Papst beklagt: „Krieg ist wieder in Mode gekommen“

Leo XIV. ist besorgt über die „Schwäche des Multilateralismus auf internationaler Ebene“. Das war einer der Punkte, die er in seiner großen politischen Grundsatzrede vor Diplomaten vom Freitag ansprach.

Stefan von Kempis- Vatikanstadt

„Eine Diplomatie, die den Dialog fördert und den Konsens aller sucht, wird durch eine Diplomatie der Stärke, durch einzelne Staaten oder Gruppen von Verbündeten ersetzt. Krieg ist wieder in Mode gekommen, und eine kriegerische Stimmung breitet sich aus. Das nach dem Zweiten Weltkrieg festgelegte Prinzip, das es Ländern verbot, Gewalt anzuwenden, um die Grenzen anderer zu verletzen, ist gebrochen worden.“

Der Papst aus den USA führte nicht weiter aus, welche Staaten oder Mächte ihm da im Einzelnen vorschwebten. Er unterstrich aber sehr deutlich, dass Friede nicht „mit Waffen als Voraussetzung für die Durchsetzung der eigenen Herrschaft“ hergestellt werden dürfe, sondern als „an sich erstrebenswertes Gut“ gesucht werden müsse. Und er mahnte, die Einhaltung des humanitären Völkerrechts dürfe „nicht von militärischen und strategischen Umständen und Interessen abhängig“ gemacht werden.

Zum Hören: Stefanie Stahlhofen und Mario Galgano zur Neujahrsansprache von Papst Leo XIV. an Diplomaten am 9.1.2026 (Kollegen-Gespräch von Radio Vatikan)
  (@VATICAN MEDIA)

Plädoyer für die Einhaltung des humanitären Völkerrechts

„Das humanitäre Völkerrecht garantiert nicht bloß ein Mindestmaß an Menschlichkeit inmitten der Plagen des Krieges, sondern ist auch eine Verpflichtung, die die Staaten eingegangen sind. Es muss stets Vorrang vor den Ambitionen der Kriegführenden haben... Es darf nicht verschwiegen werden, dass die Zerstörung von Krankenhäusern, Energieinfrastruktur, Wohnhäusern und Orten, die für das tägliche Leben unerlässlich sind, einen schweren Verstoß gegen das humanitäre Völkerrecht darstellt.“ Ähnlich sei „jede Form von Einbeziehung der Zivilbevölkerung in militärische Operationen“ zu werten.

Die UNO werde in einer Welt der „komplexen Herausforderungen“ dringend gebraucht und müsse gestärkt werden, befand der Papst. Das Ziel sei, sie „zielgerichteter und effizienter“ zu machen, damit sie wirklich ein Ort sein könne, an dem Menschen wie auf dem römischen Forum oder einem mittelalterlichen Marktplatz „zusammenkommen und miteinander sprechen“.

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Die Entkräftung des Wortes

Nicht nur bei den Vereinten Nationen, sondern generell wünschte sich Leo XIV. außerdem eine Entwaffnung der Sprache. Worte würden heute in vielen Bereichen – z.B. in sozialen Netzwerken oder in der internationalen Politik – verdreht, als Waffen eingesetzt, absichtlich mehrdeutig gemünzt. „Die Bedeutung der Worte wiederzuentdecken, ist möglicherweise eine der wichtigsten Herausforderungen unserer Zeit… Wir müssen dafür sorgen, dass Worte wieder unzweideutig klare und deutliche Wirklichkeiten ausdrücken. Nur so kann ein authentischer Dialog ohne Missverständnisse wiederaufgenommen werden.“ Andernfalls werde das nichts mit einem gestärkten Multilateralismus.

„Es muss auch angemerkt werden, dass das Paradox dieser Entkräftung des Wortes oft im Namen der Meinungsfreiheit selbst befördert wird. Bei genauerer Betrachtung gilt jedoch das Gegenteil: Die Rede- und Meinungsfreiheit wird gerade durch die Gewissheit der Sprache und die Tatsache garantiert, dass jeder Begriff in der Wahrheit wurzelt. Es ist daher bedauerlich festzustellen, dass insbesondere im Westen der Raum für echte Meinungsfreiheit immer mehr eingeschränkt wird, während sich eine neue Sprache mit orwellschem Beigeschmack entwickelt, die in ihrem Bestreben, immer inklusiver zu sein, darin mündet, diejenigen auszuschließen, die sich nicht den Ideologien anpassen, von denen sie beseelt ist.“

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„Verweigerung aus Gewissensgründen ist keine Rebellion“

Leo warnte in diesem Zusammenhang vor drohenden Einschränkungen bei der Gewissensfreiheit sogar in Staaten, „die sich auf Demokratie und Menschenrechte zu gründen bekunden“, und nannte als Beispiele die Verweigerung des Militärdienstes oder die Ablehnung einer Mitwirkung an Abtreibung durch Ärzte oder Pflegekräfte. Verweigerung aus Gewissensgründen sei „keine Rebellion, sondern ein Akt der Treue zu sich selbst“.

Beunruhigt zeigte sich Leo XIV. über Einschränkungen der Religionsfreiheit in vielen Teilen der Welt. „Wenn der Heilige Stuhl die uneingeschränkte Achtung der Religions- und Kultfreiheit für Christen fordert, dann tut er dies auch für alle anderen Religionsgemeinschaften.“ Dabei dürfe jedoch nicht übersehen werden, dass die Verfolgung von Christen nach wie vor „eine der größten menschenrechtlichen Krisen unserer Zeit“ sei. „Dieses Phänomen betrifft etwa jeden siebten Christen weltweit und hat sich 2025 aufgrund der anhaltenden Konflikte, der autoritären Regime und des religiösen Extremismus verschärft.“ Der Papst verurteilte Antisemitismus sowie die „auch religiös motivierte Gewalt“ in Bangladesch, in der Sahelzone und in Nigeria.

Subtile Form der Diskriminierung von Christen auch in Europa

„Es darf aber ebenso nicht eine subtile Form der religiösen Diskriminierung gegenüber Christen vergessen werden, die sich auch in Ländern ausbreitet, in denen sie zahlenmäßig in der Mehrheit sind, wie in Europa oder Nord- und Südamerika, wo ihnen manchmal aus politischen oder ideologischen Gründen die Möglichkeit beschnitten wird, die Wahrheit des Evangeliums zu verkünden, insbesondere wenn sie sich für die Würde der Schwächsten, der Ungeborenen oder der Flüchtlinge und Migranten einsetzen oder die Familie fördern.“

(vatican news)
 

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09. Januar 2026, 11:01