Papst Leo XIV. am 9.1.2026 bei der Audienz für die beim Heiligen Stuhl akkreditierten Diplomaten Papst Leo XIV. am 9.1.2026 bei der Audienz für die beim Heiligen Stuhl akkreditierten Diplomaten  (@VATICAN MEDIA)

Papst zur Weltlage: „Kurzschluss“ der Menschenrechte

Aus Sicht von Papst Leo XIV. ist der „Schutz des Rechts auf Leben die unverzichtbare Grundlage für alle anderen Menschenrechte". Das hat das katholische Kirchenoberhaupt diesen Freitag in seiner Neujahrsansprache an die beim Heiligen Stuhl akkreditierten Diplomaten betont. Angesichts zahlreicher Menschenrechtsverletzungen, Kriege und Krisen auf der Welt sprach Leo von einem regelrechten „Kurzschluss“ der Menschenrechte und forderte eindringlich eine Achtung dieser sowie Frieden und Dialog.

Stefanie Stahlhofen - Vatikanstadt

„Die von mir dargelegten Überlegungen lassen vermuten, dass es im gegenwärtigen Kontext zu einem regelrechten ,Kurzschluss` der Menschenrechte kommt. Das Recht auf Meinungsfreiheit, auf Gewissensfreiheit, auf Religionsfreiheit und sogar auf Leben wird im Namen anderer sogenannter neuer Rechte eingeschränkt, was dazu führt, dass das System der Menschenrechte selbst an Kraft verliert und Raum für Gewalt und Unterdrückung öffnet. Dies geschieht dann, wenn jedes einzelne Recht selbstreferenziell wird und insbesondere dann, wenn es seine Verbindung mit der Wirklichkeit der Dinge, mit deren Natur und mit der Wahrheit verliert", sagte Papst Leo wörtlich in seiner in der deutschen Übersetzung knapp 20-seitigen Rede, die er überwiegend auf englisch; stellenweise jedoch auch auf Italienisch hielt.

„Das Recht auf Meinungsfreiheit, auf Gewissensfreiheit, auf Religionsfreiheit und sogar auf Leben wird im Namen anderer sogenannter neuer Rechte eingeschränkt, was dazu führt, dass das System der Menschenrechte selbst an Kraft verliert und Raum für Gewalt und Unterdrückung öffnet“

Zum Hören: Stefanie Stahlhofen und Mario Galgano zur Neujahrsansprache von Papst Leo XIV. an Diplomaten am 9.1.2026 (Kollegen-Gespräch von Radio Vatikan)

Venezuela, Heiliges Land, Ukraine 

Vor rund 420 Zuhörerinnen und Zuhörern in der Benediktionsaula ging Papst Leo XIV. auch auf einige aktuelle Krisen, Konflikte und Kriege konkreter ein: Mit Blick auf Venezuela sagte er: „In diesem Zusammenhang erneuere ich meinen Appell, den Willen des venezolanischen Volkes zu respektieren und sich für den Schutz der Menschen- und Bürgerrechte aller einzusetzen sowie für den Aufbau einer Zukunft in Stabilität und Eintracht." Den Angriff der USA und die Entführung von Präsident Nicolas Maduro erwähnte Papst Leo nicht explizit. Er warb generell mit Blick auf Venezuela für den Aufbau einer Gesellschaft, die auf „Gerechtigkeit, Wahrheit, Freiheit und Geschwisterlichkeit" gründe, um die Krise im Land zu überwinden. Das katholische Kirchenoberhaupt äußerte zudem „große Besorgnis" angesichts der „Verschärfung der Spannungen in der Karibik und entlang der amerikanischen Pazifikküste" und erneuerte seinen „eindringlichen Appell, nach friedlichen politischen Lösungen für die gegenwärtige Situation zu suchen, wobei das Gemeinwohl der Bevölkerung im Vordergrund stehen muss und nicht die Verteidigung von Partikularinteressen."

