Papst: „Der Friede beginnt im Herzen“
Silvia Kritzenberger - Vatikanstadt
Papst Leo hat zu dem Band, dessen Texte seine Vision und Prioritäten widerspiegeln, das Vorwort beigesteuert. Darin beschreibt der Pontifex den Frieden als „Geschenk und Verpflichtung“ zugleich. Er warnt vor „verbittertem Nationalismus“, spricht vom „globalisierten Gefühl der Ohnmacht“ – und ruft zu einer Kultur der Versöhnung auf, die im eigenen Herzen beginnt.
Frieden ist für Papst Leo keine abstrakte politische Kategorie. Er ist „eine der großen Fragen unserer Zeit“ – und mehr noch: „ein Geschenk und eine Verpflichtung: ein Geschenk Gottes, das von Männern und Frauen im Laufe der Geschichte aufgebaut wird“.
Eine verwundete Welt
Das Kirchenoberhaupt zeichnet zunächst ein düsteres Bild der Gegenwart: „Wir leben in einer Welt, die verwundet ist von zu vielen Konflikten und blutigen Auseinandersetzungen,“ so seine Bilanz. Besonders scharf kritisiert er einen „verbitterten Nationalismus“, der „die Rechte der Schwächsten mit Füßen tritt“.
Doch der Verlust des Friedens beginne nicht erst auf dem Schlachtfeld, so Papst Leo weiter. „Noch bevor er auf dem Schlachtfeld zerschlagen wird, wird der Friede im menschlichen Herzen besiegt, wenn wir dem Egoismus und der Gier nachgeben und zulassen, dass parteiische Interessen über das Gemeinwohl gestellt werden.“
Andere zu "entpersonalisieren" ist der erste Schritt in jedem Krieg
Der Papst warnt vor Entmenschlichung als Vorstufe jeder Gewalt: „Viele Autoren haben darauf hingewiesen, dass wir beginnen, anderen ihre Würde nehmen, wenn wir uns weigern, uns ihre Geschichten anzuhören. Andere zu entpersonalisieren ist der erste Schritt in jedem Krieg.“ Dem setzt er eine klare Alternative entgegen: „Andere zu kennen dagegen ist ein Vorgeschmack auf den Frieden. Doch um einander zu kennen, muss man zuerst lernen zu lieben.“
Hierzu zitiert der Augustiner Leo XIV. den Kirchenvater Augustinus wie folgt: „Nur auf dem Weg der Freundschaft kann man einen Menschen richtig erkennen.“
Frieden als Geschenk „von oben“
Der Papst entfaltet das Konzept des Friedens in einer doppelten Perspektive: vertikal und horizontal. Vertikal sei er ein Geschenk „von oben“ – konkret durch die Geburt Jesu in Bethlehem. Die Engel hätten den Frieden auf Erden verkündet, „weil Gott Mensch geworden sei“. Und durch das Kreuz habe Christus „die Feindschaft der Sünde“ zerstört.
Doch dieses Geschenk verlange eine Antwort. Mit Augustinus betont Papst Leo, dass die Menschen nur dann dereinst Anteil an Gottes Herrlichkeit haben werden, „wenn wir, solange wir auf Erden wandeln, mit gutem Willen für den Frieden eintreten.“ Der göttliche Friede werde also nicht passiv empfangen, sondern verlange eine aktive Antwort, gibt Papst Leo zu bedenken.
Der Pontifex erinnert auch an den Friedensgruß des Auferstandenen an die Jünger und betont, dass der Friede Jesu „aus einem Herzen strömt, das liebt und sich vom Leid jeder Zeit und jedes Ortes berühren lässt.“
Frieden als Aufgabe jedes Einzelnen
Die horizontale Dimension des Friedens, der unser aller Verantwortung ist, beschreibt der Papst überraschend konkret. Frieden beginne im Alltag: „Friede bedeutet, Kinder zu lehren, andere zu respektieren und sie beim Spielen nicht zu schikanieren. Friede bedeutet, unseren persönlichen Stolz zu überwinden und dem anderen Raum zu geben – in der Familie, bei der Arbeit, im Sport.“
Friede wachse dort, wo das Herz von Stille, Meditation und dem Hören auf Gott erfüllt sei. Denn, so der Papst: „Auf Gewalt liegt niemals Gottes Segen; Gott billigt es nie, wenn andere ausgenutzt werden, und er missbilligt auch die ungezügelte Ausbeutung unserer Erde, die die Schöpfung entstellt.“
Gegen die „Globalisierung der Ohnmacht“
Angesichts der vielen Kriege weltweit gesteht der Papst ein verbreitetes Gefühl der Machtlosigkeit ein. Er spricht von einer „Globalisierung der Ohnmacht“. Doch Resignation sei keine Option. Gläubige könnten vor allem auf das Gebet setzen, „eine ‚unbewaffnete‘ Kraft, die allein nach dem Gemeinwohl strebt und niemanden ausschließt,“ schreibt Papst Leo weiter. Wer bete, „entwaffnet sein Ego und entwickelt die Fähigkeit, selbstlos und aufrichtig zu sein“.
Das entscheidende Schlachtfeld sieht der Papst im Inneren des Menschen: „Unser Herz ist das wichtigste Schlachtfeld. Dort müssen wir den unblutigen, aber notwendigen Sieg über die Impulse des Todes und die Tendenzen zur Herrschaft erringen: Nur friedliche Herzen können eine Welt des Friedens aufbauen.“
Der Pontifex ruft dazu auf, „eine Kultur der Versöhnung zu praktizieren“ und „gewaltfreie Werkstätten“ zu schaffen: Orte, „an denen das Misstrauen gegenüber den anderen zu einer Gelegenheit der Begegnung werden kann“. Das Herz, so sein Fazit, sei „die Quelle des Friedens: Dort müssen wir lernen, einander zu begegnen statt aufeinanderzuprallen, zu vertrauen statt zu misstrauen, zuzuhören und zu verstehen, statt uns dem anderen zu verschließen“.
Die Verantwortung der Politik
Am Ende richtet Papst Leo den Blick auf die Politik und die internationale Gemeinschaft. Sie trügen die Verantwortung, Konflikte durch Dialog und Diplomatie zu vermitteln.
Der Papst beschließt sein Vorwort mit der Bitte, dass Gott „unserer Welt, allen Menschen, besonders den Vergessen und den Leidenden, die segensreiche Gnade eines gerechten und dauerhaften Friedens schenken“ möge.
(vaticannews - skr)
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