Leo XIV.: Wer seine Macht zum Götzen macht, dient dem Tod
Christine Seuss - Vatikanstadt
Der Petersdom war für die Vigil bereits ab mittags für Besucher geschlossen, nur die Teilnehmer an dem Gebet konnten hinein. Eine Statue der Regina Pacis, der Friedenskönigin, war aus der gleichnamigen Pfarrei im römischen Stadtviertel Monteverde in den Petersdom gebracht worden, rund 10.000 Menschen waren der Einladung des Papstes vom Ostersonntag gefolgt, an dem gemeinsamen Rosenkranz für den Frieden teilzunehmen, der auch live übertragen wurde. Bevor er in die Basilika eintrat, grüßte Leo XIV. die zahlreichen Menschen, die keinen Platz im Petersdom gefunden hatten, ihn auf dem Vorplatz erwarteten. „Wir wollen der ganzen Welt sagen, dass es möglich ist, einen neuen Frieden aufzubauen – mit allen Völkern, aller Religionen und aller Rassen, vereint als Brüder und Schwestern in einer Welt des Friedens“, sagte er ihnen, verbunden mit der Einladung, gleich gemeinsam zu beten, und einem persönlichen Segen.
Gebetet wurde im Petersdom, übertragen über die Großbildschirme nach außen, der glorreiche Rosenkranz mit Meditationen verschiedener Kirchenväter, darunter der heilige Augustinus, Johannes Chrysostomos und Caesarius von Arles. Vor jeder Meditation entzündeten Gläubige aus verschiedenen Kontinenten eine Kerze mit dem Licht der Friedenslampe von Assisi.
Eine eindringliche Betrachtung
In seiner Betrachtung nach den in ruhigem Rhythmus gebeteten Gesätzen und der Litanei der Gottesmutter sparte Papst Leo nicht an klaren Verweisen zur desolaten Lage, in der sich die Welt wegen skrupelloser Kriegstreiberei derzeit befindet – und appellierte an alle Menschen, ihren Beitrag für einen friedlicheren Planeten zu leisten.
„Ich erhalte viele Briefe von Kindern aus Konfliktgebieten: Wenn man sie liest, erkennt man angesichts ihrer Unschuld das ganze Grauen und die Unmenschlichkeit von Taten, mit denen sich manche Erwachsene stolz brüsten“, lenkte Papst Leo XIV. den Blick auf diejenigen, die in Konflikten zuallererst und am schlimmsten leiden. „Hören wir auf die Stimme der Kinder!“, so der Appell des Kirchenoberhauptes, der eingangs die Absicht der Gläubigen würdigte, gemeinsam für den Frieden zu beten, Ausdruck des Glaubens, der nach den Worten Jesu „Berge versetzt“:
„Der Krieg trennt, die Hoffnung verbindet. Die Selbstherrlichkeit tritt nieder, die Liebe erhebt. Götzendienst macht blind, der lebendige Gott erleuchtet“, unterstrich der Papst. Doch nur ein „Krümelchen Glaube“ genüge, um gemeinsam, „als Menschheit und mit Menschlichkeit“, „dieser dramatischen Stunde der Geschichte zu begegnen“. Das Gebet sei dabei keineswegs als „Zufluchtsort“ zu betrachten, sondern „die selbstloseste, umfassendste und wirkungsvollste Antwort auf den Tod“, gab Leo XIV. zu bedenken: „Erheben wir uns aus den Trümmern! Nichts kann uns auf ein vorbestimmtes Schicksal festlegen, auch nicht in dieser Welt, in der es anscheinend noch nicht genug Gräber gibt, weil man weiter kreuzigt und Leben vernichtet, ohne Recht und ohne Gnade.“
Die Kraft des Glaubens
Leo XIV. erinnerte während seiner Betrachtung auch an die eindringlichen Friedens-Appelle seiner Vorgänger und zitierte insbesondere Johannes Paul II., den er als „unermüdlichen Botschafter des Friedens“ würdigte. „Wir wissen sehr wohl, dass ein Friede um jeden Preis nicht möglich ist. Aber wir wissen auch, wie groß diese Verantwortung ist", so die stets aktuell scheinenden Worte seines Vorgängers aus einem Mittagsgebet im Jahr 2003, die Papst Leo bei der abendlichen Gebetswache bewusst in einem aktuellen politischen Kontext zitierte, in dem die Welt nur Zentimeter von einem irreversibilen allgemeinen Kriegszustand entfernt zu sein scheint.
