Parolin: Diplomatie von Nationalinteressen lösen und neu denken
Parolin umriss das zentrale Anliegen seiner Überlegungen als gemeinsames Nachdenken darüber, „wie Frieden und Gerechtigkeit wieder zu den Pfeilern der Ordnung zwischen den Nationen werden können“. Diese beiden Begriffe dürften sich nicht auf „bloße Bestrebungen oder leere Forderungen“ reduzieren lassen. Die aktuelle Lage der internationalen Beziehungen bezeichnete der Kardinal als kritisch. Entscheidungen stützten sich zunehmend auf militärische Stärke, während der Wille zur Macht den Ton auf internationaler Ebene präge.
Der Kardinalstaatssekretär diagnostizierte eine tiefe Krise des Multilateralismus. Dieser sei nicht nur geschwächt, sondern werde zunehmend durch einen Multipolarismus ersetzt, „der vom Primat der Macht inspiriert ist“. Kennzeichnend dafür sei der taktische Rückgriff auf den Konflikt, nicht nur militärisch, sondern auch wirtschaftlich und ideologisch.
Recht auf Sicherheit legitimiert keine Präventivschläge
Sicherheit werde dabei oft als Begründung für präventive Aufrüstung oder militärische Vorbereitung herangezogen, nicht nur von Staaten, die in Kriege verwickelt sind. Parolin erklärte, das Recht der Staaten auf Sicherheit legitimiere keine Präventivschläge, die sich immer weiter von der internationalen Legalität entfernten. Der Kardinal sprach von einer Entwicklung, die zu „bewaffnetem Frieden“ und zu wachsendem Misstrauen zwischen Staaten führe.
Vor diesem Hintergrund skizzierte Parolin einen neuen Weg der internationalen Diplomatie. „Die Verachtung von Frieden und Gerechtigkeit, die sich in zunehmend gewalttätigen Formen auf der internationalen Bühne ausbreitet, muss in ihren Auswirkungen – sowohl den bereits eingetretenen als auch den noch möglichen – betrachtet werden“, so der Kardinalstaatssekretär. Es sei aber nicht zielführend, die fehlgeleiteten Positionen einzelner Akteure „zu akzeptieren oder abzulehnen“. Überhaupt reichten „fragmentierte Reaktionen“ nicht mehr aus. Ein „gemeinsamer Beitrag von Ideen und konkreten Fakten“ müsse vielmehr auf das Mittel der Veranschaulichung setzen. Parolin warb dafür, „die gefährliche Haltung derjenigen aufzuzeigen, die, ohne die Tragweite und die Folgen zu bedenken, Konflikte als Mittel zur Lösung jedes Problems einsetzen und dabei die Unmenschlichkeit und Entmenschlichung des Krieges völlig außer Acht lassen.“
Gefragt: Erneuerung der zwischenstaatlichen Institutionen
Zugleich forderte Parolin eine Erneuerung der zwischenstaatlichen Institutionen. Sie müssten an die realen Herausforderungen der internationalen Gemeinschaft angepasst werden, vom Schutz des menschlichen Lebens über die Bekämpfung von Unterentwicklung bis hin zu Migration, neuen Technologien und natürlichen Ressourcen. Dabei gehe es, wie Parolin betonte, „nicht nur um eine Aufzählung von Agenden“, sondern um konkrete Situationen, aus denen Konflikte entstünden und die nur durch multilaterales Handeln bewältigt werden könnten.
Die Diplomatie des Heiligen Stuhls sehe ihre Aufgabe darin, auch in scheinbar aussichtslosen Situationen nach Wegen zu suchen, die Frieden und Gerechtigkeit dienten. Parolin betonte, die Geschichte habe immer wieder gezeigt, „wie das Auftreten unkontrollierter Faktoren leicht zur Irrelevanz der Gewalt führt“. Gerade angesichts der schnellen Abfolge internationaler Ereignisse brauche es Unterscheidungskraft und Besonnenheit statt kurzfristiger Reaktionen.
Abschließend rief der Kardinal dazu auf, die internationale Diplomatie als Bildungs-, Forschungs- und Gestaltungsaufgabe neu zu denken. Es gehe nicht um apokalyptische Diagnosen, sondern um konkrete Vorschläge und um die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. Ziel bleibe eine Ordnung zwischen den Nationen, in der Frieden und Gerechtigkeit wieder tragende Grundlagen seien.
Kardinal Parolins Lectio Magistralis über neue Wege der Diplomatie fand in der Sala Ducale, dem Herzogssaal, im Apostolischen Palast im Vatikan statt. Die päpstliche Diplomatenakademie, gegründet 1701, gilt als älteste derartige Ausbildungsstätte der Welt.
(vatican news – gs)
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