Chrisammesse: Die Predigt im Wortlaut
Liebe Brüder und Schwestern,
wir befinden uns nun an der Schwelle zum Ostertriduum. Erneut wird der Herr uns zum Höhepunkt seiner Mission hinführen, damit sein Leiden, sein Tod und seine Auferstehung zur lebendigen Mitte unserer Sendung werden. Denn das, was wir nun wieder begehen werden, birgt in sich die Kraft, das zu verwandeln, was der menschliche Stolz nicht selten unbeweglich werden lässt: unsere Identität, unseren Platz in der Welt. Die Freiheit Jesu verwandelt das Herz, heilt die Wunden, verleiht Wohlgeruch und lässt unsere Gesichter strahlen, versöhnt und führt zusammen, vergibt und erweckt zu neuem Leben.
Im ersten Jahr, in dem ich der Chrisam-Messe als Bischof von Rom vorstehe, möchte ich mit euch über die Sendung nachdenken, für die Gott uns als sein Volk auserwählt hat. Die Sendung der Christen ist dieselbe wie die Sendung Jesu, nicht eine andere. An ihr hat ein jeder gemäß seiner Berufung und in einem ganz persönlichen Gehorsam gegenüber der Stimme des Heiligen Geistes Anteil, niemals jedoch ohne die anderen, niemals darf es zur Vernachlässigung oder zum Zerbrechen der Gemeinschaft kommen! Als Bischöfe und Priester, die wir nun unsere Gelübde erneuern, stehen wir im Dienst eines missionarischen Volkes. Wir sind zusammen mit allen Getauften der Leib Christi, gesalbt von seinem Geist der Freiheit und des Trostes, der Prophetie und der Einheit.
Die Sendung Jesu
Die entscheidenden Momente der Sendung Jesu waren bereits in der Weissagung Jesajas angekündigt worden, auf die Jesus in der Synagoge von Nazaret verweist, wenn er sagt, jenes Wort habe sich »heute« erfüllt (vgl. Lk 4,21). In der Stunde von Ostern wird nämlich endgültig klar, dass Gott salbt, um auszusenden. »Er hat mich gesandt« (Lk 4,18), sagt Jesus und beschreibt damit jene Dynamik, die seinen Leib mit den Armen, mit den Gefangenen, mit denen, die in der Finsternis tappen, und mit den Unterdrückten verbindet. Und wir, als Glieder seines Leibes, nennen eine Kirche „apostolisch“, die gesandt ist, die über sich selbst hinausgeht und im Dienst an seinen Geschöpfen Gott geweiht ist: »Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch« (Joh 20,21).
Wir wissen, dass gesandt zu sein zunächst einmal eine Loslösung mit sich bringt, also das Wagnis, Vertrautes und Gewisses loszulassen, um sich auf Neues einzulassen. Es ist interessant, dass Jesus »erfüllt von der Kraft des Geistes« (Lk 4,14), der nach der Taufe im Jordan auf ihn herabgekommen war, nach Galiläa zurückkehrte, »nach Nazaret, wo er aufgewachsen war« (Lk 4,16). Das ist der Ort, den er nun verlassen muss. Er handelt »wie gewohnt« (V. 16), allerdings um eine neue Zeit einzuläuten. Er wird nun endgültig aus jenem Dorf aufbrechen müssen, damit weiter reifen kann, was dort Sabbat für Sabbat im treuen Hören auf das Wort Gottes anfanghaft entstanden ist. Ebenso wird er andere dazu aufrufen, sich auf den Weg zu machen, etwas zu riskieren, damit kein Ort zu einer Einfriedung und keine Identität zu einem Schlupfwinkel wird.
Meine Lieben, wir folgen Jesus nach, der »nicht daran festhielt, Gott gleich zu sein, sondern sich entäußerte« (vgl. Phil 2,6-7). Jede Sendung beginnt mit dieser Art von Entäußerung, aus der alles neu entsteht. Unsere Würde als Söhne und Töchter Gottes kann uns weder genommen werden noch kann sie verloren gehen, und ebenso wenig können die Gefühle, Orte und Erfahrungen, die am Ursprung unseres Lebens stehen, ausgelöscht werden. Wir sind Erben von so viel Gutem und zugleich Erben der Grenzen einer Geschichte, in die das Evangelium Licht und Heil, Vergebung und Heilung bringen muss. Folglich gibt es keine Sendung ohne Versöhnung mit unseren Ursprüngen, mit den Gaben und den Grenzen der Prägung, die wir empfangen haben; doch zugleich gibt es auch keinen Frieden ohne Aufbruch, kein Bewusstsein ohne Loslösung, keine Freude ohne Risiko. Wir sind der Leib Christi, wenn wir weitergehen und uns mit der Vergangenheit auseinandersetzen, ohne deren Gefangene zu werden: Alles findet sich wieder und vervielfacht sich, wenn es zuvor ohne Furcht losgelassen wurde. Dies ist ein erstes Geheimnis der Sendung. Und wir machen diese Erfahrung nicht nur einmal, sondern bei jedem neuen Aufbruch, bei jeder weiteren Aussendung.
