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Die KI-Expertin Milagros Miceli (Augusto Famulari für La Nación) Die KI-Expertin Milagros Miceli (Augusto Famulari für La Nación) 

KI-Expertin Miceli zur Enzyklika: „Augenmerk auf Datenarbeiter wertvoll“

Die Millionen von unsichtbaren Datenarbeitern, die die Grundlagen für die Systeme von Künstlicher Intelligenz schaffen, stehen seit einem knappen Jahrzehnt im Fokus der Forschung von Milagros Miceli. Die argentinische Wissenschaftlerin, die von Times im Jahr 2025 unter den 100 einflussreichsten Menschen genannt wurde, ist froh, dass Papst Leo diese unbekannte Seite der KI in seiner Enzyklika ganz konkret benannt hat.

Christine Seuss - Vatikanstadt

„In meiner Forschung geht es um Datawork oder Datenarbeit. Das ist ein Begriff, den ich vor einigen Jahren geprägt habe, um grundsätzlich die Aufgaben im Zusammenhang mit KI zu konzeptualisieren“, erklärt uns Miceli, die als Forschungsleiterin am DAIR Institute, Leiterin der Forschungsgruppe „Data, Algorithmic Systems, and Ethics“ am Weizenbaum Institute und Dozentin an der TU Berlin zuständig ist. „Erstens ist das die Generierung von Daten. Dann müssen diese Daten, die generiert worden sind, gelabelt, interpretiert oder aufgezeichnet werden. Drittens, wenn die Modelle schließlich trainiert sind, dann validieren die Datenarbeiter und Datenarbeiterinnen algorithmische Outputs und korrigieren auch Fehler. Und viertens gibt es auch Fälle, in denen Arbeiter und Arbeiterinnen angewiesen werden, sich als eine KI auszugeben - das nennen wir KI-Imitation.“

Für die Anerkennung der Sichtbarkeit und von besseren Arbeitsbedingungen für diese Arbeitnehmer im Schatten der KI kämpft Miceli schon seit Jahren. In diesem Zusammenhang hat sie auch das Projekt „Data Workers’ Inquiry“ ins Leben gerufen, ein Forum, in dem – oft unterbezahlte - Fachkräfte aus der Datenbranche sich aktiv an der Forschung im Bereich der künstlichen Intelligenz beteiligen können und dafür auch einen angemessenen Lohn erhalten, ob sie nun in Kenia, Syrien, Brasilien, oder Deutschland sitzen.

Hier der Beitrag zum Nachhören

Wichtiges Signal

„Also darum, um diese Menschen geht es schon seit fast einem Jahrzehnt meiner Arbeit und meiner Forschung. Deshalb ist es wirklich so eine Freude zu sehen, dass diese Menschen von Papst Leo XIV. so konkret benannt werden“, so Miceli, die gemeinsam mit Betroffenen auch schon im Bundestag sowie im Europäischen Parlament und vor politischen Institutionen weltweit über die Art und Weise informiert hat, wie derartige KI-Systeme gebaut und entwickelt werden.

„Und das waren sehr, sehr wichtige Schritte. Zu sehen, dass es auch aus der Politik ein Signal gibt, dass das wichtig und relevant ist, weil die großen Tech-Unternehmen dazu neigen, diese Arbeit letztlich zu verstecken.“

In diesem Zusammenhang sieht Miceli es auch kritisch, dass nicht nur Kurienvertreter und Wissenschaftler wie die kongolesische Theologin Léocadie Lushombo bei der Vorstellung der Enzyklika „Magnifica humanitas“ von Papst Leo XIV. dabei waren - Lushombo hatte auf dem Podium konkret vor den negativen Auswirkungen gewarnt, die Künstliche Intelligenz vor allem in ärmeren Weltregionen unter anderem für die damit beschäftigten Arbeitnehmer hat - sondern auch der Mitgründer von Anthropic, Christopher Olah, auf dem Podest sitzen konnte:

