Unser Sonntag: Einer hat uns angesteckt...
6. Sonntag im Jahreskreis (A)
Mt 5,17-37
Liebe Hörerinnen und Hörer,
Jesus tritt heute sehr energisch und entschlossen auf.
Beim Hören des heutigen Evangeliums wirken die Texte der letzten Sonntage fast wie „Balsam auf die Seele“. Jesus sprach vom „selig sein – glücklich sein“ und spricht uns aufmunternde und mutmachende Worte zu: „Ihr seid das Salz der Erde – ihr seid das Licht der Welt“.
Und heute? Angesichts der ausführlichen Rede besteht fast die Gefahr, die ersten Worte des heutigen Evangeliums außer Acht zu lassen. „Denkt nicht, ich sei gekommen, um das Gesetz und die Propheten aufzuheben“.
Eine neue Lehre?
Jesu Rede erweckt dennoch den Eindruck, als würde er mit der bisherigen Lehre und den Gesetzen brechen. Mehrmals sagt er „Ihr habt gehört, dass…. Ich aber sage Euch“. Ist es nicht doch eine neue Lehre, die Jesus verbreiten möchte?
Betrachten wir einige Aussagen Jesu genauer: Er spricht über das Töten, über die Opfergaben, über Ehebruch, über Meineid und Schwur.
Es sind ganz konkrete Handlungen und Taten, die Jesus hier benennt. Gleichzeitig ergänzt er jede Aussage mit „Ich aber sage Euch“. Was meint Jesus? Wenn wir den Text noch einmal sehr aufmerksam lesen wird deutlich, dass Jesus jede einzelne Handlung um eine „innere Haltung“ ergänzt. Jeder Handlung im Leben geht eine innere Haltung, eine Meinung, eine Entscheidung voraus. Es geht eben nicht nur um die äußerliche Tat, sondern um die Haltung des Herzens.
Als Christen tun wir gut daran, zuerst auf unsere innere Haltung zu achten und erst dann auf die äußere Handlung. Wie gehen wir damit um? Es zeigt sich oft ganz konkret, beispielsweise beim Friedensgruß im Gottesdienst. Reichen wir unserem Nachbarn in der Bank die Hand zum Friedensgruß, „weil es der Priester oder Diakon eben gesagt hat“ oder meinen wir es ernst mit dem Gruß „der Friede sei mit Dir“. Gott sei Dank haben wir die schwierige Zeit der Corona-Pandemie längst überwunden. Wir waren damals angehalten, uns eben nicht die Hand zu reichen, sondern einander ein Lächeln zu schenken. Ich sagte oft im Gespräch, wie leicht ist es, jemanden einfach die Hand zu reichen - aber wie schwer kann es sein, einem Menschen ein Lächeln zu schenken. Hier wurde ganz deutlich: Einzig und allein entscheidend ist die innere Haltung.
Großartiges Zeugnis: Marsch für das Leben
Jesus kommt in seiner Rede auch auf das 5. Gebot zu sprechen: „Du sollst nicht töten“.
Die wenigstens von uns kommen wohl in einen möglichen Konflikt mit diesem Gebot, was die konkrete Handlung betrifft. Doch wie sieht es mit der inneren Haltung dazu aus? Seit dem Jahr 2002 ruft der Bundesverband Lebensrecht zum „Marsch für das Leben“ auf. Die Demonstration richtet sich gegen vorgeburtliche Kindstötung und Praktiken der Sterbehilfe, Stammzellenforschung und Präimplantationsdiagnostik. Der zentrale Inhalt ist der Schutz des menschlichen Lebens und der Menschenwürde vom Beginn an, eben ab dem Zeitpunkt der Zeugung. Was für ein großartiges Zeugnis derer, die sich am Marsch für das Leben beteiligen, die die Stimme erheben, die Haltung zeigen, die sich auch aufgrund ihrer Teilnahme Anfeindungen aussetzen müssen. Der Protest gegen das Töten und das Einstehen für das Leben ist nicht nur ein klares Bekenntnis, sondern bringt das auf die Straßen unserer Großstädte, was Jesus vor über 2000 Jahren gepredigt hat. Die Rede Jesu „aus jener Zeit“ hat nichts an Aktualität verloren.
