Augustinus ist Papst
Der Pontifikatsbeginn von Leo XIV. war weitgehend vom Programm des Heiligen Jahres geprägt, das Franziskus eröffnet hatte – und dennoch hat der 267. Papst schon erste eigene Akzente gesetzt. Er verfasste ein Grundsatzschreiben über die Liebe zu den Armen, unternahm eine Reise zu den Christen des Orients und lud alle Christen zu einer großen Pilgerreise nach Jerusalem zum bevorstehenden „Heiligen Jahr der Erlösung“ im Jahr 2033 ein.
„Was mir spontan in den Sinn kommt, ist die Kontinuität gegenüber dem vorherigen Pontifikat.“ Das sagt der Leiter der französischen Jesuitenzeitschrift „Etudes“, François Euvé, in einem Interview mit Radio Vatikan.
Kontinuität zu Franziskus
„Man sieht das schon aus Leos ersten Äußerungen unmittelbar nach der Wahl, aber natürlich auch an seinem ersten größeren Apostolischen Schreiben und anderen Reden. Diese Kontinuität betrifft das Grundsätzliche, speziell die soziale Sensibilität. Außerdem spürt man beim neuen Papst wirklich einen Wunsch nach Begegnung und Dialog. Dieses Anliegen hat er auch bei seiner Reise in die Türkei und in den Libanon nach vorn geschoben: sich treffen und miteinander reden.“
Papst Franziskus hatte das dialogische Prinzip innerhalb der Kirche durch seine Weltsynode zu beleben versucht. Neu ist bei Leo XIV. die Deutlichkeit, mit der er seinen Apparat um Geschlossenheit und Zusammenarbeit bittet. „Päpste kommen und gehen, die Kurie bleibt“, bemerkte Leo bei seiner ersten Begegnung mit den Verantwortlichen der Kurie. Der Neue kennt seine Pappenheimer – vor seinem Wechsel auf den Papststuhl hat er zwei Jahre lang als Präfekt des Bischofs-Dikasteriums im Vatikan gearbeitet.
Eine kollektivere Arbeitsweise
„Genau: Er kennt also die Kurie von innen. Zwar hat er nicht viele Jahre in Rom verbracht, aber doch lange genug, um zu verstehen, wie die Kurie funktioniert. Wir wissen alle, dass die Kurie unverzichtbar ist, aber manchmal auch – wie soll ich sagen – ihre Grenzen hat. Das war früheren Päpsten nicht unbedingt bewusst, aber Leo weiß darum und will diese Begrenzungen überwinden, will mehr Zusammenarbeit. Seine Arbeitsweise ist dabei auch von der augustinischen Tradition geprägt, die in Bezug auf Überlegungen und Entscheidungsfindung eher kollektiv ist. Aus dieser Perspektive kann man also davon ausgehen – und ich denke, das ist heute bereits der Fall –, dass es eine kollektivere Arbeitsweise mit der Kurie gibt.“
Der Jesuit zählt noch einige weitere „augustinische Elemente“ auf, die das neue Pontifikat aus seiner Sicht prägen: „die Bedeutung der intellektuellen Dimension, der Reflexion und einer soliden Theologie“.
Gegenentwurf zu Trump?
Prevost ist auch der erste Papst mit einem US-Pass. Wird er die Risse zwischen den verschiedenen Strömungen der katholischen Kirche in den Vereinigten Staaten kitten können? Die Frage stellt sich umso mehr angesichts der spalterischen Politik von Präsident Donald Trump.
„Ich denke, dass dies tatsächlich möglich ist, wenn man sowohl das offensichtliche Gewicht der Vereinigten Staaten in der heutigen Welt als auch die spektakuläre Entwicklung berücksichtigt, die dieses Land derzeit durchläuft. Man muss sich vor Augen halten, dass in den USA die christliche und namentlich die katholische Komponente mit Vizepräsident J.D. Vance ganz klar ist. Ein amerikanischer Papst, der ein Gespür für dieses Land hat und gleichzeitig ein ausgeprägtes soziales Engagement zeigt, das im Gegensatz zur Politik der aktuellen amerikanischen Regierung steht – das wird natürlich Auswirkungen auf die Gesellschaft haben und auch auf die Kirche. Menschliche Beziehungen und menschliche Sensibilität sind manchmal stärker als ideologische Überlegungen… aber dieses Thema wird man im Auge behalten müssen.“
Generell kann man, wie Pater François Euvé resümiert, schon jetzt von einem Klima der Beruhigung sprechen, das mit dem Beginn des Leo-Pontifikats in der Kirche angebrochen ist.
„Die Einladung an Kardinal Burke, eine tridentinische Messe in Sankt Peter in Rom zu feiern, ist bereits so ein Zeichen der Beruhigung. Es bedeutet: ‚Vielleicht stimme ich Ihnen nicht unbedingt zu, aber ich breche die Beziehung nicht ab, ich unterbreche den Dialog nicht‘. Ich glaube, dass dies sicherlich Auswirkungen haben wird. Man spürt, dass Leo XIV. in dieser Hinsicht viel vorsichtiger ist.“ Der Vorgänger Franziskus hatte bei einer seiner fliegenden Pressekonferenzen noch geäußert, er habe „keine Angst vor einem Schisma“.
Die Fragen an Pater Euvé stellte Jean-Charles Putzolu vom französishen Programm von Radio Vatikan.
(vatican news – sk)
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