Innenhof des Palastes des vatikanischen Glaubensdikasteriums Innenhof des Palastes des vatikanischen Glaubensdikasteriums 

„Wohin gehst du, Menschheit?“ Ein Kollegengespräch

„Quo vadis, humanitas? – Wohin gehst du, Menschheit?“ So heißt ein neues Dokument der Internationalen Theologischen Kommission. Es wurde an diesem Mittwoch vom Vatikan veröffentlicht.

Unser Kollege Stefan von Kempis hat für uns schon mal darin geblättert. Frage an ihn: Was ist das für ein Papier?

Es ist, um es gleich zu sagen, ganz schön schwere Kost. 55 Seiten dichte theologische Überlegungen zur technologischen Beschleunigung, die wir in unserer Zeit erleben, zu Künstlicher Intelligenz, Transhumanismus, Posthumanismus. Das ist für einen „Laien“ nicht ganz leicht zu lesen und zu verdauen. Aber natürlich ein wichtiges Thema, mit dem wir uns alle auseinandersetzen sollten. Es gibt das Dokument bisher nur auf Italienisch und Spanisch, aber in absehbarer Zeit wird das schon ins Deutsche übersetzt und dann im Internet veröffentlicht werden – ein theologisches Vademecum fürs digitale Zeitalter.

„Ein theologisches Vademecum fürs digitale Zeitalter“

Wer genau hat denn das neue Dokument verfasst?

Das war ein eigenes Untergremium aus neun Personen, darunter auch zwei mit deutschem Hintergrund: der Theologe Reinhard Hütter und die Schönstätter Marienschwester Isabell Naumann. Die Internationale Theologische Kommission gibt es seit den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts, sie ist sozusagen ein Kind des Konzils und ist beim vatikanischen Dikasterium für Glaubenslehre angesiedelt; wer sich mal die Mühe macht nachzuschlagen, wer alles zu diesem Gremium gehört hat, der stößt – allein schon für den deutschsprachigen Raum – auf Namen wie Rahner, Ratzinger, von Balthasar, Lehmann, Schönborn, Kasper, Söding. Mit der christlichen Anthropologie, also der christlichen Lehre vom Menschen, angesichts der Herausforderungen in der digitalen Ära hat die Kommission sich seit 2022 vertieft beschäftigt. Das bisher letzte große Dokument der Kommission drehte sich letztes Jahr um den 1700. Jahrestag des Konzils von Nizäa.

Elon Musk, oder: Darf/kann sich der Mensch selbst perfektionieren?
Elon Musk, oder: Darf/kann sich der Mensch selbst perfektionieren?   (AFP or licensors)

Was ist nun der Ausgangspunkt des neuen Dokuments?

Das ist die uralte Frage aus Psalm 8: „Was ist der Mensch, dass du an ihn denkst, des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst?“ Es geht also um den Menschen, seine Größe, seine Schwäche… seine Identität. Das alles aus der Sicht des Glaubens, und ganz spezifisch angesichts der Herausforderungen unseres digitalen Zeitalters. Dabei stützt sich der Text, der natürlich auch von Papst Leo gebilligt worden ist, namentlich auf die Konstitution „Gaudium et spes“ des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-65). Es geht also um einen offenen Dialog zwischen Kirche und Welt sowie zweitens um eine ganzheitliche Sicht des Menschen: als „Einheit von Körper und Seele, Herz und Gewissen, Verstand und Willen“. Trotz aller Ambivalenzen.

„Was ist der Mensch, dass du an ihn denkst? (Ps 8)“

Das lässt natürlich gleich an Personen wie Elon Musk denken, die glauben, dass sich der Mensch durch Technologie perfektionieren lässt. Oder dass sich das, was einen Menschen ausmacht, irgendwann sogar auf einen Computer downloaden lässt…

Ja, das sind die Stichworte Trans– und Posthumanismus. Darauf geht das Theologendokument aus dem Vatikan gleich im ersten Kapitel ein. Tenor: Beide Strömungen sind mit dem Christentum nicht zu vereinbaren. Weil sie beide die Widersprüche und Begrenztheiten, die zur menschlichen Existenz zwingend dazugehören, nicht akzeptieren. Anders als der christliche Glaube: Er zielt auf die Synthese der tiefen Spannungen und Gegensätze, die das Menschsein ausmachen; sie werden in Jesus Christus, seinem Leiden und seiner Auferstehung, aufgehoben und zu einer Einheit gebracht. Die „Fülle des auferstandenen Lebens“ in Christus, das sei der „Horizont jeder Veränderung und Verwandlung, die der Mensch für sich und für andere wünschen kann“, heißt es in dem Dokument.

