Unser Sonntag: Das Kreuz und die Nachfolge
P. Johannes Lechner
13. Sonntag im Jahreskreis Mt 10,37-42
Im Norden Litauens, nahe Šiauliai (sprich: Schoulei), erhebt sich ein einzigartiger Ort: der Kryžių kalnas (sprich Krischu Kalnas), der Berg der Kreuze. Ein ganzer Hügel, übersät mit mehr als 120.000 großen Kreuzen – und unzähligen kleinen. Auf vielen steht: „Jesus, ich vertraue dir." Es ist ein Ort, an dem Menschen ihr Leiden niedergelegt haben.
Ein Ort der Erinnerung an die Märtyrer und Opfer der Verfolgung. Ein Ort, an dem das Kreuz nicht nur Last ist, sondern Hoffnung – stärker als der Tod. Und doch wollte man diesen Ort wiederholt auslöschen. 1961 walzten Bulldozer des sowjetischen Regimes die Kreuze nieder. Man zerstörte sie immer wieder. Aber jedes Mal geschah etwas Unerwartetes: Schon am nächsten Tag standen wieder Kreuze dort. Als ob das Kreuz selbst Wurzeln geschlagen hätte. Als ob der Glaube nicht auszurotten wäre. Bis zum Ende des Regimes blieb dieser Hügel ein stilles Schlachtfeld: zwischen Atheismus und Glauben, zwischen Gewalt und der geduldigen Kraft des Gebets.
Das Kreuz als Beginn des Missionsauftrages
Das Evangelium dieses Sonntags ist unbequem. Es stellt die Nachfolge über die engsten familiären Bindungen und fordert uns auf, unser Kreuz auf uns zu nehmen. Ich möchte dem Text seine Zähne nicht ziehen, sondern genau hinhören. Jesus spricht diese Worte nicht zum Volk, sondern zu den Zwölf im Kontext der Aussendungsrede. Der Vers über das Kreuz steht nicht am Ende einer langen Leidenstheologie – er steht am Beginn eines Missionsauftrags.
Die erste anspruchsvolle Forderung lautet, die Liebe zu ihm über die familiäre Zuneigung zu stellen. Er sagt: „Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht würdig, und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, ist meiner nicht würdig“ (V. 37). Jesus will damit nicht, dass wir unsere Familie geringschätzen oder verachten. Familie braucht aber etwas Größeres, dem sie sich öffnen kann, dem sie dient und Rechenschaft schuldig ist. Jesus verlangt nicht, dass wir weniger lieben, sondern richtig und größer lieben. Denn es gibt eine Gefahr – selbst in den schönsten Beziehungen: dass sie zum Letzten werden und den Platz Gottes einnehmen. Dann wird die Liebe eng, ängstlich, dann klammert sie – weil sie alles verlieren könnte.
Wenn die Bande der Verwandtschaft an oberster Stelle stehen und wir zuerst das Interesse der Familie suchen, dann kann sie sich in ein geschlossenes System verwandeln und sogar in Korruption übergehen. Es ist wie mit der Sonne. Die Sonne steht im Zentrum des Sonnensystems. Nicht weil sie im Zentrum steht, erdrückt sie die Planeten – sondern gerade weil sie im Zentrum ist, können die Planeten kreisen, ihren Platz finden und Licht und Wärme empfangen. Würde man die Sonne verschieben und stattdessen einen Planeten ins Zentrum setzen, würde das ganze System zusammenbrechen. Gott an die erste Stelle im Leben zu setzen bedeutet nicht, die Liebe zu den Nahestehenden zu verringern. Es bedeutet vielmehr, dieser Liebe ein Gravitationszentrum zu geben, das sie stabil, leuchtend und dauerhaft macht. Eine solche Liebe macht frei. Sie kann den anderen lieben, ohne ihn festhalten zu müssen. Dann kann ich loslassen, ohne alles zu verlieren.
Keine Nachfolge ohne Kreuz
Es ist ein Ruf zur Nachfolge. Jünger Jesu zu werden ist nicht bequem, sondern verlangt alles ab. Es gibt kein Christentum und keine Jesusnachfolge ohne Kreuz. Warum? Weil das Kreuz untrennbar zu Jesu Leben gehört. Jesus führt die Zwölf hier direkt in jene Haltung ein, in der er die Schmach und Demütigung des Kreuzes gelebt hat und die allein Erlösung bringen und das Böse und den Hass überwinden kann. Eine Nuance des Textes ist wichtig: Es heißt nicht, das Kreuz tragen, sondern: auf sich nehmen. Der Akzent liegt auf dem Beginn, auf der Bereitschaft, auf dem ersten Schritt. Es geht nicht um stoisches Ausharren unter der Last des Lebens, sondern um die bewusste Entscheidung, einen bestimmten Weg anzutreten, dessen Preis man vorher nicht vollständig absehen kann. Es geht darum, ihm auf dem Weg zu folgen, den er selbst gegangen ist. Matthäus verbindet die Kreuzesnachfolge stark mit der größeren Liebe und mit dem Gewinnen des Lebens durch die Hingabe des Lebens. Er schließt den Ernstfall nicht aus, in dem der Glaube wirklich etwas kostet, und bereitet die Jünger vor auf ein Loslassen, auf Anfechtung und Widerstand und auf das Überwinden von Ungerechtigkeit und Bosheit durch eine in Liebe gelebte Leidensfähigkeit.
