Unser Sonntag: Ostern beginnt im Dunkel
Tobias Teuscher
Betrachtung zum Ostersonntag
Johannes 20,1–9
Ich verbinde Ostern mit Licht; mit Frühlingsblumen, wo im Haus noch irgendwo ein Platz für sie frei ist; mit dem Osterstrauch und den sorbischen Ostereiern aus dem heimischen Spreewald; mit dem Glockengeläut und den Altarschellen zum Gloria; mit Familie und Freunden am festlich gedeckten Tisch im Schatten des blühenden Kirschbaums. Das große Fest.
Indes, das Evangelium beschreibt den Ostermorgen anders: „Am ersten Tag der Woche kam Maria von Magdala frühmorgens, als es noch dunkel war, zum Grab.“ So beginnt Ostern für den Evangelisten: Bewegung im Dunkeln. Kein Jubel. Ungewissheit. Weder Halleluja noch Gloria. Nur eine Frau auf dem Weg zu einem Grab, mit schwerem Herzen - in treuer Liebe.
Das Oster-Evangelium verklärt nichts. Karfreitag war die Stunde, in der des Menschen Unmenschlichkeit gegen seinesgleichen offen zutage trat. Am Kreuz starb nicht nur ein Unschuldiger. Das Kreuz macht sichtbar, wie grausam ein Mensch werden kann, wenn ihn die Integrität, die überlegene Professionalität und der geistige Horizont eines anderen an die eigene Mittelmäßigkeit erinnern.
Ostern ist eine Zäsur
Darum hallt am Karsamstag das betretene Schweigen nach der Verwüstung nach. Es ist die schwere Stille nach dem Geschrei der Menge, nach dem Hohn, nach den Schlägen. Die Härte des Karfreitags sitzt uns noch tief in den Knochen. Darin liegt die Größe des Ostersonntags: Die Auferstehung ist Gottes Antwort auf die äußerste Gewalt, des Lebens auf den Tod, des Lichts auf eine Finsternis, die wirklich Finsternis war. Ostersonntag ist der erste Tag der Woche. Das ist mehr als ein Eintrag im Terminkalender. Es ist der Hinweis auf einen neuen Anfang. Ostern ist eine Zäsur. Mit der Auferstehung Jesu setzt Gott einen neuen Anfang mitten in den Lauf der Menschheitsgeschichte. Am Ostermorgen offenbart er das Leben, das stärker ist als der Tod. Seit Ostern ist die Zeit nicht mehr dieselbe. Der Sonntag ist nicht nur ein arbeitsfreier Tag. Er ist der Tag des Auferstandenen, der Tag des neuen Lebens in Christus.
Maria von Magdala kommt also zum Grab und sieht, dass der Stein weggenommen ist. Ihre erste Reaktion ist nicht Glaube, sondern Verlust. „Sie haben den Herrn aus dem Grab weggenommen“, sagt sie. Wie menschlich das ist. Ein leeres Grab allein erzeugt noch keinen Glauben, es ist zunächst nur eine verstörende Tatsache. Ostern beginnt nicht im Zentrum der Macht, nicht auf einer Bühne und nicht vor den Herrschenden. Es beginnt bei einer Frau, die Jesus treu geblieben ist und ihn sucht. Darin liegt etwas sehr Tröstliches. Gott vertraut die erste Osterbotschaft nicht den Lauten und Erfolgreichen an, sondern einer, die ihn nicht loslässt. Gott hat offenbar keine übermäßige Vorliebe für große Auftritte.
Dann rennen Petrus und der andere Jünger zum Grab. Der eine bleibt zunächst draußen und sieht, entfernt, die Leinenbinden. Petrus indes geht näher ran, nämlich ins Grab hinein, und sieht genauer hin. Dann folgt der andere Jünger. „Er sah und glaubte.“ Gleichwohl fügt das Evangelium unmittelbar hinzu: Sie hatten noch nicht verstanden. Der Osterglaube beginnt also nicht mit einer perfekten Erklärung, sondern mit einem neuen Blick. Mitten im Dunkel beginnt ein anderes Sehen. Das ist vielleicht eine der tröstlichsten Wahrheiten dieses Evangeliums. Glaube heißt nicht, dass plötzlich alles glasklar ist. Glaube heißt: Ich beginne, die Wirklichkeit anders zu lesen. Die Dunkelheit ist nicht die ganze Wirklichkeit.
