Als er mit ihnen bei Tisch war... Als er mit ihnen bei Tisch war... 

Unser Sonntag: „Wir aber hatten gehofft.“

Christus, so Tobias Teuscher, nimmt das zerstreute Reden der Jünger auf - er führt sie aus der bloßen Nachricht in die Erkenntnis, aus der Enttäuschung zum brennenden Herz. Vielleicht ist das heute die eigentliche Osterfrage: Brennen auch unsere Herzen noch?

Tobias Teuscher

Lk 24, 13-35 

Manche Sätze der Weltliteratur treffen sofort. Einer davon steht in diesem Evangelium und lautet: „Wir aber hatten gehofft.“ Das ist ein Satz, den wir sofort verstehen, mit Wucht, voller Schmerz.

Wir hofften: dass Du mal wieder anrufst, dass es besser wird, dass die Vernunft sich durchsetzt, dass die Welt klüger wird. Doch Karfreitag zeigte uns, dass selbst große Hoffnung an der Wirklichkeit zerschellen kann. Das Emmaus-Evangelium beginnt mit zwei Menschen auf einem staubigen Pfad, die offenbar innerlich am Ende sind. Sie flüchten aus Jerusalem, wo ihre Hoffnung starb, weg vom Ort des Kreuzes.

„Christus ist nicht erst gegenwärtig, wenn wir geistlich in Form sind. Er ist da, wenn wir seufzen, weil wir durcheinander sind und unser Glaube vertrocknet.“

Auch heute laufen Menschen fort, auf dem Rückweg aus ihrer eigenen Hoffnung. Auf der Flucht auf dem steinigen Landweg gesellt sich Jesus hinzu. Er wartet nicht, bis die Jünger stark oder gläubig genug sind. Er kommt, als sie traurig und verwirrt sind und sie ihn nicht erkennen. Unser auferstandener Herr ist schon da, bevor wir Menschen ihn bemerken. Christus ist nicht erst gegenwärtig, wenn wir geistlich in Form sind. Er ist da, wenn wir seufzen, weil wir durcheinander sind und unser Glaube vertrocknet.

Jesus fragt: „Was sind das für Dinge, über die ihr auf eurem Weg miteinander sprecht?“ Reden ist Silber, Schweigen ist Gold. Beides ist Kommunikation. Der Auferstandene beginnt nicht mit einer Belehrung. Er stellt eine Frage und hört erstmal zu. Diese Gesprächstherapie ist eine Lektion für Kirche und Gesellschaft: Wer Menschen erreichen will, darf nicht an ihnen vorbeireden. Wir leben in einer Welt voller Information und zugleich voller Orientierungslosigkeit.

Christliche Kommunikationsphilosopie

Dieses Emmaus-Evangelium ist eine Schule christlicher Kommunikationsphilosophie. Augustinus hätte das sofort verstanden. Der Mensch lebt in einer Welt von Zeichen. Aber Zeichen sind noch nicht die Sache selbst. Sie können hinweisen, erinnern, anstoßen; wirkliches Verstehen geschieht tiefer. Darum unterscheidet Augustinus zwischen dem äußeren Lehrer, der spricht, und dem inneren Lehrer, der den Geist öffnet. Genau das geschieht in Emmaus: Die Jünger kennen die Ereignisse, die Berichte vom leeren Grab und die Botschaft der Engel. Doch erst Christus erschließt ihnen den Sinn. Erst da wird aus Worten Wahrheit und aus Gerede Erkenntnis.

„Newman-Zentrum in Oxford-Littlemore: ein Schatz an Spiritualität.“

John Henry Newman führt diesen Gedanken weiter. Ich lernte das Werk des heiligen Kardinals und Kirchenlehrers durch die Geistliche Familie Das Werk von Mutter Julia Verhaege in Bregenz kennen, als ich in Straßburg studierte und die katholischen Studentenverbindungen beim Europarat vertrat. Die Schwestern, die damals unserem Nuntius Paul Gallagher in der Vatikan-Diplomatie assistierten, leiten heute das Newman-Zentrum in Oxford-Littlemore. Es ist ein Schatz an Spiritualität.

Hörer des Wortes

Der Heilige John Henry Newman zeigt den Unterschied zwischen einem bloß begrifflichen Zustimmen und einem wirklichen, existentiellen Erfassen. Man kann etwas korrekt wiedergeben und es doch nicht wirklich begriffen haben. Man kann alle Formeln kennen und dennoch innerlich unberührt bleiben. Karl Rahner geht noch tiefer. Für ihn ist der Mensch im tiefsten Sinn ein Hörer des Wortes. Weil Gott sich nicht nur in Sätzen übermittelt, sondern sich selbst mitteilt, ist Offenbarung mehr als Information, nämlich Begegnung und Gabe in Gegenwart. Auch das ist Emmaus.

„Nicht jede Vernetzung ist schon Nähe. Nicht jede Reichweite schon Wahrheit. Nicht jeder Kontakt schon Gemeinschaft.“

Papst Benedikt XVI. hat diese Linie für unsere Gegenwart mit großer Klarheit aufgenommen. Wahre Kommunikation braucht Wort und Schweigen. Wo nur noch geredet wird, ohne zu hören, stirbt das Gespräch. Wo alles sofort gesagt, gepostet und weitergereicht wird, verliert das Wort sein Gewicht. Darum ist nicht jede Vernetzung schon Nähe. Nicht jede Reichweite schon Wahrheit. Nicht jeder Kontakt schon Gemeinschaft.

Also:

Worte sind Zeichen und müssen auf Wahrheit hin ausgelegt werden.

Wahrheit muss nicht nur verstanden, sondern innerlich angeeignet werden.

Der Mensch ist Hörer des Wortes, weil Gott sich selbst mitteilt.

