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P. Eberhard von Gemmingen SJ P. Eberhard von Gemmingen SJ  

Pater Eberhard v. Gemmingen wird 90 Jahre alt

Es ist für Radio Vatikan ein besonderer Grund zum Feiern: Unser langjähriger Redaktionsleiter, Pater Eberhard v. Gemmingen SJ, wird an diesem 4. April 90 Jahre alt.

Der einfühlsame Seelsorger und quirlige Journalist stand von 1982 bis 2009 an der Spitze des deutschsprachigen Programms von Radio Vatikan. Geboren 1936 im schwäbischen Bad Rappenau, ist er 1957 in den Jesuitenorden eingetreten; noch heute predigt er regelmäßig in der Münchner Ludwigskirche. Radio Vatikan hat Pater v. Gemmingen unendlich viel zu verdanken; wir gratulieren ihm alle von Rom aus von Herzen!

Interview

Was ist Ihre schönste Erinnerung an Ihre Zeit in Rom und beim Vatikan?

„Nicht gerade das schönste, aber doch das bewegendste Ereignis in Rom war wohl die Beerdigung von Johannes Paul II. im Jahr 2005. Ich stand mit mehreren Journalisten und Kollegen im Garten des Jesuitengeneralates hoch droben und konnte runterschauen auf den Petersplatz – und dort waren Hunderttausende von Menschen versammelt. Wir wussten ja auch, dass vielleicht Millionen von Menschen nach Rom zur Beerdigung des Papstes gekommen waren, darunter Dutzende oder vielleicht sogar Hunderte von Politikern, Staatsführern und weitere berühmte Leute. Und Johannes Paul II. war nicht nur das Oberhaupt der katholischen Kirche gewesen, sondern eben auch ein Mann, der im politischen Bereich eine riesige Rolle gespielt hatte, nämlich für den Zusammenbruch des Kommunismus, des Ostblocks. Unten auf dem Petersplatz vor dem Petersdom erhob sich der Altar, vor dem Altar stand der Sarg von Johannes Paul II., und auf dem Sarg lag ein Buch, dessen Blätter vom Wind umgeblättert wurden. Das alles war sehr, sehr, sehr beeindruckend, weil man schon den Eindruck hatte, bei einer historisch wichtigen Gelegenheit dabei zu sein. Die Frage für uns Redakteure von Radio Vatikan lautete natürlich: Wie kommen wir nachher wieder unten ins Radio hinein? Das Radio liegt ja bei der Engelsburg, und auch dort drängten sich Tausende von Menschen, so dass man Angst haben musste, nicht ins Haus reinzukommen. Dabei mussten wir ja nachher um 16 Uhr in den Äther gehen, also die Sendung machen… Das war ein wirklich sehr bewegender Tag – für mich wohl das Beeindruckendste in meiner Zeit in Rom.“

  (©Gudrun Sailer)

„Als ich nach Rom zu Radio Vatikan kam, hatte ich noch nie in meinem Leben Radio Vatikan gehört“


Und was war das Schwierigste, was Sie in Ihrer Zeit am Vatikan erlebt haben?

„Darauf fällt darauf eigentlich keine Antwort ein… Aber das Seltsamste war: Als ich nach Rom zu Radio Vatikan kam, hatte ich noch nie in meinem Leben Radio Vatikan gehört! Ich kannte niemanden, der Radio Vatikan hörte, und deswegen dachte ich mir: ‚Also, da hört sowieso niemand zu, da kann man machen, was man will‘. Allerdings habe ich dann festgestellt, dass wir sehr viel Post aus dem deutschen Sprachraum bekamen: Wir waren, glaube ich, die Abteilung, die die meiste Post bekommen hat. Und daran zeigte sich, dass wir doch Hörer haben! Ich habe dann scherzhaft immer wieder gesagt: ‚Wir sind ein Geheimsender, weil uns eben so wenige Leute hören‘. Doch ich glaube, die Zahl der Hörerinnen und Hörer ist im Laufe der Jahre gestiegen, weil die Redaktion im Laufe der Zeit aus meiner Sicht immer temperamentvoller, dynamischer, bunter und irgendwie auch besser wurde. Das Schwierigste war vielleicht, dass ich mich immer gefragt habe: ‚Fragen sich eigentlich die Verantwortlichen von Radio Vatikan über mir, oder fragen sich die Verantwortlichen im Vatikan überhaupt, ob und was die Sendungen von Radio Vatikan bewirken? Lohnt es sich, für eine relativ überschaubare Hörerzahl so viel Geld auszugeben?‘ Das Schwierigste war eigentlich, dass mich im Laufe meiner 27 Jahre am Vatikan niemals jemand gefragt hat, wie nützlich, wie hilfreich, wie bewegend Radio Vatikan ist… Wir konnten wissen, dass Radio Vatikan für den ganzen, kommunistischen Ostblock, sehr wichtig war, weil dort unendlich viele Leute abgeschnitten waren von den freien Medien; Radio Vatikan war in dieser Hinsicht in Polen,Ungarn, Belarus, Russland und in unendlich vielen Ländern sehr wichtig.“