Nachdenklich zum assisitierten Suizid...
Wie ist es also um die „innere Haltung“ derer bestellt, die zum Boykott der Veranstaltung aufrufen, die sich in Gegendemonstrationen klar gegen diesen „Marsch für das Leben“ aussprechen und die der Lebensschutzbewegung unterstellen, es ginge hier nicht um den Schutz von Leben, sondern um die Durchsetzung patriarchaler und queerfeindlicher Politik. Ich möchte nicht den Eindruck erwecken, als würde ich oben beschriebene Situation in direkte Verbindung mit dem 5. Gebot bringen, aber die gesamte Entwicklung stimmt mich doch äußerst nachdenklich, da die inhaltliche Auseinandersetzung fehlt und eine sachliche Diskussion scheinbar nicht mehr möglich ist. Weitere Beispiele dazu gibt es genug und auch die allgemeine Diskussion im Zusammenhang mit dem assistierten Suizid der Kessler-Zwillinge zeigt uns die Haltung eines Großteils unserer Gesellschaft zu diesem Thema.
Doch hören wir Jesus weiter zu:
„Wenn dich dein rechtes Auge zum Bösen verführt, dann reiße es aus und wenn dich deine rechte Hand zum Bösen verführt, dann hau sie ab“. Ich erinnere mich gut daran, dass mich als Kind die Aussage Jesu, man solle sich ein Auge ausreißen oder die Hand abhacken, sehr verstört hat. Natürlich hatte ich nicht die geistige Reife zu verstehen, was Jesus wirklich meint. Wir dürfen dieses Bild nicht allzu wörtlich nehmen. Jesus bedient sich hier eines bildhaften Vergleichs, vor allem wenn er sagt: „wenn dich deine Hand zum Bösen verführt, dann hau sie ab und wirf sie weg“.
Viele sagen oft: „Es wird Zeit, dass hier jemand mal auf den Tisch haut und für Ordnung sorgt“. Wir „Rechtshänder“, zu denen ich jedenfalls gehöre, würden somit unseren Willen mit jener Hand durchsetzen. Die rechte Hand ist eben die „starke Hand“. Wenn ich nun genau das nicht tue – eben meinen eigenen Willen nicht durchsetze – dann nehme ich diese „rechte, starke Hand“ zurück und dann werde ich dem gerecht, was Jesus will. Achte auf Deine innere Haltung, höre auf Dein Herz, höre auf Dein Gegenüber, entscheide ausgewogen und klug, setze Deinen Willen nicht um jeden Preis durch.
Ich gebe offen zu, dass mir das oft sehr schwerfällt. Schon seit frühester Kindheit gehört „Aber“ – also die Gegenrede – zu meinen Lieblingsworten und ich denke an ein Wort des heiligen Johannes XXIII „Johannes, nimm dich nicht so wichtig“. Ein bemerkenswertes Beispiel finden wir in der Regel des Hl. Benedikt, es geht um eine normale Alltagssituation zur Entscheidungsfindung. Benedikt schreibt:
„Sooft etwas Wichtiges im Kloster zu behandeln ist, soll der Abt die ganze Gemeinschaft zusammenrufen und selbst darlegen, worum es geht. Er soll den Rat der Brüder anhören und dann mit sich selbst zu Rate gehen. Was er für zuträglicher hält, das tue er.
Dass aber ALLE zur Beratung zu rufen seien, haben wir deshalb gesagt, weil der Herr oft einem Jüngeren offenbart, was das Bessere ist“
Auch wenn der Abt im Kloster die letzte Entscheidung zu treffen hat mahnt ihn die Regel, den Rat der Brüder zu hören und – hier komme ich zurück auf das heutige Evangelium – seinen eigenen Willen mit der „starken Hand“ durchzusetzen. Daß diese Handlungsempfehlung seit Jahrhunderten funktioniert, zeigen uns die Gemeinschaften in Klöstern.
Wir stehen das ganze Leben lang in Beziehungen zueinander. Sei es in Familie und Partnerschaft, im Freundeskreis oder im Berufsleben und wir tun gut daran, uns im ganz normalen Alltag und im Umgang miteinander daran zu orientieren.