Wahre Kommunikation lebt von Sprache, Schweigen, Wahrheit und Begegnung.

All das steht in Gefahr, wenn die technische Kultur den Menschen innerlich zerstreut, würde Romano Guardini noch anfügen, nicht ganz zu unrecht.

Im Emmaus-Evangelium geschieht das alles: Hören, Deuten, Gegenwart, Erkenntnis, Gemeinschaft.

Von der bloßen Nachricht zur Erkenntnis

Christus nimmt das zerstreute Reden der Jünger auf und verwandelt es in Wahrheit. Er führt sie aus der bloßen Nachricht in die Erkenntnis, aus der Einsamkeit in die Gemeinschaft, aus der Enttäuschung zum brennenden Herz. Vielleicht ist das die eigentliche Aufgabe christlicher Kommunikation bis heute: nicht noch mehr Lärm zu erzeugen, sondern Worte zu finden, in denen Wahrheit aufleuchtet, der Mensch sich wieder sammeln kann und Gott selbst Raum gewinnt.

Christus macht es genau so. Er ordnet. Er erklärt. Er eröffnet den Zusammenhang. Er sagt: „Musste nicht der Christus das erleiden und so in seine Herrlichkeit gelangen?“ Dann legt er ihnen die Schrift aus. Er beginnt bei Mose und den Propheten, also ziemlich am Anfang. Er zeigt: Das alles steht nicht beziehungslos nebeneinander. Es gibt einen inneren Zusammenhang, der zur Wahrheit führt, die größer ist als der Schock des Augenblicks.

„Bleibe bei uns; denn es wird Abend, der Tag hat sich schon geneigt“

Dann kommt dieser wunderbare Satz: „Bleibe bei uns; denn es wird Abend, der Tag hat sich schon geneigt!“ Dieses Gebet lieferte die Vorlage für eine wunderschöne Volksweise, das Abendlied von Josef Rheinberger. Der alte Protestant Johann Sebastian Bach komponierte dazu gleich eine ganze Cantate. Bleibe bei uns; denn es wird Abend, der Tag hat sich schon geneigt! Ist das nicht auch das Gebet unserer Zeit? Kennen Sie jemanden, über den sich der Tag neigt? Dann beten sie für diese Person.

Die Jünger bitten: „Bleibe bei uns“, und es kommt zum Brechen des Brotes beim Abendessen. Da gehen ihnen die Augen auf. Unsere Kirche hat diesen Moment immer mit eucharistischer Tiefe gelesen. Christus wird erkannt im Wort und im Brot. Ziemlich konkret.

„Wer Christus im gebrochenen Brot erkennt, kann am gebrochenen Menschen nicht vorbeisehen“

Wer Christus im gebrochenen Brot erkennt, kann am gebrochenen Menschen nicht vorbeisehen. Hier liegt die bleibende geistliche Stärke des Bischofs Wilhelm Emmanuel von Ketteler, dem deutschen Mitbegründer der katholischen Soziallehre. Wir feiern den 150. Geburtstag seines Todestags im Sommer 2027. Für den Mainzer Bischof von Ketteler war die soziale Frage kein Randthema, sondern ein Prüfstein kirchlicher Wahrhaftigkeit.

Christus öffnet nicht nur die Schrift, sondern die Augen. Meine geöffneten Augen blicken nicht nur suchend in den Himmel, sondern erkennen den Nächsten ziemlich konkret neben mir. Wer Christus in der Hostie erkennt, in der Geste des gebrochenen Brotes, sollte den gebrochenen Menschen nebenan nicht übersehen dürfen.

Jesus korrigiert die beiden Jünger, deutlich sogar, aber er demütigt sie nicht.
Was für eine Lektion für unsere Zeit.
Wir brauchen Wahrheit, ohne Verachtung.
Wir brauchen Klarheit, ohne die öffentliche Zerstörung des anderen.
Wir brauchen Standfestigkeit, aber nicht Härte des Herzens.

Osterlogik

Die Geschichte von Emmaus endet nicht bei Tisch. Noch in derselben Stunde brechen sie auf. Sie kehren zurück nach Jerusalem. Das ist Osterlogik. Wer Christus wirklich begegnet, zieht sich nicht auf Dauer ins Private zurück. Katholischer Glaube ist eine gemeinschaftliche Aufgabe.

Wir sind dazu da, mit brennendem Herzen und klarem Verstand in dieser Welt zu stehen.

Vielleicht ist das heute die eigentliche Osterfrage: Brennen unsere Herzen noch?

Gehen wir zurück nach Jerusalem? Oder haben wir uns längst auf halber Strecke eingerichtet?

Emmaus ist kein schöner frommer Spaziergang.

Emmaus ist die Geschichte einer Umkehr.

Aus Flucht wird Rückkehr.

Aus Verwirrung wird Klarheit.

So handelt der Auferstandene.

Er geht mit. Er hört zu. Er legt die Schrift aus. Er bleibt. Er bricht das Brot. Er öffnet die Augen. Der Auferstandene schickt uns zurück in die Welt als Zeugen seiner Gegenwart.

Beten wir deshalb heute schlicht:

Herr, sei mit uns, wenn wir enttäuscht sind.

Herr, eröffne uns die Schrift, wenn wir in den Ereignissen nur Bruchstücke erkennen.

Herr, bleibe bei uns, wenn es Abend wird und der Tag sich neigt.

Herr, gib dich uns zu erkennen im gebrochenen Brot.

Oder mit den Worten der Heiligen Brigitta von Schweden:

„Herr, zeige mir deinen Weg und mache mich willig, ihn zu gehen.“

 

(Radio Vatikan - Redaktion Claudia Kaminski)
 

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18. April 2026, 10:20