Polvani zu „Magnifica humanitas“: KI auch kulturell entwaffnen
Jean Charles Putzolu und Stefanie Stahlhofen - Vatikanstadt
Im Interview mit den vatikanischen Medien interpretiert Erzbischof Polvani das päpstliche Schreiben als Stimme der Kirche zu Beginn einer neuen industriellen Revolution. Er sagt zu „Magnifica humanitas“ und Künstlicher Intelligenz:
„Es gibt ein neues Instrument, das die Menschheit verändern wird, und es ist eine Chance für die Menschheit, sich zu humanisieren, sich zum Guten zu wandeln, und zwar vollständig. Das ist es, was der Papst vorschlägt."
Die Kirche spreche daher auch nicht schlecht von KI, sondern konzentriere sich auf die Möglichkeiten, die sie im Hinblick auf das Gute bieten kann - benenne dabei aber auch klar alle Risiken, so Erzbischof Polvani: „Die große Bedeutung der katholischen Kirche liegt also darin, dass sie Orientierungspunkte geben kann, damit dieses Instrument kein Risiko darstellt. Künstliche Intelligenz ist an sich eine Macht. Diese Macht kann zum Wohl der Menschheit eingesetzt werden, wenn sie in dem Sinne entwaffnet wird, dass sie nicht für gefährliche Zwecke genutzt wird. Das Schlüsselwort für diese Unterscheidung ist, eine kulturelle Entwaffnung, die die Kirche vorschlägt.“
Die Rolle von Bildung und Kultur
Damit schlägt der vatikanische Kultur- und Bildungsbeauftragte einen direkten Bogen zum Papstschreiben„Magnifica humanitas von Papst Leo XIV., der im fünften und letzten Kapitel von der Entwaffnung der Worte spricht und im dritten Kapitel bereits eine Entwaffnung von KI fordert (110). Im vierten Kapitel hingegen befasst sich Papst Leo XIV. genauer damit, wie es gelingen kann, das Menschliche in Zeiten des Wandels zu bewahren, besonders mit Blick auf die Themen Arbeit, Freiheit und Wahrheit.
„Die Frage der Bildung betrifft insbesondere die Wahrheit, denn es geht darum, bei den jungen Generationen, die sich bereits in der neuen Zeit befinden, ohne sich dessen bewusst zu sein – da sie die Welt von früher nicht kennen –, einen kritischen Geist zu entwickeln, aber einen konstruktiven. Nicht im negativen Sinne, sondern im positiven Sinne dieses neuen Instruments. Die Bildung ist einer der wichtigsten Orte, um diese Fähigkeit der jungen Generationen zu fördern: die positiven und negativen Auswirkungen der künstlichen Intelligenz verstehen.“
KI bringt Wandel der Kultur mit sich
Der Sekretär des vatikanischen Dikasteriums für Kultur und Bildung betont, dass KI keine Modeerscheinung sei, sondern einen Wandel der Zivilisation und Kultur mit sich bringe. Was das für die Menschheit bedeute, habe Papst Leo XIV. durch die Bibelstelle vom Turmbau zu Babel in der Einleitung seiner Enzyklika verdeutlicht:
„Der Turm zu Babel ist ein Ort, an dem der Stärkste gewinnt. So nutzt der Papst dieses Bild: Der Schnellste, der Stärkste, der Leistungsfähigste wird sich durchsetzen, und die künstliche Intelligenz wird ihm dies ermöglichen. Man sieht es heute: Es gibt zwei oder drei Länder, die allen anderen deutlich voraus sind..."
In „Magnifica humanitas“ werbe Papst Leo XIV. für die Vision einer anderen Welt:
„Die Alternative zu diesem Wettlaufsystem, bei dem der Erste, der ankommt, alles bekommt, ist eine Alternative derer, die vorne liegen und sich um den Zweiten und die hinter ihnen kümmern. Und das bedeutet, wenn man technologisch voraus ist und tatsächlich immer reicher wird, immer mehr verdient, man auch an diejenigen denken muss, die zurückbleiben könnten, an diejenigen, die es nicht schaffen werden, denn sie dürfen nicht ausgeschlossen werden.“
Hintergründe
Papst Leo XIV. hat am Pfingstmontag seine Enzyklika „Magnifica humanitas“ persönlich im Vatikan vorgestellt. Sie befasst sich mit den Herausforderungen, die die künstliche Intelligenz für die gesamte Menschheit mit sich bringt. Das Dokument, das am 15. Mai 2026 vom Papst unterzeichnet wurde, verkörpert das Wort der Kirche zu Beginn einer neuen industriellen Revolution, 135 Jahre nach der Enzyklika „Rerum novarum" von Papst Leo XIII. Wir haben mit Erzbischof Carlo Maria Polvani*, Sekretär des Dikasteriums für Kultur und Bildung, über das Papstschreiben gesprochen.
*Zur Person
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