Parolin in Brüssel: Appell zu christlicher Kühnheit in fragilem Europa
Mario Galgano - Vatikanstadt
Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin nutzte das 800-jährige Jubiläum der Brüsseler Kathedrale für eine Standortbestimmung. Seine Botschaft im „politischen Labor“ Europas war deutlich: Die Kirche darf nicht in der Bedeutungslosigkeit versinken – und Europa darf seine Wurzeln nicht aus Angst kappen. Parolin spannte den Bogen von der Architektur zur Ideologie. Wer heute auf den Hügel der Kathedrale blickt, sehe nicht nur ein Denkmal, sondern laut Parolin das Ergebnis einer „langsamen Reifung“. Sein Argument: So wie dieses Bauwerk acht Jahrhunderte lang Kriege, Revolutionen und den Wandel der Zeit überdauerte, so müsse auch der Glaube heute als stabilisierende Kraft in einer volatilen Welt verstanden werden.
In einer Stadt, die wie keine andere für das moderne, säkulare Europa stehe, sprach er von einer „tiefen Zerbrechlichkeit“. Er diagnostizierte eine europäische Gesellschaft, die von inneren Brüchen und kollektiven Ängsten geplagt sei.
Zurück zu Schuman und Adenauer
Besonders bemerkenswert war Parolins Rekurs auf die Gründerväter der europäischen Einigung. Indem er Robert Schuman, Konrad Adenauer und Alcide De Gasperi explizit nannte, erinnerte er die heutigen Entscheidungsträger in den nahegelegenen EU-Institutionen daran, dass das Projekt Europa ursprünglich auf einem christlich-humanistischen Fundament stand.
Parolins Kernthese: Europa braucht keine rein „technischen Lösungen“. Er positionierte die Kirche als Anbieterin von Werten, die jedem politischen Kalkül vorausgehen müssten – allen voran die unantastbare Würde der Person. In Zeiten, in denen Abschottung und geopolitische Spannungen zunehmen, klang sein Appell für einen Frieden, der nicht auf dem „Gleichgewicht der Angst“ fußt, wie ein direkter Kommentar zur aktuellen Weltlage.
Die Angst vor der Irrelevanz
Ebenso selbstkritisch wie strategisch zeigte sich der Kardinal beim Blick auf die eigene Institution. Er sprach ein Problem an, das die Kirche in Westeuropa seit Jahrzehnten umtreibt: die drohende Bedeutungslosigkeit. Parolin drehte das Argument jedoch um. Nicht die schrumpfende Zahl der Gläubigen sei das Problem, sondern der Verlust an „evangelialer Kühnheit“.
Die Kirche, so das Bild des Kardinalstaatssekretärs, solle keine Parallelgesellschaft bilden, aber auch nicht in der Weltlichkeit aufgehen. Sie müsse eine „begleitende Präsenz“ sein, die den Mut hat, unbequeme Wahrheiten auszusprechen.
(vatican news)
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