Buchtipp: Das Jahrhundert im Spiegel der Fiktion
Der Autor, der als Herausgeber der Reihe „New York Review Books Classics“ tätig ist, entwickelte den Ansatz für dieses Buch aus der Frage heraus, wie die Transformationen einer Epoche in der literarischen Kultur sichtbar werden. Im Zentrum steht die These, dass die Geschichte des Romans im vergangenen Jahrhundert eine Geschichte der Übersetzung im erweiterten Sinne darstellt, nämlich der Übertragung gelebter Wirklichkeit in eine schriftliche Form. Frank begreift das 20. Jahrhundert als eine Phase tiefgreifender Umbrüche, die durch Weltkriege, Revolutionen, den Zerfall von Imperien und technologische Neuerungen geprägt war. Diese Realitäten setzten die hergebrachte literarische Form des 19. Jahrhunderts unter Druck und führten zu einer Umgestaltung erzählerischer Verfahren.
Verhältnis zwischen dem Jahrhundert und der fiktionalen Form
Die Untersuchung verzichtet auf eine enge Zuordnung zu künstlerischen Bewegungen wie der Moderne und strebt auch keine Erstellung eines neuen literarischen Kanons an. Stattdessen wählt der Autor dreißig Romane aus, die sich spezifisch mit dem Verhältnis zwischen dem Jahrhundert und der fiktionalen Form auseinandersetzen. Der chronologische Aufbau beginnt mit einem Prolog über Fjodor Dostojewskis „Aufzeichnungen aus dem Kellerloch“ von 1864, das Frank als ein Werk einordnet, welches das Fundament für das nachfolgende Jahrhundert legte und von späteren Autoren wie Jean Rhys oder Vladimir Nabokov aufgegriffen wurde. Der Hauptteil des Buches gliedert sich in drei Abschnitte. Der erste Teil umfasst die Zeit von den letzten Jahren des 19. Jahrhunderts bis zum Ende des Ersten Weltkriegs und diskutiert Werke wie H.G. Wells’ „Die Insel des Dr. Moreau“, Franz Kafkas „Der Verschollene“ sowie Marcel Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ und James Joyces „Ulysses“. Der zweite Teil widmet sich den literarischen Entwicklungen der Zwischenkriegszeit und des Zweiten Weltkriegs, unter anderem anhand von Virginia Woolfs „Mrs. Dalloway“, Robert Musils „Der Mann ohne Eigenschaften“ und Wassili Grossmans „Leben und Schicksal“. Der dritte Teil und der Epilog führen über die Nachkriegszeit bis zum Ende des kurzen 20. Jahrhunderts, wobei Autoren wie Gabriel García Márquez, Ralph Ellison und schließlich W. G. Sebald mit seinem Werk „Austerlitz“ analysiert werden.
Methodisch versteht Frank sein Buch als einen literaturgeschichtlichen Essay im Sinne der deskriptiven Kritik, wie sie unter anderem von Virginia Woolf, Henry James oder D.H. Lawrence praktiziert wurde. Die Annäherung an die Texte erfolgt über eine Betrachtung des Verhältnisses von Inhalt und Form, wobei der Handlungsverlauf und die sprachlichen Ausdrucksweisen der Romane nachgezeichnet werden. Das Ziel der Kritik besteht nach Frank nicht darin, das Werk durch eine erklärende Interpretation zu ersetzen, sondern die Wahrnehmung des Buches und den Moment der Begegnung beim Lesen zu beschreiben. Die Auswahl der Texte bleibt dabei an den persönlichen Leseerfahrungen des Autors ausgerichtet und beschränkt sich, mit einer Ausnahme, auf Werke, die in den großen europäischen Sprachen verfasst wurden.
Zum Mitschreiben
Edwin Frank: Stranger than Fiction. Das 20. Jahrhundert in 30 Romanen. Aus dem Englischen von Andreas Wirthensohn, erschienen im Verlag C.H.Beck 2026, ISBN 978 3 406 84497 3
Eine Rezension von Mario Galgano.
(vatican news)
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