Das griechische Wort ἄξιος – „ist meiner nicht würdig" – bedeutet ursprünglich: „das gleiche Gewicht habend", „entsprechend". Es geht also nicht um moralische Würdigkeit, sondern um Angemessenheit, um innere Ausrichtung. Wer Jesus nachfolgt, tritt in eine Beziehung ein, die eine bestimmte innere Haltung verlangt. „Nicht würdig" heißt nicht: verworfen. Es heißt: noch nicht ganz ausgerichtet, noch nicht ganz frei, ihm zu folgen. Die innere Haltung entspricht noch nicht der Gesinnung Christi, mit der er in sein Leiden gegangen ist – noch nicht ganz im Einklang, noch nicht abgestimmt. Wer gleichzeitig alles will und nichts loslassen kann, hat sich in Wirklichkeit für nichts entschieden.
Was so eine Haltung bedeutet und welche Ausstrahlung sie hat, zeigt sich eindrücklich im Leben von Edith Stein. Sie berichtet von einer Begegnung, die zum entscheidenden Anstoß ihrer Hinwendung zum Christentum wurde. Ihr philosophischer Mentor Adolf von Reinach war im Ersten Weltkrieg gefallen. Edith Stein war noch nicht katholisch. Sein Tod erschüttert sie bis ins Mark. Doch wird ausgerechnet sie beauftragt, seinen Nachlass zu ordnen. Sie fürchtet sich vor der Begegnung mit seiner jungen Witwe – selbst verzweifelt, erwartet sie eine ebenso durch Zweifel erschütterte Frau. Doch Frau Reinach war gefasst und schöpfte aus ihrem Auferstehungsglauben Mut und Kraft. Edith Stein schreibt: „Es war dies meine erste Begegnung mit dem Kreuz und der göttlichen Kraft, die es seinen Trägern mitteilt. Ich sah zum ersten Mal die aus dem Erlöserleiden Christi geborene Kirche in ihrem Sieg über den Stachel des Todes handgreiflich vor mir." […] „Es war der Augenblick, in dem mein Unglaube zusammenbrach und Christus aufstrahlte, Christus im Geheimnis des Kreuzes."
Beide Aussagen – Gott mehr lieben als die Familie, das Kreuz auf sich nehmen – ergeben nur Sinn, wenn sie von der Gottheit Christi her verstanden werden. Gott über alles zu lieben ist kein Affront gegen familiäre Bindungen, sondern ihre richtige Ordnung. Denn, wie es schon im Deuteronomium heißt: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben aus deinem ganzen Herzen, aus deiner ganzen Seele und aus deiner ganzen Kraft" (Dtn 6,5). Der unmittelbar folgende Vers (Mt 10,39) schließt die Kreuzeslogik auf: Wer sein Leben gewinnen will, wird es verlieren; wer sein Leben um meinetwillen verliert, wird es gewinnen. Ein Paradox: Das Selbst, das sich selbst zum Ziel nimmt, verfehlt sich. Je mehr ich mich festzuhalten versuche, desto mehr entgleite ich mir. Sein Leben um Christi willen verlieren heißt, es loszulassen in ein größeres Mysterium hinein. Wer sein Leben aus Liebe – zu Jesus, zum Nächsten – verliert, wird es finden. Viktor Frankl hat diesen Zusammenhang anthropologisch beschrieben: Das Wesen des Menschen liegt in der Selbsttranszendenz – in der Fähigkeit, über sich selbst hinauszugehen. Wer sich hingibt – an eine Sache, an einen Menschen, an Gott – der findet sich. Das Kreuz ist nicht Selbstvernichtung. Es ist die radikalste Form der Selbsttranszendenz.
Weisheit des Kreuzes
In diesem Sinn bringt das heutige Evangelium eine Ordnung in unser Leben, die Paulus die Weisheit des Kreuzes nennt. Als Johannes Paul II. 1993 den Kryžių kalnas besuchte, sagte er: „Möge dieser Berg am Ende des zweiten Jahrtausends nach Christus ein Zeugnis bleiben und zugleich eine Verkündigung des dritten Jahrtausends der Erlösung und des Heils, das sich nirgendwo anders findet als allein im Kreuz und in der Auferstehung unseres Erlösers. […] Der Mensch ist schwach – doch er kann stark sein im Kreuz Christi, in seinem Tod und in seiner Auferstehung. Das ist die Botschaft, die ich euch allen von diesem mystischen Ort der litauischen Geschichte hinterlasse.
(Radio Vatikan - Redaktion Claudia Kaminski)
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