Papst Leo XIV. würdigt das Erbe des heiligen Franziskus
Mario Galgano - Vatikanstadt
Genau acht Jahrhunderte sind vergangen, seit der „Poverello“, der Arme von Assisi, am 3. Oktober 1226 in der Portiuncula-Kapelle verstarb. Papst Leo XIV. nimmt dieses historische Datum zum Anlass, um an die radikale Umkehr und den unerschütterlichen Frieden zu erinnern, den Franziskus verkörperte. Der Brief ist an die Generalminister der Franziskanischen Familie gerichtet, spricht aber weit darüber hinaus die gesamte Gesellschaft an.
Frieden als aktives Geschenk
„Was für eine Illusion wäre es zu glauben, man könne den Frieden allein mit menschlichen Kräften aufbauen!“, schreibt der Papst mit Blick auf die aktuelle Weltlage. Der franziskanische Friedensgruß „Der Herr gebe dir den Frieden“ sei keine bloße Höflichkeitsformel, sondern die Verkündigung des Sieges Christi über den Tod. Leo XIV. betont, dass der Friede zwar ein Geschenk „von oben“ sei, aber dennoch ein „aktives Geschenk“, das jeden Tag neu angenommen und gelebt werden müsse.
In einer Ära, die von „endlos scheinenden Kriegen sowie inneren und sozialen Spaltungen“ geprägt sei, biete das Leben des Heiligen aus Assisi zwar keine technischen Lösungen, weise aber auf die „authentische Quelle des Friedens“ hin.
Geschwisterlichkeit mit der gesamten Schöpfung
Ein zentrales Thema des Schreibens ist die untrennbare Verbindung zwischen dem Frieden unter den Menschen und dem Frieden mit der Natur. Franziskus, der Sonne und Mond als Geschwister bezeichnete, erinnere uns heute daran, dass die „gemeinsame Heimat bedroht ist und unter der Ausbeutung stöhnt“. Der Heilige Vater ruft zu einer „universalen Versöhnung“ auf, die den Schutz der Schöpfung als integralen Bestandteil der christlichen Berufung begreift.
Ein Gebet für den Frieden
Zum Abschluss seines Briefes übergibt der Papst der Kirche ein eigens verfasstes Gebet. Darin bittet er um die Fürsprache des Heiligen: „Schenke uns den Mut, Brücken zu bauen, wo die Welt Grenzen errichtet.“ Franziskus wird darin als „entwaffneter Zeuge“ angerufen, der uns lehren soll, Mauern niederzureißen.
Der Brief, der bereits auf den 7. Januar datiert ist, wurde an diesem Samstag offiziell zugänglich gemacht und bildet den geistlichen Auftakt für die weltweiten Gedenkveranstaltungen zum „VIII. Centenarium des Transitus“.
(vatican news)
Dokumentation: Der Brief des Papstes (Arbeits-Übersetzung)
An die Generalminister der Konferenz der Franziskanischen Familie
„Unsere Schwester Tod“, rief der heilige Franziskus am 3. Oktober 1226 in der Portiuncula aus, als er ihr als ein endlich versöhnter Mann entgegenging. Acht Jahrhunderte sind seit dem Tod des Poverello von Assisi vergangen, der das Wort des Heils Christi in die Herzen der Menschen seiner Zeit mit prägnanten Schriftzügen eingeschrieben hat.
Indem ich an den bedeutsamen Anlass des 800. Jahrestages seines Heimgangs (Transitus) erinnere, möchte ich mich geistlich mit der gesamten Franziskanischen Familie und all jenen verbinden, die an den Gedenkveranstaltungen teilnehmen werden, in der Hoffnung, dass die Botschaft des Friedens im Heute der Kirche und der Gesellschaft ein tiefes Echo finden möge.
