie ihn als die Karikatur eines „kleinen Mannes“. Es war eine Fehleinschätzung, die sie später korrigierte, doch ihr scharfer Blick für das gesellschaftliche Gift, das die Nationalsozialisten versprühten, blieb unbestechlich. Während viele Zeitgenossen noch an die Stabilität der Weimarer Republik glaubten, sezierte Thompson bereits deren Todeskampf.

Der Berner Literaturprofessor Oliver Lubrich hat nun unter dem Titel „Das Ende der Demokratie“ Thompsons Reportagen aus der „Saturday Evening Post“ neu herausgegeben. Es ist ein publizistisches Ereignis, das zeigt: Thompson war nicht nur eine Pionierin des Journalismus, sondern eine Psychologin der Massenhysterie.

Der „Täuschungs-Effekt“ der 1930er Jahre

Lubrich zieht im Gespräch über das Buch deutliche Parallelen zur heutigen Zeit. Thompson erkannte früh, dass die NSDAP keine normale Partei war, sondern eine Bewegung der unteren Mittelschicht, die sich aus Angst vor dem sozialen Abstieg radikalisierte. Besonders beeindruckt zeigt sich Lubrich von Thompsons Analyse der NS-Propaganda. Sie beschrieb die Auftritte von Joseph Goebbels als „Filmproduktionen“ – eine perfekte Inszenierung aus Lichteffekten, Tontechnik und Fahnen, die rein auf Affekte zielte.

„Thompson verstand, dass sich in Hitlers aufgeblasener Mittelmäßigkeit viele Menschen wiedererkannten“, erklärt Lubrich. Dieser „Täuschungs-Effekt“ bestand in der Unfähigkeit der Eliten, sich vorzustellen, dass eine solche Figur jemals an die Macht kommen könnte, gepaart mit einer Wählerschaft, die in der Person des Agitators ihre eigenen Ressentiments gespiegelt sieht.

Krise als Droge: Wenn Fakten keine Rolle mehr spielen

Ein zentraler Punkt in Thompsons Texten ist der psychologische Aspekt von Krisen. Anhand des Reichskanzlers Heinrich Brüning analysierte sie, dass Demokratien dann zugrunde gehen, wenn ökonomische Not und psychologische Hysterie zusammenfallen. Lubrich verweist hierbei auf Thompsons „spektakuläre Einsicht“, dass Menschen oft gegen ihre eigenen Interessen handeln. Rechtspopulismus funktioniere „wie eine Droge“, die Gefühle von Genugtuung bietet, für die die Anhänger bereit sind, fatale Konsequenzen in Kauf zu nehmen.

Bemerkenswert aktuell ist auch Thompsons Schilderung des „Grauhörnchenkomplexes“ – eine Metapher für die Angst vor Überfremdung und den Rückzug in den Nationalismus. Sie beschreibt einen Teufelskreis: Die Wut auf alles Fremde führt zu Abschottung und Zöllen, deren wirtschaftliche Folgen wiederum die Wut derjenigen befeuern, die sie ursprünglich gefordert haben.

Stadt gegen Land: Eine tiefe Spaltung

Bereits 1931 identifizierte Thompson die rechtspopulistische Bewegung als eine „Revolte der Landbevölkerung gegen die Städter“. Diese Spaltung des Wahlverhaltens ist ein Phänomen, das heute in den USA, Deutschland und der Schweiz aktueller denn je ist.

Obwohl Lubrich in seinem Nachwort betont, dass das heutige Deutschland – anders als die Weimarer Republik – kein Präsidialsystem ist und über eine verfassungstreue Opposition verfügt, bleibt die Lektüre verstörend. Thompsons Reportagen wirken wie Berichte aus einer Zeit, die nur auf den ersten Blick vergangen scheint. Sie erinnert uns daran, dass Demokratie kein Naturgesetz ist, sondern ein fragiles Gebilde, das an psychologischer Polarisierung zerbrechen kann.

Zum Mitschreiben

Dorothy Thompson: „Das Ende der Demokratie. Reportagen aus Deutschland 1931–1932“.  Übersetzung: Johanna von Koppenfels Herausgeber: Oliver Lubrich Verlag: Das vergessene Buch (DVB), 424 Seiten, ISBN 978-3903244467

Eine Rezension von Mario Galgano.

(vatican news)

 

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05. Januar 2026, 13:22