„Nach friedlichen politischen Lösungen für die gegenwärtige Situation suchen, wobei das Gemeinwohl der Bevölkerung im Vordergrund stehen muss und nicht die Verteidigung von Partikularinteressen“


Mit Blick auf das Heilige Land prangerte der Papst die „schwere humanitäre Krise" an, die trotz des Waffenstillstands andauere, und warb erneut für eine Zwei-Staaten-Lösung: „Der Heilige Stuhl beobachtet mit besonderer Aufmerksamkeit jede diplomatische Initiative, die den Palästinensern im Gazastreifen eine Zukunft in dauerhaftem Frieden und Gerechtigkeit in ihrem Land garantiert, ebenso wie dem gesamten palästinensischen Volk und dem gesamten israelischen Volk. Insbesondere bleibt die Zwei-Staaten-Lösung die institutionelle Perspektive, die den legitimen Bestrebungen beider Völker entgegenkommt." Papst Leo beklagte eine Zunahme der Gewalt gegenüber der palästinensischen Zivilbevölkerung im Westjordanland und betonte, dass sie „das Recht hat, in Frieden im eigenen Land zu leben".

Mit Blick auf den Ukraine-Krieg erinnerte der Papst ebenfalls an das große Leid der Zivilbevölkerung. Er forderte erneut einen Waffenstillstand, Dialog und Frieden: „Ich richte einen eindringlichen Appell an die internationale Gemeinschaft, damit das Engagement für gerechte und dauerhafte Lösungen zum Schutz der Schwächsten und zur Wiederherstellung der Hoffnung bei der betroffenen Bevölkerung nicht erlischt." Der Heilige Stuhl, das bekräftigte das Kirchenoberhaupt einmal mehr, sei uneingeschränkt bereit, „jede Initiative zu unterstützen, die Frieden und Eintracht fördert."

„Appell an die internationale Gemeinschaft, damit das Engagement für gerechte und dauerhafte Lösungen zum Schutz der Schwächsten und zur Wiederherstellung der Hoffnung bei der betroffenen Bevölkerung nicht erlischt“

Haiti, Afrika, Ostasien

Für das von Gewalt und Menschenhandel sowie Zangsvertreibungen geplagte Haiti forderte Papst Leo XIV. konkrete Unterstützung der internationalen Gemeinschaft, damit „so schnell wie möglich (...) die demokratische Ordnung" wiederhergestellt werde, Gewalt ende und Versöhnung und Frieden erreicht würden. Für ein Ende von Gewalt, Dialog, Friede und Versöhnung warb er auch angesichts der jahrzehntelangen Gewalt in der  Region der Großen Seen in Afrika sowie der „anhaltenden politischen Instabilität im Südsudan" und zunehmender Spannungen in Ostasien: Konkret ging er hier auf die „schwere und humanitäre und sicherheitspolitische Krise" in  Myanmar ein: „Mit erneuter Dringlichkeit appelliere ich, mutig den Weg des Friedens und des inklusiven Dialogs zu beschreiten und allen einen gerechten und zeitnahen Zugang zu humanitärer Hilfe zu gewährleisten. Damit demokratische Prozesse authentisch sind, müssen sie mit dem politischen Willen einhergehen, das Gemeinwohl zu verfolgen, den sozialen Zusammenhalt zu stärken und die ganzheitliche Entwicklung eines jeden zu fördern."

„Damit demokratische Prozesse authentisch sind, müssen sie mit dem politischen Willen einhergehen, das Gemeinwohl zu verfolgen, den sozialen Zusammenhalt zu stärken und die ganzheitliche Entwicklung eines jeden zu fördern“


Friede, Abrüstung und Dialog sind möglich

Papst Leo, der dem Augustinerorden angehört, zitierte in seiner Neujahrsansprache für die Diplomaten auch mehrfach den heiligen Augustinus. Schon er habe bemerkt, dass  „stets die Vorstellung im Mittelpunkt steht, dass Friede nur durch Gewalt und Abschreckung möglich ist" - ein Trugschluss. Friede brauche vielmehr „kontinuierliche und geduldige Aufbauarbeit und ständige Wachsamkeit." In diesem Zusammenhang warb Papst Leo für Abrüstung.