Zu Beginn seines evangelischen Lebens hatte er einen Ruf vernommen: „Der Herr offenbarte mir, dass wir diesen Gruß sagen sollten: ‚Der Herr gebe dir den Frieden‘.“ Mit diesen wesentlichen Worten übergibt er seinen Brüdern und jedem Gläubigen das innere Staunen, das das Evangelium in sein Dasein gebracht hatte: Der Friede ist die Summe aller Güter Gottes, ein Geschenk, das von oben herabsteigt. Welche Illusion wäre es zu glauben, man könne ihn allein mit menschlichen Kräften aufbauen! Und doch ist er ein aktives Geschenk, das man jeden Tag annehmen und leben muss.
Es ist derselbe Gruß, den der auferstandene Herr am Osterabend an seine Jünger richtet, die verängstigt und im Abendmahlssaal eingeschlossen waren: „Friede sei mit euch“. Es ist keine Höflichkeitsformel, sondern die sichere Verkündigung des Sieges Christi über den Tod. Wie die Stimme der Engel in der Heiligen Nacht – „Ehre sei Gott in der Höhe und auf Erden Frieden den Menschen seines Wohlgefallens“ – so ist der Friede, den der Seraphische Vater verkündet, jener, den Christus selbst zwischen Himmel und Erde hat erklingen lassen.
In dieser Epoche, die von so vielen Kriegen geprägt ist, die endlos scheinen, von inneren und sozialen Spaltungen, die Misstrauen und Angst erzeugen, spricht er weiterhin zu uns. Nicht weil er technische Lösungen anbietet, sondern weil sein Leben auf die authentische Quelle des Friedens hinweist.
Die franziskanische Vision des Friedens beschränkt sich nicht auf die Beziehungen zwischen den Menschen, sondern umfasst die gesamte Schöpfung. Franziskus, der die Sonne „Bruder“ und den Mond „Schwester“ nennt, der in jedem Geschöpf einen Widerschein der göttlichen Schönheit erkennt, erinnert uns daran, dass der Friede sich auf die gesamte Familie der Schöpfung erstrecken muss. Eine solche Intuition klingt mit besonderer Dringlichkeit in unserer Zeit wider, wenn das gemeinsame Haus bedroht ist und unter der Ausbeutung stöhnt. Der Friede mit Gott, der Friede unter den Menschen und mit der Schöpfung sind untrennbare Dimensionen eines einzigen Rufes zur universalen Versöhnung.
Liebe Brüder, möge das Beispiel und das geistige Erbe dieses Heiligen, der stark im Glauben, fest in der Hoffnung und brennend in der tätigen Liebe zum Nächsten war, in allen das Bewusstsein dafür wecken, wie wichtig es ist, auf den Herrn zu vertrauen, sich in einer dem Evangelium treuen Existenz zu verzehren sowie jeden Umstand und jede Handlung des Lebens mit dem Glauben und dem Gebet anzunehmen und zu erhellen.
In diesem Jahr der Gnade möchte ich euch ein Gebet übergeben, damit der heilige Franz von Assisi weiterhin in uns allen die vollkommene Freude und die Eintracht einflößen möge:
Heiliger Franziskus, unser Bruder, du, der du vor achthundert Jahren unserer Schwester Tod als versöhnter Mann entgegengegangen bist, interzediere für uns beim Herrn. Du hast im Kruzifix von San Damiano den wahren Frieden erkannt, lehre uns, in Ihm die Quelle jeder Versöhnung zu suchen, die jede Mauer niederreißt. Du, der du unbewaffnet die Linien des Krieges und des Unverständnisses überschritten hast, schenke uns den Mut, Brücken zu bauen, wo die Welt Grenzen errichtet. In dieser von Konflikten und Spaltungen geplagten Zeit bitte für uns, dass wir zu Werkzeugen des Friedens werden: unbewaffnete und entwaffnende Zeugen des Friedens, der von Christus kommt. Amen.
Mit diesen Gefühlen drücke ich meine herzlichen Segenswünsche aus, besonders für euch alle, die ihr dem Charisma des Poverello von Assisi folgt, und für all jene, die auf verschiedene Weise an den Tag seines Heimgangs (dies natalis) erinnern werden, während ich von Herzen den ersehnten Apostolischen Segen sende.
Aus dem Vatikan, 7. Januar 2026
LEO PP. XIV
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