Katholische Forschung lebt von Wettbewerb: 150 Jahre Görres-Gesellschaft
Der Leiter des Römischen Instituts der Görres-Gesellschaft, der Priester Stefan Heid, hielt vergangenen Samstag einen Vortrag über die Anfänge der Einrichtung. Sie entstand mitten im Kulturkampf, dem politischen und weltanschaulichen Konflikt zwischen dem lutherisch geprägten Preußen, personifiziert in Reichskanzler Otto von Bismarck, und der katholischen Kirche unter Papst Pius IX. Konflikt hat die Görres-Gesellschaft groß gemacht – und sie zehrt bis heute davon, das ist ein Punkt, den Stefan Heid hervorhob.
Den Katholiken war in Preußen der Zugang zu bestimmten staatlichen Ämtern verwehrt. „Makrohistorisch war diese Auseinandersetzung, sozusagen die Diskriminierung katholischer Forscher, am Ende sogar ein Vorteil für die katholischen Forscher“, so Heid. Denn als Antwort auf diese Lage entstand 1876 die nach dem katholischen Publizisten Joseph Görres benannte Gesellschaft. Ausgegrenzte katholische Wissenschaftler – Laien, nicht Priester – taten sich zusammen.
„Sie haben sich mit Händen und Füßen gewehrt und haben die Görres-Gesellschaft gegründet, um sich selbst Publikationsmöglichkeiten, Organe, Publikationsorgane zu geben, ein Sprachrohr zu schaffen, Vorträge, Vernetzung. In dieser Konkurrenz zu dem übermächtigen Staatsapparat der Preußen mit den großen Universitäten haben sie sich umso mehr angestrengt.“
Der Papst öffnet seine Archive
Ein zweiter Impuls kam aus Rom - von Papst Leo XIII. Die Öffnung des Vatikanarchivs 1881 mit seinen unermesslichen Dokumentenschätzen zog Historiker aus ganz Europa an. Franzosen und Österreicher waren schon mit Forschungsakademien in Rom vertreten, auch Preußen plante ein eigenes Institut. Die Görres-Gesellschaft, klein und wendig, entwarf sofort einen Plan und setzte ihn um.
„Auch hier war der eigentliche Stimulus der: Die Preußen wollen ein historisches Institut gründen, um die vatikanischen Dokumente auszubeuten, wie man das damals nannte, aber mit Blick auf die deutsch-römische oder päpstliche Geschichte, weniger mit Blick auf die Kirchengeschichte, sondern mit Blick auf die nationalen Dokumente, die Glorie Deutschlands wollten sie aus den römischen Archiven holen – ein klares nationales Interesse. Dagegen haben dann die Katholiken einen weiteren Blick gehabt. Sie haben gesagt, uns interessiert die gesamte Kirchengeschichte und das ist wesentlich weiter, es beschränkt sich nicht auf einzelne Staaten.“
Der Ort: Praktisch und symbolisch unschlagbar
Das Römische Institut der Görres-Gesellschaft verortete sich an einem bemerkenswerten Flecken, der ihm bis heute als Sitz dient: am Camposanto Teutonico an der Südflanke des Petersdoms. Technisch innerhalb der Vatikan-Mauern, rechtlich ein Ort, der sich gleichsam selbst gehört.
„Dass das Römische Institut in den Camposanto Teutonico kam, an das damals noch sehr, sehr ärmliche, bescheidene, kleine Priesterkolleg, das war eigentlich also fast unvermeidbar. Denn es war eine Symbiose, von der eigentlich alle nur profitieren konnten und profitiert haben.“
Bald schon kamen die ersten Stipendiaten der Görres-Gesellschaft, die für zwei, drei Jahre nach Rom geschickt wurden, um im vatikanischen Geheimarchiv historische Dokumente zu erforschen und zu editieren. „Wir sind ja fünf Minuten zu Fuß zum Vatikanarchiv entfernt. Der Eingang damals sozusagen beim Camposanto. Die Archivzeiten waren so knapp, dass man wirklich jede Minute nutzen musste. Man hatte ja noch keine Kopiergeräte und keine Fotos, man musste alles immer abschreiben, was man herausgeben wollte. Insofern war der Ort schon logistisch gesehen unschlagbar.“
Weshalb der Sitz des römischen Instituts der Görres-Gesellschaft niemals verlegt wurde. Es entwickelte sich rasch zu einem Zentrum historischer Editionsarbeit. Bücher und Quelleneditionen prägten die Arbeit. Bis heute greift das Institut auf diesen Bestand zurück.
Die Görres-Gesellschaft insgesamt blieb dabei bewusst breit aufgestellt. Sie vereint zahlreiche Disziplinen unter einem Dach. Eine eigene theologische Sektion entstand nie. Diese Struktur sollte eine Verengung vermeiden und den Austausch fördern. „Die Idee der Görres-Gesellschaft war schon erstaunlich“, findet der Historiker Heid, „die Gründungsidee, dass man sich nicht auf irgendeine Spezialwissenschaft einigt, sondern alle Fächer der Universitäten, die an den Universitäten auch waren, in sogenannten Sektionen heimisch macht.“
Heute zählt die Gesellschaft rund 3.000 Mitglieder, hat Filialen in Rom und in Jerusalem. Und sie versteht sich als Forum für Wissenschaft im christlichen Horizont, der bewusst groß verstanden wird. Dabei bleibt sie offen für unterschiedliche Fachrichtungen und Positionen.
„Ja, man unterstützt wirklich die Wissenschaftsfreiheit, die Redefreiheit. Joseph Görres, der Namensgeber der Görres-Gesellschaft, war Journalist und er hat das Wort von der öffentlichen Meinung geprägt. Die Katholiken, aber nicht nur die Katholiken, müssen eine öffentliche Meinung haben können, dürfen.“
Stefan Heid hat zum 150. Geburtstag der Görres-Gesellschaft auch einen gut dokumentierten Band über die Anfänge des Römischen Instituts vorgelegt: „Wissenschaft im Vatikan. Das Römische Institut der Görres-Gesellschaft bis zum Zweiten Weltkrieg“, erschienen bei Herder.
(vatican news – gs)
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