„Eure Rede sei: Ja ja, nein nein“ und so dürfen wir uns fragen:
Bin ich ein eindeutiger Mensch? Wissen meine Mitmenschen, woran sie bei mir sind?
Bin ich klar in meinen Aussagen? Stehe ich zu meinem Wort?“
(Impuls Regensburger Sonntagsbibel S 258)
Mit dem heutigen Sonntag endet der erste Teil der „Zeit im Jahreskreis“ und es wird einige Monate dauern, bis wir beim Sonntagsgottesdienst wieder hier anschließen. Am Beginn der Betrachtungen des Sonntagsevangeliums habe ich davon gesprochen, dass die Aufmerksamkeit beim Hören (scheinbar) vertrauter Texte leicht schwinden kann. Welches „Fazit“ können wir nun ziehen?
Was Jesus uns mit auf den Weg gibt
Jesu Worte in der „Bergpredigt“ sind keine dogmatische Auslegung der Schrift oder ein in sich abgeschlossener Vortrag. Wir sind Jesus und der ganzen Menschenmenge gefolgt und haben gehört, was er uns allen – damals wie heute – mit auf den Weg gibt.
Papst Benedikt XVI sagte es einmal mit diesen Worten:
Die Neuheit Jesu besteht im Wesentlichen in der Tatsache, dass er selbst die Gebote mit der Liebe Gottes „erfüllt“, mit der Kraft des Heiligen Geistes, der in ihm wohnt. Und wir können uns durch den Glauben an Christus dem Wirken des Heiligen Geistes öffnen der uns dazu befähigt, die göttliche Liebe zu leben“!
(Papst Benedikt XVI, aus der Ansprache beim Angelus vom 13.02.2011)
Leitplanken
Erlauben Sie an dieser Stelle einen Vergleich mit einer Autobahn. Es sind „Leitplanken“, die uns „in der richtigen Spur halten sollen“ und es sind Wegweisungen für ein gutes, christliches Leben. Den Weg dürfen und müssen wir selbst gehen aber wir können uns daran orientieren und wenn wir nur ein paar Punkte und ganz konkrete Handlungsempfehlungen herausnehmen, dann können wir „Salz der Erde und Licht der Welt“ sein.
Jesus möchte ein neues Königreich errichten, ein Königreich, das nicht von dieser Welt ist. Das wird er bald vor Pilatus bekennen, wenn die Anklage gegen ihn erhoben wird. Er eröffnet seine große Rede mit einem Versprechen: „Selig, die arm sind vor Gott, denn ihnen gehört das Himmelreich“.
Jesu Königreich
Jesus möchte, dass wir zusammen mit ihm dieses Königreich inmitten der Menschen errichten, dass wir Zeugnis ablegen, wir uns zu ihm bekennen, eben so wie Gott uns beim Namen nennt und kennt. Das ist ein großer Auftrag und es ist nicht einfach, diesem gerecht zu werden, diesen Auftrag zu erfüllen, aber er sichert uns zu „Euer Lohn im Himmel wird groß sein“
Zum Schluss möchte ich Ihnen noch einen heiteren und fröhlichen Liedtext mit auf den Weg geben. Das Lied aus dem Album „die 30 besten Kirchenlieder für Kinder“ fasst vieles noch einmal auf eine sehr leichte und sympathische Weise zusammen
Einer hat uns angesteckt
Mit der Flamme der Liebe
Einer hat uns aufgeweckt
Und das Feuer brennt hell
Wer sich selbst verliert
Wird das Leben finden
Wer die Freiheit spürt
Kann sich selber finden
Wer die Armut kennt
Wird im Reichtum leben
Wer von Herzen brennt
Kann sich andren geben
Wer betroffen ist
Wird das Wort neu sagen
Wer sich selbst vergisst
Kann auch Lasten tragen
Einer hat uns angesteckt
Mit der Flamme der Liebe
Einer hat uns aufgeweckt
Und das Feuer brennt hell
Dazu wünsche ich Ihnen viele gute Gedanken, einen gesegneten Sonntag und einen guten Start in die neue Woche.
(Radio Vatikan - Redaktion Claudia Kaminski)
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