Unser Sonntag: Gegenkultur
Tobias Teuscher
Joh 20,19-31
Weißer Sonntag – Sonntag der Göttlichen Barmherzigkeit
Dieser Sonntag trägt zwei Namen, und beide führen mitten ins Herz des christlichen Glaubens. Der Weiße Sonntag erinnert an das weiße Taufgewand, an das neue Leben aus der Taufe, an Reinheit nicht als moralische Selbstinszenierung, sondern als Geschenk der Gnade.
In der alten Kirche war dieser Tag der Abschluss der Osterwoche der Neugetauften. Sie empfingen in der Osternacht das weiße Gewand und trugen es als Zeichen dafür, dass mit Christus ein neues Leben begonnen hatte. Nun begann der Alltag des Glaubens. Ostern will nicht nur gefeiert, sondern gelebt werden.
Der zweite Name dieses Sonntags „Göttliche Barmherzigkeit“ erinnert daran, dass der auferstandene Christus seiner Kirche nicht zuerst Macht, Einfluss oder Organisation hinterlässt, sondern Frieden, Vergebung und einen neuen Anfang in Vertrauen und Barmherzigkeit. Die Kirche hat diesen Akzent besonders durch die Heilige Faustina und durch den Heiligen Papst Johannes Paul II. neu hervorgehoben.
Nicht weil hier eine neue Lehre entstanden wäre, sondern weil das Ostergeheimnis selbst als Barmherzigkeit Gottes für die Welt sichtbar wird. Das Evangelium zeigt uns keine triumphierende Kirche. Es zeigt uns verängstigte Jünger hinter verschlossenen Türen. Angst, Rückzug, Unsicherheit, innere Verkrampfung: Das ist der Ausgangspunkt.
Ich könnte fast sagen: Die Kirche beginnt nicht auf einer Bühne, sondern in einem Schutzraum. Nicht mit Stärke, sondern mit Erschöpfung. Nicht mit Heldenmut, sondern mit Furcht.
Dort tritt Jesus in ihre Mitte.
Er klopft nicht.
Er wartet nicht, bis die Lage besser wird.
Er kommt durch die verschlossenen Türen hindurch.
Der auferstandene Herr scheitert nicht an unseren Verriegelungen. Nicht an unseren Türen aus Stahl und Holz, und auch nicht an den Türen des Herzens.
Sein erstes Wort lautet: Friede sei mit euch.
Nicht: Wo wart ihr?
Nicht: Warum habt ihr versagt?
Nicht: Jetzt reißt euch mal zusammen, ihr Angsthasen.
Sondern: Friede sei mit euch.
Und weil wir Menschen langsam lernen, sagt er es gleich zweimal.
Friede sei mit euch.
Der Friedensgruß ist eine neue Wirklichkeit
Der Friedensgruss des Auferstandenen ist keine höfliche Begrüßung. Er ist eine neue Wirklichkeit. Er ist die göttliche Antwort auf die menschliche Angst. Dann zeigt Jesus seine Hände und seine Seite. Der Auferstandene kommt nicht als jemand zurück, der seine Geschichte leugnet. Er steht zu seinen Wunden. Ostern macht die Wunden nicht ungeschehen, aber nimmt ihnen das letzte Wort. Die Wunden des Leidens und des Sterbens Christi bleiben sichtbar, doch sie sind nun Zeichen der Liebe, nicht mehr des Untergangs.
Das ist für unsere Zeit von ungeheurer Kraft. Denn auch wir leben in einer Welt mit offenen Wunden: Kriege, Verluste, Einsamkeit, Misstrauen, Polarisierung, Entwurzelung. Die christliche Hoffnung besteht nicht darin, so zu tun, als sei alles heil. Sie besteht darin, dass Christus gerade mit seinen Wunden in unsere verletzte Wirklichkeit eintritt. Gottes Barmherzigkeit ist keine fromme Nebensache.
Hier beginnt gleichsam eine neue Schöpfung
Sie ist die Macht, die Verwundetes verwandeln kann. Deshalb folgt auf den Friedensgruß sofort der Auftrag. Jesus sendet die Jünger. Er haucht sie an. Das erinnert an den Anfang der Schöpfung. Hier beginnt gleichsam eine neue Schöpfung.
Eine neue Menschheit soll entstehen: nicht aus Angst, sondern aus Geist; nicht aus Abgrenzung, sondern aus Sendung; nicht aus Misstrauen, sondern aus Vergebung. Dann hören wir einen Satz, der zum innersten Kern der Kirche gehört: Denen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen. Die Kirche soll kein Tribunal der Unbarmherzigkeit sein. Sie ist dazu gesandt, den Menschen nicht in seiner Schuld einzusperren, sondern ihm im Namen Christi die Tür zur Umkehr und zum Neubeginn zu öffnen.
Beichte gehört zum innersten Kern der Kirche
Göttliche Barmherzigkeit verharmlost die Sünde nicht. Aber sie kapituliert auch nicht vor ihr. Sie nimmt den Menschen ernst genug, um ihn nicht auf seine Vergangenheit zu reduzieren. Dann tritt Thomas auf. Thomas ist viel sympathischer, als sein Ruf vermuten lässt. Er ist nicht einfach der Ungläubige vom Dienst. Er ist auch kein peinlicher Nachzügler der Osterfreude. Thomas nimmt die Sache ernst. Er will nicht bloß hören, was andere erlebt haben. Er will Gewissheit. Er will Wahrheit. Er will sich nicht mit der frommen Gruppendynamik zufriedengeben.