90. Geburtstag von Pater Eberhard v. Gemmingen - ein Radio-Vatikan-Interview

„Was müssen die Kirchen, Verantwortlichen, die Priester und auch Religionslehrer und alle anderen, die fulltime in der Kirche arbeiten, tun, damit ein Minimum an Grundwissen über Jesus Christus bei den Getauften vorhanden ist?“


Wozu wird der Vatikan heute noch gebraucht?

„Ich glaube schon, dass es eine oberste Leitung der katholischen Kirche geben sollte: Wenn es sie nicht gäbe, würde die Kirche auseinanderfallen. Es braucht schon einen Zusammenhalt, und zwar nicht nur eine Person, sondern eben auch eine ganze Struktur. Man sieht es eigentlich an den anderen Kirchen, an den vielen Freikirchen, den Baptisten, Methodisten usw. in den USA – es gibt sehr viele Kirchen. Kirche würde auseinanderfallen ohne eine Struktur wie den Vatikan. Er wird gebraucht! Es wird auch ein Papst gebraucht, der (auch nach Beratung mit vielen anderen) immer wieder sagt, wo es langgeht.“

Von welcher Kirche träumen Sie?

Ich träume lieber nicht, sondern ich frage mich: Was müssen die Kirchen, Verantwortlichen, die Priester und auch Religionslehrer und alle anderen, die fulltime in der Kirche arbeiten, tun, damit ein Minimum an Grundwissen über Jesus Christus bei den Getauften vorhanden ist? Denn die allermeisten Getauften im deutschen Sprachraum haben, glaube ich, nur wenig Ahnung von Jesus Christus und Gott, dem Vater und dem Heiligen Geist – minimal wenig Ahnung. Sie wissen, dass Frauen nicht Priester werden dürfen; sie wissen, dass Rom die Zügel in der Hand hat; sie wissen, dass manche Priester Kinder missbrauchen; sie wissen, dass es Gotteshäuser gibt, dass die Katholiken sonntags in die Messe gehen müssen, dass sie beichten müssen und dass die katholische Kirche streng ist. Aber wissen sie eigentlich, dass Jesus durch sein Leben und Sterben eine Kulturrevolution auf dem Globus bewirkt hat? Gebildete Menschen haben schon eine Ahnung davon, aber die große Masse nicht – die ärgert sich nur über alles, was vielleicht schlecht funktioniert.“

„Viele, unendlich viele Menschen leben nicht für ein großes Ziel, sondern eigentlich nur, um genug Geld zu verdienen und das Geld im Urlaub wieder auszugeben...“


Ist Europa dabei, seine christliche Seele zu verlieren?

„Also die wirkliche Seele, glaube ich, verliert es nicht; aber die Menschen, die noch von Jesus richtig wissen und an ihn glauben, ihr Leben an ihm festmachen, werden immer weniger, und damit können sie auch immer weniger das Innere, den Geist und die Seele Europas prägen. Deswegen wird Europa eben auch immer mehr vom Geld geprägt oder von Macht und von Vergnügen. Die Deutschen leben für die Ferien: um ans Mittelmeer zu fahren oder sonst wohin auf der Welt. Viele, unendlich viele Menschen leben nicht für ein großes Ziel, sondern eigentlich nur, um genug Geld zu verdienen und das Geld im Urlaub wieder auszugeben. Ich übertreibe vielleicht… Hoffentlich übertreibe ich mit dieser Formulierung! Aber das, was Europa einmal mehr oder weniger geprägt hat, nämlich der Glaube an Jesus Christus, an den Mann am Kreuz, ausgedrückt durch die Gotteshäuser, die Kirchen und Klöster, das ist schon sehr im Schwinden. Man kann nur wünschen und hoffen und beten, dass dieser Schwund des christlichen Europas gestoppt und umgekehrt wird, so dass wieder viele Menschen zum Glauben an Jesus Christus kommen.“

Das Interview mit Pater Eberhard von Gemmingen SJ führte Stefan v. Kempis von Radio Vatikan.

(vatican news)
 

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04. April 2026, 10:30