Bereitschaft zu verlieren
Der Weg Jesu offenbart uns, dass die Bereitschaft, zu verlieren, sich zu entäußern, kein Selbstzweck ist, sondern eine Voraussetzung für Begegnung und Vertrautheit. Liebe ist nur dann echt, wenn sie wehrlos ist; sie kommt ohne viel Aufhebens und ohne Prahlerei aus, sorgsam behütet sie Schwächen und Blößen. Es fällt uns schwer, uns auf eine so exponierte Mission einzulassen, und doch gibt es keine „frohe Botschaft für die Armen“ (vgl. Lk 4,18), wenn wir mit den Insignien der Macht zu ihnen gehen, noch gibt es echte Befreiung, wenn wir uns nicht vom Besitz befreien. Hier stoßen wir auf ein zweites Geheimnis der christlichen Sendung. Auf das Gesetz der Loslösung folgt jenes der Begegnung. Wir wissen, dass die Mission im Laufe der Geschichte nicht selten durch die Logik der Herrschaft entstellt wurde, die dem Weg Jesu Christi völlig fremd ist. Der heilige Johannes Paul II. hatte die Klarheit und den Mut anzuerkennen, dass wir alle »wegen jenes Bandes, das uns im mystischen Leib miteinander vereint, […] die Last der Irrtümer und der Schuld derer [tragen], die uns vorausgegangen sind, auch wenn wir keine persönliche Verantwortung dafür haben und nicht den Richterspruch Gottes, der allein die Herzen kennt, ersetzen wollen«.
Daher ist nun besonders wichtig, daran zu erinnern, dass aus einem Missbrauch von Macht weder im pastoralen noch im gesellschaftlichen und politischen Bereich Gutes entstehen kann. Die großen Missionare sind Zeugen sehr behutsamer Annäherung durch ein gemeinsam geteiltes Leben, durch selbstlosen Dienst und Verzicht auf jede berechnende Strategie, durch Dialog und Respekt. Es ist der Weg der Menschwerdung, der immer wieder neu die Form der Inkulturation annimmt. Das Heil kann von einem jeden nämlich nur in der Muttersprache angenommen werden. »Wieso kann sie jeder von uns in seiner Muttersprache hören?« (Apg 2,8). Die Überraschung des Pfingstereignisses wiederholt sich, wenn wir uns nicht anmaßen, Gottes Zeitplan zu bestimmen, sondern auf den Heiligen Geist vertrauen, der »auch heute da ist, wie zur Zeit Jesu und der Apostel: er ist da und wirkt, er kommt vor uns an, er arbeitet mehr als wir und besser als wir; es ist nicht unsere Aufgabe, ihn auszusäen oder zu wecken, sondern vor allem, ihn zu erkennen, ihn aufzunehmen, ihn zu unterstützen, ihm den Weg zu bereiten, ihm zu folgen. Er ist da und hat angesichts unserer Zeit nie den Mut verloren; vielmehr lächelt er, tanzt, durchdringt, erobert, umhüllt und gelangt sogar dorthin, wo wir es uns nie hätten vorstellen können.«
Einklang mit dem Unsichtbaren
Es gibt dann noch eine dritte Dimension der christlichen Mission, die vielleicht die radikalste ist. Die dramatische Möglichkeit des Unverständnisses und der Ablehnung zeigt sich bereits in der heftigen Reaktion der Einwohner Nazarets auf die Worte Jesu: »Als die Leute in der Synagoge das hörten, gerieten sie alle in Wut. Sie sprangen auf und trieben Jesus zur Stadt hinaus; sie brachten ihn an den Abhang des Berges, auf dem ihre Stadt erbaut war, und wollten ihn hinabstürzen« (Lk 4,28-29). Auch wenn die Lesung in der Liturgie diesen Teil ausgelassen hat, verpflichtet uns das, was wir ab heute Abend feiern werden, dazu, nicht zu fliehen, sondern wie Jesus „mitten durch“ die Prüfung zu gehen, der »mitten durch sie hindurch schritt und wegging« (vgl. Lk 4,30). Das Kreuz ist Teil der Mission: Die Aussendung wird bitterer und beängstigender, aber auch selbstloser und bahnbrechender. Die imperialistische Besetzung der Welt wird dann von innen heraus unterbrochen, die Gewalt, die bis heute Gesetz ist, wird entlarvt. Der arme, gefangene, abgelehnte Messias stürzt in die Dunkelheit des Todes, doch so bringt er eine neue Schöpfung ans Licht.
Erfahrung von Auferstehung machen
Liebe Schwestern und Brüder, die Heiligen machen Geschichte. Dies ist die Botschaft des Buches der Offenbarung. »Gnade sei mit euch und Friede von […] Jesus Christus; er ist der treue Zeuge, der Erstgeborene der Toten, der Herrscher über die Könige der Erde« (Offb 1,4-5). Dieser Gruß fasst den Weg Jesu zusammen, der in eine Welt kam, die von Mächten umkämpft ist, die sie verwüsten. In ihrem Inneren entsteht ein neues Volk, kein Volk von Opfern, sondern von Zeugen. In dieser dunklen Stunde der Geschichte wollte Gott uns aussenden, um den Wohlgeruch Christi dort zu verbreiten, wo der Gestank des Todes herrscht. Erneuern wir unser „Ja“ zu dieser Sendung, die von uns Einheit verlangt und die den Frieden bringt. Ja, wir sind bereit! Lasst uns das Gefühl der Ohnmacht und der Angst überwinden! Deinen Tod, o Herr, verkünden wir, und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit.
(vaticannews - skr)
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