Hört sich an wie eine Breitseite gegen jeden Versuch, sich physisch zu perfektionieren…

Ja – das Dokument verwirft in dieser Hinsicht auch einen „Körperkult“ im Westen oder den Wunsch, ewig „jung und schön“ zu bleiben. Der Körper sei nun mal aus christlicher Sicht kein „biologisches Material, das man potenzieren, transformieren und nach Belieben umbauen kann“; denn auch Schmerz, Altern, Behinderung, Tod gehören zum Leben dazu und lassen sich nicht ausmerzen. Damit ist natürlich nicht gesagt, dass man nicht jeden Tag zehn Minuten auf dem Fitnessrad trampeln darf. Aber man sollte eben seinen Körper als Geschenk auf Zeit verstehen, nicht als etwas, über das man uneingeschränkt verfügen kann. Übrigens hält das Theologenpapier dementsprechend nichts von der Vorstellung, dass die Identität als Mann oder Frau frei verändert werden könnte.

„Damit ist natürlich nicht gesagt, dass man nicht jeden Tag zehn Minuten auf dem Fitnessrad trampeln darf“

Das zielt ja bisher vor allem aufs einzelne Individuum. Aber nimmt das Theologendokument nicht auch ganze Gesellschaften in den Blick?

Ja. Es spricht zum Beispiel von der Krise der westlichen Demokratien. Die hat, so finden die Theologen, etwas mit der heutigen „Infosphäre“ zu tun, in der die Wirklichkeit verfälscht und die Polemik hochgefahren wird. Daraus entstehen soziale Konflikte, die oft zu Identitätskonflikten werden. Und daraus ergibt sich nicht zuletzt die aktuelle Krise der westlichen Demokratien: Es wird nämlich immer anstrengender, sich dessen zu versichern, „was uns alle als Menschen untereinander verbindet“. Das neue Dokument aus dem Vatikan warnt vor einer „Tribalisierung“ der politischen Debatte, vor einer Fragmentierung in stark polarisierte Gruppen.

  (AFP or licensors)

Wie ordnet das neue Dokument denn das Verhältnis von digitaler Welt und Religion ein?

Ziemlich kritisch. Da entsteht, so schreiben die Autoren, ein „riesiger religiöser Markt“ im Internet, der eine Auswahl à la carte nach individuellen Interessen bietet. Da entsteht auch – leider –eine bestimmte christliche Kommunikation, die in sozialen Netzwerken „Kontroversen schürt und sogar versucht, den guten Ruf anderer Menschen zu zerstören“. Es geht noch schlimmer, wenn man dem neuen Dokument folgt: In einer „Metamorphose des Glaubens“ wirft sich die Technologie letztendlich zum „spirituellen Führer und Vermittler des Heiligen“auf. Dazu nennt das Theologenpapier extreme Beispiele, etwa „virtuelle Segnungen und Exorzismen“.

„Jeder darf sein, wie er ist - und darf anders sein als andere“

Das sind ja ziemlich düstere Töne. Gibt es nicht auch positive Akzente in dem neuen Dokument?

Ja, durchaus. Vor allem die Art und Weise, wie über menschliche Beziehungen geschrieben wird – als wie wichtig und entscheidend sie dargestellt werden. Je authentischer der Mensch Beziehungen lebt, desto mehr reift seine persönliche Identität, betont das Theologenpapier. Und desto besser geht es auch der Gesellschaft, und der Umwelt. Sehr positiv wirkt auch der Appell, die „polaren Spannungen der menschlichen Identität“ anzunehmen. Spannungen zwischen Materie und Geist, männlich und weiblich, Individuum und Gemeinschaft, Endlich– und Unendlichkeit. Diese Spannungen gehörten zum Menschsein dazu, und die Differenz habe ihren Wert. Hier darf natürlich ein Verweis auf die göttliche Dreifaltigkeit nicht fehlen: „Trinitarisches Leben“ meint, dass sich die Beziehung zwischen zweien nicht in sich selbst verschließt oder den jeweils anderen aufhebt, sondern „sich der Erfüllung im Dritten öffnet“. Menschen haben dementsprechend ein Recht darauf, sie selbst und anders als andere zu sein! Und eine Gesellschaft ist nicht dann gut, wenn alles über einen Kamm geschoren wird, sondern wenn die Menschen in ihren Verschiedenheiten gut zusammenleben können.

(vatican news)
 

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04. März 2026, 14:37