D: Der Bischof und die Tradwives
Der Passauer Bischof Stefan Oster hat an diesem Donnerstag einen langen Artikel über christliche Tradwives auf seiner Internetseite verfasst. Darin schildert er zunächst, wie sie im Internet auftreten. „Es sind gläubige Frauen, die auf Social Media im strahlenden Gewand und perfekt inszenierter Optik von ihrer Selbstverwirklichung durch Kinder, Küche, Kirche sprechen – in braver ‚Unterordnung‘ unter den Mann – den sie wie selbstverständlich als den Herrn im Haus akzeptieren – und darin als Mutter und Hausfrau ihr Glück finden.“
„Der Mann ist das Haupt der Frau“ (Eph 5,23)
Werden diese Frauen damit einem Ideal gerecht, das sich aus der Heiligen Schrift ergibt? Oster: „Tatsächlich lassen sich im Neuen Testament Stellen finden, die geeignet sind, eine solche Selbstdeutung des Lebens einer Frau zu bestärken.“ Der Bischof verweist dazu auf ein paar Bibelstellen, vor allem „Der Mann ist das Haupt der Frau“ (Eph 5,23). Zugleich, so der Bischof, werfen diese Frauen mit ihrem Lebensmodell der liberalen Gesellschaft mit ihrem Ideal der emanzipierten, selbstbestimmten Frau den Fehdehandschuh hin.
„Manche werden fragen, warum sie sich darüber überhaupt Gedanken machen sollten, da doch jede Person ihre ganz persönliche Lebensweise suchen und finden kann. Aber ganz so einfach scheint es nicht, da ein solcher Lebensentwurf von ‚Tradwives‘ offenbar nicht geringe Anziehungskraft für politisch rechte Narrative zu haben scheint.“ Ein Beispiel: der ermordete politische Aktivist Charlie Kirk in den USA. Oder, in Deutschland, Influencerinnen wie die Evangelikale Jana Highholder.
Die rechte oder gar braune Ecke
„Nun kann man in einer Hermeneutik des Wohlwollens attestieren, dass es ein berechtigtes Anliegen in unserer Kirche und damit auch für die Gesellschaft ist, die Kernfamilie aus Mama, Papa und Kind(ern) zu stärken – und damit zugleich die ganze Gesellschaft. Auch darf man umgekehrt wahrnehmen, dass es schon lange ein von linker Seite befeuertes ideologisches Interesse in unserer Gesellschaft gibt, dass eben diejenigen Personen, die sich für dieses Anliegen einsetzen, in der rechten oder gar braunen Ecke verordnet werden.“
Dagegen verwahrt sich Bischof Oster deutlich. Gläubige Anliegen dürften nicht „unter Pauschalverdacht“ gestellt werden, dass sie Schnittmengen zu „völkischem Denken“ aufwiesen. „Das passiert auch mir selbst immer wieder: Katholische Christen, die die Lehre der Kirche verteidigen, sind bei nicht wenigen automatisch als ‚rechts‘ gelabelt.“ Um aus dieser Ecke herauszukommen, distanziert sich der Bischof von Passau deutlich von US-Präsident Donald Trump und dessen Maga-Bewegung.
Fassungslos über Trump
„Ich bin regelmäßig fassungslos über sein öffentliches Auftreten. Und wenn auch mancher traditionsorientierte Christ meint, ihn verteidigen zu müssen, weil er sich doch immerhin so klar gegen Abtreibungen positioniert, so bin ich der Überzeugung, dass er in mehrfacher Hinsicht eine menschen- und schöpfungsfeindliche Politik macht, die zumindest in diesen Aspekten nicht mit dem christlichen Glauben vereinbar ist. Und ich würde ihm jederzeit zutrauen, in Sachen Abtreibung den Schalter sofort in die gegensätzliche Richtung umzulegen, sollte er realisieren, dass das seinen persönlichen Größenphantasien zugutekommen könnte.“
Nein, er habe „weder Interesse an völkischem Denken, noch an Rechtsaußenpolitik“, bekräftigt Oster. „Ich versuche schlicht katholisch zu sein.“ Aber wie steht er denn nun zu den Tradwives? Um darauf zu antworten, zitiert er aus dem Epheserbrief des Paulus, Kapitel 5 und 6 – wir haben oben schon einen kleinen Satz daraus zitiert. Ausgangspunkt ist Epheser 5,12: „Einer ordne sich dem andern unter in der gemeinsamen Ehrfurcht vor Christus“. Paulus beschreibe da in erster Linie die damals gegebenen Machtverhältnisse, so Bischof Oster. Aber zugleich bettet der Apostel dieses „real gegebene Machtgefälle ein in einen neuen Rahmen der Liebe und der gegenseitigen (!) Unterordnung“.
Paulus geht vom Gegebenen aus
„Das heißt: Paulus sieht und akzentuiert, wie sich gegebene Verhältnisse von innen her verändern und in eine neue Situation der Anerkenntnis gleicher Würde überführt werden. Das gilt in analoger Weise auch für das Verhältnis von Sklaven und Herren und Kindern und Vätern. Alle Machtverhältnisse finden ihr Maß in der Beziehung zum Herrn, der selbst Liebe in Person ist – und sich für uns radikal erniedrigt hat, damit wir in ihm wachsen können. Im Verhältnis von Mann und Frau ist Paulus in der Forderung radikal: Die Männer sollen ihre Frauen lieben, wie Christus die Kirche geliebt hat! Will sagen: Christus ist für seine Kirche aus Liebe gestorben.“
Ähnliches liest Bischof Oster aus Paulus‘ Brief an Philemon und an die Galater heraus. Wenn er schreibt, dass „alle durch den Glauben Kinder Gottes“ (Gal 3, 26) sind, gibt es – so Oster – „in diesem Sinn von innen her und im Blick auf die Würde eben kein Machtgefälle mehr“. Auch nicht zwischen Männern und Frauen.
