Papstbesuch in Ostia: Dem Gott der Liebe begegnen
Silvia Kritzenberger - Vatikanstadt
Leo XIV. hat diesen Sonntag eine oft und gern gepflegte Tradition seiner Vorgänger fortgesetzt: Den Besuch des Bischofs von Rom in den Pfarreien seines Bistums. Wie schon die Päpste vor ihm, will er den Blick auf die Viertel der Ewigen Stadt lenken, die oft vergessen werden, und gerade dort Zeichen der Nähe und Solidarität setzen. Fünf Pfarreien wird der Pontifex in der diesjährigen Fastenzeit besuchen.
Erste Station dieser Pfarreivisiten war die von der Kongregation der Gesellschaft des Katholischen Apostolats (Pallottiner) betreute Gemeinde in Ostia Lido.
Dort hat der Papst eine Realität besucht, die oft über Kriminalität und Mafia definiert wird - als eine der jüngsten Peripherien Roms aber auch Heimat vieler junger Menschen ist, die auf eine bessere Zukunft hoffen. Diese jungen Menschen und die Kinder des Peripheriviertels bereiteten Papst Leo, der kurz vor 16 Uhr bei strahlendem Sonnenschein in Ostia eintraf, einen begeisterten Empfang. In der Turnhalle traf Leo XIV. danach noch ca. 400 weitere Pfarr-Mitglieder: Kranke, Bedürftige und Ehrenamtliche der Caritas.
Die Pfarreivisite von Papst Leo XIV. markiert einen besonderen Moment für die Gemeinde und verstärkt das Gefühl der Verbundenheit zwischen Kirche, Jugendlichen, Familien, Bedürftigen und Ehrenamtlichen.
Die Predigt des Papstes
„Es ist mir eine große Freude, hier zu sein und mit eurer Gemeinschaft die Bedeutung der Geste zu feiern, der der ‚Sonntag‘ seinen Namen verdankt. Er ist ‚der Tag des Herrn‘, weil der auferstandene Jesus in unsere Mitte kommt, uns zuhört, zu uns spricht, uns nährt und aussendet,“ begann der Papst seine Predigt in der Pfarrkirche in Ostia.
Durch die Zehn Gebote habe Gott nach dem Auszug aus Ägypten seinen Bund mit seinem Volk besiegelt. Und deren Einhaltung sei keine einfache formale Vorschrift, sondern ein Akt der Liebe.
Wörtlich sagte Papst Leo:
„So erscheinen diese Gebote auf dem langen Weg durch die Wüste wie ein Licht, das den Weg weist; und ihre Einhaltung wird weniger als formale Erfüllung von Vorschriften verstanden und vollzogen, sondern vielmehr als ein Akt der Liebe: als dankbare und vertrauensvolle Antwort auf den Herrn des Bundes. Das Gesetz, das Gott seinem Volk schenkt, steht also nicht im Widerspruch zu seiner Freiheit; vielmehr ist es die Voraussetzung dafür, dass diese Freiheit aufblühen kann.“
Und was das konkret bedeutet, beschrieb der Papst wie folgt: Es gelte, die Gebote nicht als strenge Vorschriften zu sehen, sondern als liebevolle Wegweisung, die zu einem Leben in Fülle und Freiheit führt. So verweise Jesus ja auch „als Weg zur Erfüllung des Menschen auf eine Treue zu Gott, die auf Achtung und Sorge um den anderen in seiner unverletzlichen Würde gründet – eine Haltung, die noch vor Taten und Worten im Herzen heranreifen muss. Denn dort entstehen die edelsten Regungen, aber auch die schmerzhaftesten Entweihungen: Verschlossenheit, Neid, Eifersucht. Wer schlecht über seinen Bruder denkt und böse Gefühle gegen ihn hegt, der hat ihn in seinem Innersten gleichsam schon getötet. Nicht umsonst sagt der heilige Johannes schließlich auch: „Jeder, der seinen Bruder hasst, ist ein Menschenmörder“ (1 Joh 3,15).“
Gewalt und Kriminalität den „guten Samen des Evangeliums“ entgegenhalten
Diese Mahnung lässt sich auch auf die heutige Realität übertragen – besonders in Ostia, wo Gewalt, Prostitution, Drogen und kriminelle Machenschaften jungen Menschen den Start ins Leben sichtlich schwer machen. Doch die Gemeinde setze positive Zeichen: Ehrenamtliche, Pfarrer und soziale Initiativen förderten Bildung, Werte und Zusammenhalt, betonte der Pontifex: Sie säen den „guten Samen des Evangeliums“ in Straßen und Häusern, verbreiten Respekt, Solidarität und Hoffnung und zeigen, dass Liebe und Frieden möglich sind.
„Ergebt euch nicht einer Kultur der Übergriffigkeit und der Ungerechtigkeit. Verbreitet vielmehr Respekt und Harmonie, indem ihr zunächst die Sprache entwaffnet, und dann Kräfte und Mittel in die Bildung investiert – besonders in die der Kinder und Jugendlichen,“ sagte der Papst. „Möge man in der Pfarrei Ehrlichkeit, Offenheit und eine Liebe lernen, die Grenzen überwindet; lernen, nicht nur denen zu helfen, die es vergelten, und nicht nur die zu grüßen, die selbst grüßen, sondern auf alle zuzugehen, ohne Gegenleistung und frei; lernen, Glauben und Leben in Einklang zu bringen.“
Den Schrei der Leidenden und Schutzlosen hören
Papst Leo erinnerte daran, dass Benedikt XV. die Pfarrei „Santa Maria Regina Pacis“ (Maria, Königin des Friedens) vor 110 Jahren gegründet habe – als Zeichen der Hoffnung in einer hoffnungslosen Welt, die viele Parallelen zu unserer Zeit aufweise.
„Leider verdunkeln auch heute noch viele Wolken die Welt, in der sich eine dem Evangelium entgegenstehende Logik verbreitet, die die Überlegenheit des Stärkeren verherrlicht, Machtmissbrauch fördert und die Verlockung des Sieges um jeden Preis nährt – taub gegenüber dem Schrei der Leidenden und Schutzlosen,“ gab das Kirchenoberhaupt zu bedenken.
Dieser „Abwärtsspirale“ müssten wir „die entwaffnende Kraft der Sanftmut entgegensetzen, indem wir weiter um Frieden bitten und das Geschenk des Friedens mit Beharrlichkeit und Demut annehmen und pflegen. „Denn unser Friede ist Christus selbst – und man gewinnt ihn, wenn man sich von ihm erobern und verwandeln lässt – indem man ihm das Herz öffnet und es durch seine Gnade auch denen öffnet, die er auf unseren Weg stellt,“ stellte der Papst mit Verweis auf ein Zitat des Kirchenvaters Augustinus fest.
„Tut dies Tag für Tag, gemeinsam als Gemeinschaft, mit der Hilfe Mariens, Königin des Friedens. Möge sie uns stets behüten und beschützen,“ so der abschließende Appell von Papst Leo bei der heiligen Messe, die er im Rahmen seines Pfarreibesuchs in Ostia Lido gefeiert hat.
(vaticannews – skr)
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