Ostern wird ein neues Feuer entfacht
Deshalb hat das Osterfeuer für Christen eine so tiefe Bedeutung. In der Dunkelheit der Osternacht wird ein neues Feuer entfacht. An diesem neuen Feuer wird die Osterkerze angezündet und weitergegeben, bis sich nach und nach das ganze Kirchenschiff erhellt. Das Licht wird empfangen, nicht gemacht. Es kommt nicht aus uns selbst heraus, sondern von Christus. Er kommt in die Finsternis und bricht ihre Macht. Wir empfangen das Licht und geben es weiter, denn niemand glaubt allein. Unser Glaube ist kein Privatbesitz. Er wird empfangen, geteilt, weitergereicht. Die Kirche lebt davon, dass das Licht Christi von Mensch zu Mensch weitergeht. Ostern stiftet Gemeinschaft. Auch ich fühle heute Dunkelheit um uns alle herum. Viele Zeitgenossen leben mit konkreten Sorgen, mit der Angst um den Frieden, mit der Angst um die Zukunft, mit der Angst vor Abstieg. Viele sind erschöpft, viele fühlen sich allein und haben den Eindruck, nur noch dann zu zählen, wenn sie möglichst reibungslos funktionieren.
Hinzu kommt eine Haltung, die auch unsere Gegenwart kennt: Zynismus und eine manchmal allzu nüchterne Distanz. Seit Pontius Pilatus hat sich daran wohl nicht allzu viel geändert. Man erwartet nicht mehr viel, um hinterher nicht enttäuscht zu werden. Man schützt sich mit Ironie und Zurückhaltung. Pilatus steht für diese Haltung auf beklemmende Weise: Er wäscht seine Hände in Unschuld und erklärt, das Schicksal dieses Menschen ginge ihn nichts an. Mögen doch die anderen zusehen. Es ist die kühle Geste des Mitwissers, der sich aus der Verantwortung stiehlt. Es ist die alte Geste der Verantwortungslosigkeit, geschniegelt und abgeklärt, die ausdrückt: Das ist nicht mein Kampf. Du bist mir die Mühe nicht wert. Ostern indes ist die Absage an den Zynismus, der Menschlichkeit vergiftet. Die Auferstehung Jesu ist Gottes Widerspruch gegen alles, was Menschen endgültig abschreibt. Ostern sagt: Kein Mensch ist verloren in seinem Scheitern. Kein Mensch bleibt eingeschlossen in seiner Schuld. Kein Mensch ist endgültig dem Tod überlassen.
Der Eckstein
Darum betet die Kirche am Ostertag auch den Psalm 118: „Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, er ist zum Eckstein geworden.“ Dieses Wort beschreibt eine dramatische Umkehrung. Die Bauleute wählen aus, was brauchbar ist. Sie entscheiden, welcher Stein in das Gebäude passt und welcher nicht. Gott jedoch handelt anders. Gerade dieser Stein, den die Bauleute verworfen haben, wird zum tragenden Stein des ganzen Hauses. Die ersten Christen haben dieses Wort instinktiv auf Christus übertragen. Der Gekreuzigte, von den religiösen Autoritäten verurteilt, von der politischen Macht hingerichtet und von vielen als gescheitert betrachtet, wird von Gott zum Fundament einer neuen Welt gemacht. Das ist die Logik von Ostern. Nicht Macht. Nicht Erfolg. Nicht Stärke. Sondern der Verworfene.
