Papst Leo: Kirche keine ideale Wirklichkeit, sondern Teil von Gottes Liebesplan
Christine Seuss - Vatikanstadt
Bereits im ersten Kapitel, in dem die Frage beantwortet werden solle, „was die Kirche ist“, werde sie „als eine komplexe Wirklichkeit“ beschrieben, führte der Papst aus. „Nun fragen wir uns: Worin besteht diese Komplexität?“, so Leo XIV. weiter. Diese Komplexität habe nicht unbedingt mit dem ehrwürdigen Alter der Institution oder ihrer „Kompliziertheit“ zu tun:
„Im Lateinischen bedeutet das Wort ,komplex‘ (...) eher die geordnete Vereinigung verschiedener Aspekte oder Dimensionen innerhalb derselben Realität. Aus diesem Grund kann Lumen gentium behaupten, dass die Kirche ein gut strukturierter Organismus ist, in dem die menschliche und die göttliche Dimension ohne Trennung und ohne Vermischung miteinander bestehen.“
Mitglieder der Kirche mit ihren Stärken und Schwächen
Die Kirche sei eine Gemeinschaft von Männern und Frauen, die die Freude und die Mühen des Christseins teilen, mit ihren Stärken und Schwächen, erklärte er weiter. Diese verkündeten das Evangelium und würden zu einem Zeichen der Gegenwart Christi, der uns auf unserem Lebensweg begleitet:
„Doch dieser Aspekt, der sich auch in der institutionellen Organisation manifestiert, reicht nicht aus, um das wahre Wesen der Kirche zu beschreiben, denn sie besitzt auch eine göttliche Dimension“, unterstrich Papst Leo weiter. „Letztere besteht nicht in einer idealen Vollkommenheit oder einer spirituellen Überlegenheit ihrer Mitglieder, sondern in der Tatsache, dass die Kirche aus dem Liebesplan Gottes für die Menschheit hervorgeht, der in Christus verwirklicht wurde.“
Daher handele es sich bei der Kirche zugleich um eine „irdische Gemeinschaft" und den mystischen Leib Christi, „sichtbare Versammlung und spirituelles Geheimnis, in der Geschichte gegenwärtige Realität und zum Himmel pilgerndes Volk“, so der Papst mit einem Verweis auf die Konzilskonstitution (LG, 8; CCC, 771).
Kirche als göttliche und menschliche Realität
Die menschliche und die göttliche Dimension ergänzten sich in ihr letztlich „harmonisch“, ohne dass die eine die andere überlagere, fuhr Leo XIV. in seinen Überlegungen fort.
„So lebt die Kirche in diesem Paradox: Sie ist eine zugleich menschliche und göttliche Realität, die den sündigen Menschen aufnimmt und ihn zu Gott führt."
Lumen gentium verweise auf das Leben Christi, um diese kirchliche Wirklichkeit abzubilden - seien die Menschen bei der Begegnung mit dem Gottessohn doch durch seine Menschlichkeit beeindruckt gewesen: „Wer sich entschloss, ihm zu folgen, wurde gerade durch die Erfahrung seines gastfreundlichen Blicks, durch die Berührung seiner segnenden Hände, durch seine Worte der Befreiung und Heilung dazu bewegt.“
Gleichzeitig hätten sich die Jünger dadurch, dass sie ihm folgten, der Begegnung mit Gott geöffnet: „Denn das Fleisch Christi, sein Antlitz, seine Gesten und seine Worte offenbaren auf sichtbare Weise den unsichtbaren Gott.“
Gegenwart Christi offenbart sich in menschlicher Dimension
Im „Licht der Realität Jesu“ könne bei näherer Betrachtung der Kirche also eine „menschliche Dimension“ entdecken, die aus „konkreten Menschen“ bestehe, welche einerseits die Schönheit des Evangeliums offenbarten – doch andererseits manchmal auch, wie es in der menschlichen Natur liegt, „Schwierigkeiten haben und Fehler machen“:
„Dennoch offenbaren sich gerade durch ihre Mitglieder und ihre begrenzten irdischen Seiten die Gegenwart Christi und sein Heilswirken.“
In diesem Zusammenhang erinnerte Papst Leo an die Worte, die Benedikt XVI. relativ zu Beginn seines Pontifikats an die Schweizer Bischöfe gerichtet hatte: „In Wirklichkeit sind Evangelium und Institution nicht voneinander zu trennen.“ Im Gegenteil, so Benedikt damals, dienten die Strukturen der Kirche gerade der „Verwirklichung“ und der konkreten „Umsetzung des Evangeliums in unserer Zeit.“
„Es gibt keine ideale und reine Kirche, die von der Erde getrennt ist, sondern nur die eine Kirche Christi, die in der Geschichte verkörpert ist“, schärfte Papst Leo den Gedanken nochmals nach.
Und gerade darin bestehe „die Heiligkeit der Kirche: in der Tatsache, dass Christus in ihr wohnt und sich durch die Kleinheit und Schwäche ihrer Mitglieder weiterhin hingibt“, schlussfolgerte das Kirchenoberhaut. Wenn wir dieses „immerwährende Wunder“ betrachteten, das in ihr geschehe, verstünden wir auch die „Methode Gottes”, in der sich „durch die Schwäche der Geschöpfe“ sichtbar mache und wirke:
„Das befähigt uns auch heute noch, die Kirche aufzubauen: nicht nur durch die Organisation ihrer sichtbaren Formen, sondern durch den Aufbau jenes geistlichen Gebäudes, das der Leib Christi ist, durch die Gemeinschaft und die Nächstenliebe untereinander.“
Abschließend rief Papst Leo mit einem Seitenblick auf den heiligen Augustinus die Gläubigen dazu auf, sich zu bemühen, Zeugen dieser Liebe Christi zu sein, welche wahre Christen kennzeichne und „alles zu sich zieht“.
Ein modernes Gerät für Telemedizin
Am Ende der Generalaudienz begab sich der Papst in den Nebenraum der Aula Paul VI., wo er eine Delegation der Patrons of the World’s Children Hospital empfing, einer amerikanischen Non-Profit-Organisation, die die Globale Allianz des Papstes für die Gesundheit und humanitäre Versorgung von Kindern (,Pope's Global Alliance for the Health and Humanitarian Care of Children') koordiniert.
Es handelt sich um ein internationales Netzwerk, das Kinderkrankenhäuser und Gesundheitseinrichtungen aus aller Welt vereint, darunter das vatikanische Krankenhaus Bambino Gesù, um medizinische Versorgung für Kinder in benachteiligten Regionen oder mit ungedecktem Behandlungsbedarf bereitzustellen. Ziel ist es, in den ersten drei Jahren der Tätigkeit eine Million Kindern zu helfen. Diese Mission wurde dem Netzwerk 2024 von Papst Franziskus anvertraut.
Während der Begegnung an diesem Mittwoch wurde dem heutigen Pontifex ein Gerät für das Telemedizin-System „TELADOC LITE“ überreicht. Dabei handelt es sich um ein Instrument, das hochwertige virtuelle Untersuchungen ermöglicht und eine Fernkonsultation einer persönlichen Visite so ähnlich wie möglich macht.
Im Verlauf der Vorstellung wurde zudem eine medizinische Live-Schaltung nach Argentinien vorgeführt, um die Möglichkeiten dieses Instruments im Bereich der Medizin auf Distanz zu demonstrieren.
(vatican news)
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