„Ich hätte so gerne gesehen, dass die Arbeitenden, die Migranten und Geflüchteten, von denen der Papst Leo in der Enzyklika schreibt, also auch die Opfer dieser KI-getriebenen Waffen, dass sie alle mit dabei gewesen wären und nicht ein Vertreter von einem Tech-Unternehmen, denn diese haben immer wieder die Möglichkeit, in ein Mikrofon zu sprechen…Es ist wichtig, dass klar wird, dass nicht nur die Tech-Größen eine Stimme haben, sondern auch die Arbeitenden, die wie gesagt ganz gerne im Verborgenen gehalten werden“, meint Miceli - auch wenn sie selbst hofft, dass der Dialog auf hoher Ebene langfristig an der Situation der Arbeitnehmer konkret etwas ändern könnte.

Bei der Vorstellung der Enzyklika - ganz rechts Christopher Olah
Bei der Vorstellung der Enzyklika - ganz rechts Christopher Olah   (@Vatican Media)

 

Den Nerv getroffen

 Überzeugt ist Miceli allerdings davon, dass der Papst mit seinem Schreiben definitiv einen Nerv auch außerhalb des kirchlichen Umfeldes getroffen habe:

„Ich sage es mal so: Ich habe noch nie gesehen, dass sich so viele Menschen für eine Enzyklika interessieren und damit beschäftigen. Ich selbst habe früher schon Enzykliken gelesen, weil ich von der Kita bis zum Abitur eine katholische Schule besucht habe. Aber so viel Interesse und so viele Meinungen dazu, so viele Menschen, die sich mit diesen vielen Seiten beschäftigt haben und sie tatsächlich auch durchgelesen haben, habe ich noch nie erlebt. Ich habe mich riesig gefreut, dieses Interesse zu spüren. Die Enzyklika ist ein großartiges Dokument, das auch Menschen außerhalb der katholischen Kirche erreichen kann.“

Es gehe darin nämlich um Dinge, die viele Menschen in ihrem Alltag als reale Probleme erlebten, so Miceli weiter. Und für diese Probleme gebe es genau besehen auch einen recht einfachen Lösungsansatz in dem Schreiben:

„Der Mensch kommt zuerst. Das ist wohl etwas, woran viele einen Anschluss finden und das viele wirklich als positiv ansehen können, egal ob sie gläubig sind oder nicht.“

„Der Mensch kommt zuerst“

Dabei würden nicht nur die Entwickler, sondern auch die Nutzer der angesprochenen Systeme in die Pflicht genommen. Insbesondere das Augenmerk auf die ausgebeuteten Arbeiter der KI sei dabei besonders zu würdigen:

„Ich glaube, es ist sehr, sehr wichtig, dass die Nutzer erst einmal davon wissen, davon erfahren. Und wie gesagt, ich finde Initiativen wie diese Enzyklika enorm wichtig, was das betrifft. Das zweite ist auch, sich zu fragen, ob es sich lohnt, solche Systeme, die auf Ausbeutung basieren, zu nutzen. Diese Systeme gibt es ja erst einmal nur, weil die Nutzer sie auch gebrauchen.“

Denn, so gibt Miceli weiter zu bedenken, ohne die Nutzer können die modernen KI-Systeme und Technologien überhaupt nicht erst weiterentwickelt werden:

„Und wenn man - genauso wie Essen oder mit Klamotten – weiß, dass ein Produkt mit Ausbeutung oder nicht ethisch hergestellt worden ist, dann hat man als Nutzer beziehungsweise als Käufer immer auch die Wahl zu sagen: das will ich nicht nutzen oder kaufen. Und genau so ist das mit KI. Man sollte auch schauen, ob es Anwendungsfälle gibt, wo man wirklich lieber mit dem Nachbarn, mit dem Freund, mit der Familie reden kann und nicht den Chatbot fragt. Ich glaube, es ist sehr wichtig, zu hinterfragen, ob man sie im konkreten Fall tatsächlich braucht oder nicht - und wofür!“

(vatican news)

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29. Mai 2026, 14:03