Die Machtverhältnisse ändern sich von innen nach außen
„Die neutestamentlichen Texte machen also deutlich, dass eine Wandlung gesellschaftlicher (Macht-)Verhältnisse zuerst von innen nach außen geschieht: Wo Christus in die Herzen der Menschen Einzug hält, dort verändern sich die Beziehungen des Menschen zu sich selbst, zu den Mitmenschen, zur Schöpfung und zu Gott. Der Glaube an Christus und die aus ihm geführten Lebensformen sind kritisch im Blick auf das Recht des Stärkeren oder auch nur weltlich begründete Machtansprüche: ‚Bei euch aber soll es nicht so sein‘ (Lk 2,26). Was übrigens, wie der Bischof in einer Fußnote deutlich macht, auch für die Kirche gelten sollte.
„Diese Erkenntnis durchdringt nach und nach Gesellschaften, die überwiegend christlich geprägt sind: Die Sklaverei wird – wenn auch spät – in der westlichen Welt weitgehend abgeschafft. Die Einehe von Mann und Frau setzt sich weitgehend durch – obwohl in den Evangelien davon gar nicht ausdrücklich die Rede ist und die Vielehe im Alten Testament vielfach akzeptiert war.“ Zugleich finden Philosophen, oft unter dem Eindruck jüdischer-christlicher Weltsicht, zu einem neuen Begriff von Menschenwürde und Willensfreiheit.
Keine Rede mehr von Unterordnung
„Angesichts solcher Entwicklungen entfällt (!) auch in den neueren lehramtlichen Texten der katholischen Kirche zur Lehre von der Ehe die Rede von einer ausdrücklichen Unterordnung der Frau gegenüber dem Mann. Vielmehr wird längst gesehen, dass die Ehe zwischen Mann und Frau und ihre jeweilige Ausgestaltung im Lauf der Geschichte und in den unterschiedlichen Kulturen unterschiedliche Ausprägungen und Weisen der Verwirklichung hatte, dass sie in und durch Christus aber auf ihre ursprüngliche Anlage im Heilsplan Gottes verwiesen wird.“
Die katholische Kirche habe hier „eine deutlich erkennbare Entwicklung“ durchgemacht, so Bischof Oster: von der Zeugung von Nachkommen als primärem Ehezweck zum gegenseitigen Wohl der Ehegatten. Von einer Unterordnung eines der Partner unter den anderen sei in den Texten des letzten Konzils keine Rede mehr.
Massive Verunsicherung der Geschlechterrollen
„Wenn es diese Entwicklung innerhalb des katholischen Denkens gibt, warum dann scheint das Modell der oben genannten Tradwives und damit zugleich offenbar auch die Propagierung der Dominanz eines ‚männlichen Mannes‘ dennoch für manche Menschen attraktiv, offenbar auch besonders auch für Christinnen und Christen innerhalb des Katholizismus? Nach meiner Beobachtung hängt das vor allem mit der massiven Verunsicherung der Geschlechterrollen in unserer Kultur insgesamt zusammen.“ Immer mehr würden die Unterschiede zwischen den Geschlechtern verwischt. Dabei sind nach Osters Überzeugung Männer und Frauen in ihrer Würde gleich, in ihrem Welt- und Selbstverhältnis hingegen „in der Regel unterschiedlich“.
„Und zwar ohne Klischee…“
Der Passauer Bischof begrüßt die Emanzipation der Frau und das Zerbrechen patriarchaler Strukturen, die Frauen unterdrücken. Wenn sich Frauen und Männer „von der Liebe Christi berühren und durchdringen“ ließen, könnten sie „in Freiheit und Verantwortung in das hineinwachsen, was ihnen jeweils gemäß ist“. „Und zwar ohne Klischee sowohl als unverwechselbare, einzelne Personen mit ihren Gaben und Aufgaben, ihren Stärken und Schwächen – wie auch als Frauen und Männer in ihrem konkreten Zueinander, das sie miteinander finden, verantworten und wachsen lassen. Daher – und das sei an dieser Stelle ausdrücklich gesagt – begrüßt die Kirche auch, wenn sich ein Mann und eine Frau in ihrem Miteinander auf ein Modell verständigen, in dem sie primär ihre Mutterrolle ausfüllt und er primär die Erwerbsrolle übernimmt.“
Rollenverteilung kann auch anders sein
Dieses Modell sei für das Gedeihen von Familien von hohem Wert. „Die Rollenverteilung kann aber selbstverständlich auch anders sein, wenn es sich für die einzelnen Familienmitglieder anders zeigt oder die Umstände anderes ergeben. Wesentlich ist immer die Kultur der Liebe und die Bereitschaft beider Partner, Verantwortung zu übernehmen.“ In diesem Sinn hält Bischof Oster die kirchliche Sicht zu Familie, zu Frausein und Mannsein im familiären Leben für einen wichtigen Beitrag für das Gedeihen der Gesellschaft. „Sie hält nach meiner Einschätzung die Mitte zwischen einem traditionalistischen Menschenbild, das durch eine biblisch-buchstäbliche Lesart gefährdet ist, politisch nach rechts abzudriften – und einem radikal konstruktivistischen Modell, das die Unterschiede zwischen Männern und Frauen einebnet und sich linken Ideologien öffnet, die im Gefolge ihrer Ahnherren Marx und Engels das klassische Familienmodell insgesamt überwinden wollen.“
(vatican news – sk)
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