Thomas ist eine erstaunlich moderne Gestalt. Viele Menschen heute empfinden ähnlich. Sie sagen: Ich kann doch nicht glauben, nur weil andere es tun. Ich kann mich nicht mit religiösen Formeln begnügen. Ich brauche einen tragfähigen Grund. Und was tut Jesus? Er demütigt Thomas nicht. Er beschämt ihn nicht. Er kommt ihm entgegen. Acht Tage später, wieder bei verschlossenen Türen, tritt er in die Mitte und wendet sich dem Zweifelnden direkt zu. Das ist eine große Schule der Barmherzigkeit. Christus zerbricht den suchenden Menschen nicht. Er führt ihn zur Wahrheit.
Schule der Barmherzigkeit
Thomas antwortet darauf mit einem der stärksten Sätze des ganzen Neuen Testaments: Mein Herr und mein Gott! Der Zweifler wird zum Bekenner. Der, der sehen wollte, erkennt. Der, der gezögert hat, spricht nun das klare Wort des Glaubens. An diese Stelle gehört auch der schlichte Satz aus der Faustina-Tradition, der so klein klingt und doch so groß ist:
Jesus, ich vertraue auf Dich.
Das ist keine Frömmigkeitsfloskel, sondern geistliche Realitätsschulung.
Vertrauen heißt ja gerade nicht, dass man nichts mehr fürchten müsste.
Vertrauen heißt, dass die Angst nicht mehr herrscht.
Vertrauen heißt, dass die mir zugefügte Verletzung nicht mehr definiert, wer ich bin.
Die Kirche lebt aus dem Frieden Christi. Sie lebt vom Geist Christi. Sie lebt aus der Vergebung und davon, dass der Auferstandene gerade den verängstigten, unvollkommenen, suchenden Menschen nicht aufgibt.
Darin liegt eine heilsame Korrektur für unsere Zeit. Denn wir leben in einer Kultur, die sich gern zwischen zwei Extremen bewegt. Entweder sie verharmlost das Böse und nennt alles komplex. Oder sie kennt nur noch Festlegung, Etikett und Ausschluss. Entweder Schuld und Verantwortung werden wegdiskutiert, oder der Mensch wird an seiner Schuld endgültig festgeschrieben. Das Evangelium geht einen anderen Weg. Es nimmt die Sünde ernst, aber es überlässt den Menschen nicht der Sünde. Es kennt die Wunde, aber es vergötzt die Wunde nicht. Es sieht das Scheitern, aber es hält das Scheitern nicht für das letzte Wort.
Deshalb ist die göttliche Barmherzigkeit so aktuell. Unsere Zeit hat unzählige Möglichkeiten zu speichern, zu dokumentieren, zu bewerten und öffentlich festzuhalten. Aber sie hat große Mühe, zu vergeben. Sie erinnert alles und vergibt wenig. Sie urteilt schnell und entlässt nur langsam aus ihren Urteilen. In einer solchen Welt ist das Evangelium des Weißen Sonntags geradezu eine Gegenkultur. Der Mensch ist mehr als seine schlimmste Stunde. Mehr als seine Wunde. Mehr als seine Schuld. Mehr als die Meinung, die andere sich über ihn gebildet haben.
An dieser Stelle lohnt ein kurzer Blick auf Wilhelm Emmanuel von Ketteler, Bischof von Mainz, deutscher Sozialreformer im 19. Jahrhundert, Mitbegründer der katholischen Soziallehre. Nächstes Jahr feiern wir das 150. Jubiläum seines Todestags. Ketteler hat die christliche Barmherzigkeit nie als frommes Gefühl verstanden, sondern als Pflicht, dem geistigen und leiblichen Elend des Menschen abzuhelfen. Genau darin bleibt er erstaunlich aktuell. Wer von Vergebung spricht, darf die Wunden der Gesellschaft nicht nur kommentieren. Wer den Frieden Christi empfängt, kann nicht gleichgültig werden gegenüber Not, Einsamkeit und Entwürdigung. Barmherzigkeit hat immer zwei Richtungen: Sie richtet den Sünder auf und sie wendet sich dem Leidenden zu. Sie gilt der Seele und dem Leib. Darum ist sie weder bloße Innerlichkeit noch bloße Sozialtechnik, sondern gelebte Wahrheit in der Form der Liebe.
Sonntag der Barmherzigkeit: Architektur des christlichen Lebens
Darum kann man diesen Sonntag vielleicht in einer einzigen Bewegung zusammenfassen: von der Angst zum Frieden, vom Frieden zur Sendung, von der Sendung zum Geist, vom Geist zur Vergebung, von der Vergebung zum Glauben, vom Glauben zur gelebten Barmherzigkeit. Das ist die Architektur des christlichen Lebens.
Und so führt dieser Sonntag zu einem schlichten, aber entscheidenden Ergebnis: Die Kirche lebt aus dem Frieden Christi. Sie lebt von seinen Wunden. Sie lebt von der Vergebung. Sie lebt davon, dass auch Suchende und Zweifelnde ihren Platz haben. Sie lebt dort glaubwürdig, wo aus dem Glauben Gemeinschaft wird.
Christus kommt auch heute durch verschlossene Türen
Vielleicht ist das die schönste Botschaft des Weißen Sonntags: Christus kommt auch heute durch verschlossene Türen. Er findet den Weg in verängstigte Herzen, in müde Gemeinden, in verwundete Familien, in suchende Seelen.
Sein Wort gilt noch immer: Friede sei mit euch.
Wer dieses Wort annimmt, muss nicht perfekt sein. Aber er beginnt neu.
Wer diesem Wort glaubt, bleibt mit seiner Wunde nicht allein.
Und wer sich von diesem Christus senden lässt, kann selbst zum Werkzeug der Barmherzigkeit werden.
Das ist Ostern acht Tage später.
Das ist der Weiße Sonntag.
Das ist die stille Revolution der göttlichen Barmherzigkeit.
(Radio Vatikan - Redaktion Claudia Kaminski)
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