D: Militärseelsorge zwischen Friedensethik und Zeitenwende
Was in dem Papier der Kirchen unter der - eher bürokratisch klingenden - Überschrift „Seelsorge und Akutintervention im Spannungs-, Bündnis- und Verteidigungsfall“ steht, ist allerdings durchaus brisant. Ein Kollegengespräch.
Was ist eigentlich Militärseelsorge, und wie ist sie organisiert?
Michael Hermann: Das ist eine wirklich recht komplexe Konstruktion. Die Idee der Mütter und Väter des Grundgesetzes war es, dass es Kirchen erlaubt sein muss, in den Strukturen der Bundeswehr, also in den Kasernen, ein seelsorgerisches Angebot für Soldaten zu machen. Diese können ja nicht so einfach an den Angeboten von Kirchengemeinden teilnehmen, insbesondere wenn sie im Ausland im Einsatz sind. Und deshalb hat man ein System geschaffen, an dem die Bundeswehr und die Kirchen gleichermaßen beteiligt sind. Juristen nennen das eine res mixta, eine gemeinsame Aufgabe. Ganz konkret heißt das: Es gibt Bischöfe, die für die Militärseelsorge verantwortlich sind. Auf katholischer Seite ist das der Essener Bischof Overbeck. Und es gibt Behörden der Bundeswehr, die die Seelsorge organisieren. Die Militärgeistlichen sind ebenfalls Angehörige der Bundeswehr.
Aus welchem konkreten Anlass haben die beiden großen Kirchen in Deutschland das Papier „Seelsorge und Akutintervention im Spannungs-, Bündnis- und Verteidigungsfall“ geschrieben?
Michael Hermann: Das steht ganz klar im ersten Absatz: Es geht um - so wörtlich - „die seelsorglichen Aufgaben in Szenarien militärischer Bedrohung und gewaltsamer Konflikte, die auch Deutschland unmittelbar betreffen können“. Man könnte also sagen: Die sogenannte Zeitenwende hat auch die Militärseelsorge erreicht. Über dem Papier steht übrigens: „Internes Arbeitspapier“. Das ist insofern etwas irreführend, weil die Kirchen das interne Papier selbst öffentlich gemacht haben, vielleicht es auch öffentlich machen mussten, nachdem Inhalte bekannt wurden.
Verabschieden sich die beiden Kirchen mit dem Papier von ihrer bisherigen friedensethischen Ausrichtung, vom Vorrang der gewaltfreien Konfliktlösung?
Michael Hermann: Die Kirchen sagen: nein, eben gerade nicht. Aber sie könnten vor der Realität nicht die Augen verschließen und müssten sich auf das Unvorstellbare dann eben doch vorbereiten, auf den Kriegsfall. In dem Papier wird genau dargestellt, wie Deutschland in einen Krieg hineingezogen werden könnte, welche Vorbereitungen der Staat hierzu treffen muss und inwiefern dies die Kirchen betrifft.
Wie wollen sich die Kirchen auf das, was Sie eben als unvorstellbar bezeichnet haben, einstellen?
Michael Hermann: Da wird ein ganzes Bündel an Maßnahmen ausformuliert. Mehr Soldatinnen und Soldaten brauchen mehr Geistliche, auch in Bundeswehrkrankenhäusern - für die Betreuung verwundeter Soldaten oder im Hinblick auf im Einsatz entstandene Traumata. Kriegsgefangene und deren Wachpersonal müssten betreut werden. Für die Truppen verbündeter Armeen, die durch Deutschland ziehen, soll ein Angebot an Seelsorge gemacht werden. Nicht vergessen werden dürfe, dass es zu großen Flüchtlingsströmen kommen könnte. Auch deren Begleitung sei eine Aufgabe von Kirchen. Und mit der Bestattung der Gefallenen wird ein ganz sensibles Thema angesprochen.
Und wie kann das ganz konkret aussehen, sich auf diese Herausforderungen einzustellen?
Michael Hermann: Da ist viel von Strukturen und Abläufen die Rede, und man merkt, dass es hier um die Bundeswehr geht, also ein System, in dem Rollen und Verantwortlichkeiten ganz klar geregelt sein müssen. Als zentrales Prinzip wird formuliert: „Nicht alle machen alles“, Schnittstellen sollen reduziert werden. Ferner findet sich in dem gemeinsamen Papier häufig das Wort Empowerment für die neuen Herausforderungen. Ein bisschen wirkt sich hier die Erfahrung aus der Zeit der Pandemie aus: Man will vorbereitet sein, was Abläufe betrifft, von Krisenstäben ist an vielen Stellen die Rede, auch auf gemeindlicher Ebene.
Spielt die konkrete seelsorgerische Praxis auch eine Rolle?
Michael Hermann: Ja, eine zentrale Rolle. Besondere Gottesdienste, die sich mit einem Krisenfall beschäftigen und sich auch an die zivile Bevölkerung richten, werden genauso thematisiert wie die Gestaltung von Trauerfeiern für gefallene Soldaten. Wörtlich heißt es in dem Papier: „Es ist mit Massentraumatisierung zu rechnen. Diese setzt individueller psychologischer oder seelsorgerischer Begleitung Grenzen.“ Beispielsweise bei der Bestattung von Gefallenen sollen auch Ehrenamtliche miteinbezogen werden.
Die Reaktionen waren ja bei weitem nicht nur positiv...
Michael Hermann: Unbestritten scheint mir zu sein, dass sich die Kirche mit der Frage eines Krieges in Deutschland oder mit Deutschland ganz konkret beschäftigen muss. Das nicht zu tun sei fahrlässig, sagte beispielsweise der evangelische Militärbischof.
Kritisiert wurde, dass der friedensethische Rahmen in dem Papier zu kurz komme und sich das Konzept mehr wie ein Operationsplan der Bundeswehr lese. Kirchen sollten sich mehr mit der Frage beschäftigen, wie eine militärische Eskalation zu vermeiden ist, als sich auf eine solche vorzubereiten, sagten einige Kritiker. Diese befürchten, die Kirchen würden sich der Militärlogik unterwerfen. So positionierte sich zum Beispiel Irme Stetter-Karp, die Präsidentin des Zentralkomitees der deutschen Katholiken.
Ich glaube, hier ist vieles noch nicht ausdiskutiert. Die Debatte wird noch intensiver werden.
Gibt es ein solches Papier auch in Österreich und in der Schweiz?
Michael Hermann: In Österreich gibt es Leitfäden der Kirchen, aber nichts Ökumenisches und kein Papier, das derart von der sogenannten Zeitenwende geprägt ist. Auch in der Schweiz gibt es eine multireligiös aufgestellte Militärseelsorge, aber ein aktuelles Krisenpapier wie in Deutschland existiert dort ebefalls nicht.
(vatican news /mch)
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