„Das Gebet lehrt uns zu handeln. Die begrenzten menschlichen Möglichkeiten verbinden sich im Gebet mit den unendlichen Möglichkeiten Gottes“, zeigte sich Leo XIV. dennoch überzeugt. Gedanken, Worte und Taten könnten auf diese Weise „die teuflische Fessel des Bösen“ sprengen und sich „in den Dienst des Reiches Gottes“ stellten, in dem es keine Gewalt und Ungerechtigkeiten gebe: „Damit haben wir einen Damm gegen jene Allmachtsphantasien, die um uns herum immer unberechenbarer und aggressiver werden“, so der Papst, ohne konkrete Namen zu nennen. Das Gleichgewicht in der Menschheitsfamilie sei „schwer erschüttert“, fuhr Leo XIV. fort, der beklagte, dass „sogar der heilige Name Gottes“ für „Todesreden“ herangezogen werde: „Überall sind Drohungen zu vernehmen, statt Aufrufe zum Zuhören und zur Begegnung.“
Gott steht nicht hinter denen, die Krieg treiben
Wer bete, sei sich „seiner Grenzen bewusst“, weder töte er noch drohe er mit dem Tod, so der Papst weiter. Dem Tod unterworfen sei hingegen, „wer dem lebendigen Gott den Rücken gekehrt“ habe, um „sich selbst und seine eigene Macht zum stummen, blinden und tauben Götzen zu machen“, einem Götzen, „dem alle Werte geopfert werden und der verlangt, dass die ganze Welt vor ihm die Knie“ beuge:
„Schluss mit der Selbstvergötterung und mit der Vergötzung des Geldes! Schluss mit der Zurschaustellung von Macht! Schluss mit dem Krieg! Wahre Stärke zeigt sich im Dienst am Leben“, so Leo XIV., der eindringlich appellierte, die „moralische und geistliche Kraft von Millionen, ja Milliarden von Männern und Frauen“ zu vereinen, die „heute an den Frieden glauben, die sich heute für den Frieden entscheiden, die die Wunden heilen und die Schäden beheben, die der Wahnsinn des Krieges hinterlassen hat“.
In diesem Zusammenhang nahm er die Regierenden der Nationen in die Pflicht. Sie hätten sicherlich eine „nicht delegierbare Verantwortung“, stellte er fest: „Ihnen rufen wir zu: Haltet ein! Es ist Zeit für den Frieden! Setzt euch an den Tisch des Dialogs und der Vermittlung, nicht an die Tische, an denen die Aufrüstung geplant und tödliche Maßnahmen beschlossen werden!“
Verantwortung der Regierenden und aller Menschen
Gleichzeitig gebe es jedoch eine „nicht minder große Verantwortung“ von uns allen, „Männern und Frauen aus vielen verschiedenen Ländern“, erinnerte der Papst:
„Das Gebet verpflichtet uns, das, was es in unseren Herzen und in unseren Köpfen noch an Verletzendem gibt, zu verwandeln“, forderte das Kirchenoberhaupt, das dazu aufrief, im täglichen Umfeld durch Freundschaft und eine Kultur der Begegnung Polemik und Resignation entgegenzuwirken:
„Lasst uns wieder an die Liebe, an Mäßigung und an gute Politik glauben. Bilden wir uns entsprechend und bringen wir uns persönlich ein, jeder entsprechend seiner Berufung. Ein jeder hat seinen Platz im Mosaik des Friedens!“
Vigil endet, Gebet um Frieden geht weiter
Ähnlich wie der Rosenkranz mit seinem beruhigenden und altüberlieferten Rhythmus bahne sich auch der Friede seinen Weg, ein Zeichen der Geduld Gottes, sinnierte Papst Leo weiter;
„Wir dürfen uns nicht von der Beschleunigung einer Welt mitreißen lassen, die nicht weiß, wem oder was sie hinterherläuft, sondern müssen wieder dem Rhythmus des Lebens und der Harmonie der Schöpfung dienen und ihre Wunden heilen“, appellierte er, bevor er die Teilnehmer einlud, mit dem festen Vorsatz nach Hause zurückzukehren, „stets und unermüdlich zu beten und eine tiefe Bekehrung des Herzens zu vollziehen“.
Die Kirche sei „ein großes Volk im Dienst der Versöhnung und des Friedens“, welches seinen Weg gehe, „auch wenn die Ablehnung der Kriegslogik ihr Unverständnis und Verachtung einbringen mag“, unterstrich Papst Leo:
„Sie verkündet das Evangelium des Friedens und erzieht dazu, Gott mehr zu gehorchen als den Menschen, besonders wenn es um die unendliche Würde anderer Menschen geht, die durch fortwährende Verletzungen des Völkerrechts aufs Spiel gesetzt wird“, so der Papst, der zum Ende der Vigil seine eigene Friedensbotschaft von Anfang des Jahres zitierte, in der er wünschte, dass „jede Gemeinde ein ,Haus des Friedens‘ werden“ solle, um zu zeigen, dass „der Friede keine Utopie“ sei.
(vatican news)
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