von Ketteler: Stimme gegen Ungerechtigkeit
Hier liegt auch die große Einsicht des Mainzer Bischofs Wilhelm Emmanuel von Ketteler, eines bedeutenden deutschen Mitbegründers der katholischen Soziallehre im 19. Jahrhundert. Eine Gesellschaft, so erkannte er, zeigt ihren wahren Zustand daran, wie sie mit ihren Verworfenen umgeht. Er sah die Not der Arbeiter in der frühen Industriegesellschaft, ausgebeutete Menschen, erschöpfte Familien, Kinder, die viel zu früh verbraucht wurden. Für Bischof von Ketteler war das nicht nur eine soziale oder wirtschaftliche Frage. Es war eine Glaubensfrage. Wenn Gott den Verworfenen zum Eckstein macht, dann darf niemand geringgeachtet werden, nur weil er schwach, arm oder unbequem ist. Darum erhob von Ketteler seine Stimme gegen soziale Ungerechtigkeit und erinnerte Kirche und Gesellschaft daran, dass das Evangelium nicht nur in den Kirchen gilt, sondern auch in den Fabriken, auf den Straßen und in den Häusern der Armen. Auch unsere Zeit kennt Menschen, die übersehen, übergangen oder an die Ränder verdrängt werden. Auch an den Rändern dort steht Christus.
Die Ode Salomos
Der Auferstandene kommt nicht als Rächer zurück. Er bringt Frieden. Das hören wir dann am Weißen Sonntag: „Friede sei mit Euch“. Der Herr trägt die Wundmale, aber er kommt nicht, um abzurechnen. Er eröffnet die Möglichkeit der Vergebung. Die 28. Ode Salomos bringt diesen Aspekt in einigen Versen auf den Punkt: „Weil ich allen Gutes tat, wurde ich gehasst. … Sie suchten das Andenken dessen auszulöschen, der vor ihnen war. … Denn ihr Denken ist verdorben und ihr Verstand verkehrt. … Doch meine Bedrängnis wurde zu meinem Heil. … Und ich wurde ihnen zum Verhängnis, weil kein Neid in mir war.“ Hier liegt eine enorme Kraft für unsere Welt. In einer Zeit der Polarisierung, der öffentlichen Härte, der schnellen Verurteilung und der Gleichgültigkeit so vieler heutiger Pontius Pilatus vermittelt uns die Osterbotschaft, dass die Zukunft nicht auf Gegenschlag, Bitterkeit und Kränkung gebaut werden muss. Wir können auch anders leben: nicht ohne Wahrheit, aber ohne Hass; nicht ohne Erinnerung, aber ohne Vergeltung als letztes Prinzip.
Das Dunkel hat nicht das letzte Wort
Vielleicht stehen auch Sie an diesem Ostersonntag vor einem Grab Ihres Lebens: vor einer Sorge, vor einer Enttäuschung, vor einer offenen Frage, vor einem Schmerz, der sich nicht einfach wegreden lässt. Das Evangelium sagt uns nicht leichtfertig: Das wird schon wieder. Es sagt vielmehr: Bleib nicht im Dunkel stehen. Sieh hin wie Petrus. Öffne dein Herz wie der Jünger, der sah und glaubte. Vertraue darauf, dass Gott schon am Werk ist, auch wenn es noch dunkel ist.
Ostern ist die Grundlage unseres Glaubens. Heute bekennt die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche aus voller Überzeugung und in tiefem Glauben: Christus ist auferstanden, der Tod ist entmachtet, Hoffnung ist mehr als ein Trostwort. Darum spricht die katholische Kirche vom Leben, wo andere nur noch das Ende sehen; von der Würde des Menschen, wo andere ihn auf seinen Nutzen reduzieren; von Versöhnung, wo andere nur noch Härte und Gegenschlag erwägen; und von Hoffnung, wo andere längst der Resignation verfallen.
Ostern erhellt uns: selbst das Dunkel ist nicht mehr gottverlassen.
Christus ist auferstanden. Er ist wahrhaft auferstanden. Halleluja.
Frohe Ostern !
(Radio Vatikan - Redaktion Claudia Kaminski)
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