„Die Gefahr besteht, dass der Wettlauf wieder aufgenommen wird, um immer ausgefeiltere neue Waffen zu produzieren, auch unter Einsatz von künstlicher Intelligenz“

„Eine solche Anstrengung betrifft alle, angefangen bei den Staaten, die über Atomwaffenarsenale verfügen. Ich denke dabei insbesondere an die wichtige Fortsetzung, die der im Februar nächsten Jahres auslaufende New-START-Vertrag erfahren muss. Die Gefahr besteht, dass der Wettlauf wieder aufgenommen wird, um immer ausgefeiltere neue Waffen zu produzieren, auch unter Einsatz von künstlicher Intelligenz. Letztgenannte ist ein Instrument, das einer angemessenen und ethischen Handhabung sowie eines rechtlichen Rahmens bedarf, die auf den Schutz der Freiheit und auf die Verantwortlichkeit des Menschen ausgerichtet sind."

Mit Worten von Augustinus machte Papst Leo auch allen Hoffnung angesichst der vielen Krisen und Kriege: Friede sei zwar schwer zu erreichen, aber möglich: „ Er ist, wie Augustinus sagt, unser ,Endgut' (Hl. Augustinus, Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat, XIX, 11), weil er das eigentliche Ziel der Stadt Gottes ist, nach dem wir, wenn auch unbewusst, streben und dessen Vorgeschmack wir in der irdischen Stadt kosten können."

„Keime des Friedens, die es zu pflegen gilt“

Das katholische Kirchenoberhaupt führte zum Ende seine Rede so auch einige positive Entwicklungen an: Konkret erwähnte er hier etwa „die Dayton-Abkommen, die vor dreißig Jahren den blutigen Krieg in Bosnien und Herzegowina beendeten", „die gemeinsame Friedenserklärung zwischen Armenien und Aserbaidschan, die im vergangenen August unterzeichnet wurde", und die „Bemühungen der vietnamesischen Behörden in den letzten Jahren, die Beziehungen zum Heiligen Stuhl und die Bedingungen zu verbessern, unter denen die Kirche in dem Land tätig ist. All dies sind Keime des Friedens, die es zu pflegen gilt", so Papst Leo XIV. 

Unveräußerliche Menschenwürde aller

Leo erinnerte in seiner Rede auch an die unveräußerliche Menschenwürde aller: „Der Heilige Stuhl vertritt im Rahmen seiner internationalen Beziehungen und Aktivitäten beständig die Position, dass die Würde jedes Menschen unveräußerlich ist". Konkret nannte das katholische Kirchenoberhaupt hier etwa Migranten und Flüchtlinge, und betonte, die Maßnahmen, die die Staaten gegen Illegalität und Menschenhandel ergreifen, dürften „nicht zu einem Vorwand werden, um die Würde von Migranten und Flüchtlingen zu verletzen". Häftlingen, inklusive politischen Gefangenen, müssten menschenwürdige Haftbedingungen garantiert werden.

Der Papst forderte zudem erneut eine Abschaffung der Todesstrafe; er bekräftigte die Ablehnung der katholischen Kirche und des Heiligen Stuhls von Abtreibung, Leihmutterschaft und Sterbehilfe und rief zur Stärkung von Familien, Bekämpfung von Sucht und Förderung von Bildung und Arbeitsplätzen auf: „Eine Gesellschaft ist nur dann gesund und fortgeschritten, wenn sie die Heiligkeit des menschlichen Lebens schützt und sich aktiv für dessen Förderung einsetzt."

„Eine Gesellschaft ist nur dann gesund und fortgeschritten, wenn sie die Heiligkeit des menschlichen Lebens schützt und sich aktiv für dessen Förderung einsetzt“

Was der Papst allen wünscht

Zum Abschluss seiner Rede erinnerte Papst Leo an den heiligen Franz von Assisi, dessen Todestag sich im Oktober 2026 zum 800. Mal jährt. Er sei ein Mann des Friedens und des Dialogs gewesen, „der weltweit auch von Menschen anerkannt wird, die nicht zur katholischen Kirche gehören". Ganz in diesem Sinne schloss Papst Leo XIV. seine Rede an die beim Heiligen Stuhl akkreditierten Diplomaten mit dem Wunsch:

 „Ein demütiges und friedensstiftendes Herz, das ist es, was ich jedem von uns und allen Einwohnern unserer Länder zu Beginn dieses neuen Jahres wünsche."

(vatican news - sst)

 

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09. Januar 2026, 12:34