D: Bischof Meier warnt vor schleichender Islamisierung Syriens
Mario Galgano - Vatikanstadt
„Mir ist bei diesem Besuch ein großes Panorama aufgegangen“, berichtet der Augsburger Bischof nach seiner Rückkehr. Er habe eine Kirche erlebt, die trotz massiver Ausdünnung versucht, „mitten unter den Menschen zu sein“. Doch die Zahlen sprechen eine bittere Sprache: Von ehemals 1,5 Millionen Christen vor dem Bürgerkrieg 2011 sind heute schätzungsweise nur noch 300.000 im Land geblieben.
Die Sorge vor dem „Modell Idlib“
Ein zentrales Thema der Gespräche mit Kirchenführern wie dem melkitischen Patriarchen Joseph I. war die Ungewissheit unter der neuen Regierung. Zwar gibt sich die Führung in Damaskus nach außen hin pragmatisch, um internationale Anerkennung und Wirtschaftshilfe zu erlangen, doch im Alltag mehren sich die Zeichen eines radikaleren Islamismus.
Bischof Meier beschreibt einen kulturellen Konflikt zwischen der modernen Metropole Damaskus und dem Geist von Idlib, der Heimat der neuen Machthaber: „Manche sehen Anzeichen für eine schleichende Islamisierung, etwa bei Bekleidungsvorschriften, durch die Trennung von Männern und Frauen oder beim Verbot von Alkoholausschank in Restaurants.“ Dass diese Bewegungen oft von untergeordneten Stellen oder Teilen der Gesellschaft ausgehen, macht die Sache für Meier nicht harmlos: „Hier verändert sich das gesellschaftliche Klima, und Minderheiten fühlen sich zunehmend unwillkommen.“
Ein „Bierchen“ als Zeichen der Normalität?
Wie subtil sich der Wandel vollzieht, schilderte Meier anhand persönlicher Beobachtungen. Während in vielen Restaurants bereits kein Alkohol mehr ausgeschenkt werde, habe er sich „gestern Abend doch ein kleines Lokal Bierchen gegönnt“. Es ist ein kleiner Moment der Normalität in einer Gesellschaft, die laut Meier immer mehr in Richtung einer „islamischen Republik“ drifte. Auch die strikte Geschlechtertrennung beim Gebet in den Moscheen sei ein deutliches Signal für diesen Kurs.
„Wir bleiben an eurer Seite“
Trotz der düsteren Prognosen – kaum ein Kirchenvertreter glaubt an eine Rückkehr der Emigranten aus dem Westen – brachte Meier eine klare Botschaft aus Deutschland mit: „Wir lassen euch nicht allein. Wir sind eine riesige Gebetsgemeinschaft.“ Diese Solidarität zeige sich nicht nur in Worten, sondern in konkreten Hilfsprojekten. Besonders die Unterstützung von Schulen und karitativen Einrichtungen durch deutsche Hilfswerke wurde von den syrischen Partnern „ganz dicke unterstrichen“.
Flucht der Elite: Die Jugend im Fokus
Ein besonders emotionaler Moment der Reise war der Besuch in Maalula, wo noch immer West-Aramäisch, die Sprache Jesu, gesprochen wird. Dort traf der Bischof eine christliche Familie, deren Jugendliche offen über ihre Pläne sprachen, das Land zu verlassen. „Die Christen in Syrien sind eine Elitegruppe – gut ausgebildet, sprachbegabt. Wenn sie gehen, wird die Gesellschaft ausgedünnt“, warnt Meier.
Sein Appell richtet sich daher direkt an die junge Generation: „Ich wünsche mir, dass es gelingt, dass die jungen Christen in ihrem Heimatland bleiben und ihm ihr Gesicht geben.“ Ein Erzbischof habe ihm gegenüber geklagt, Christen fühlten sich manchmal nur noch „wie Gäste, die geduldet werden“. Das dürfe nicht der Dauerzustand sein.
Ökumene als Überlebensstrategie
Angesichts der schwindenden Mitgliederzahlen – die Christen machen nur noch ein bis zwei Prozent der Bevölkerung aus – mahnt Meier zur Einheit. Die Zersplitterung in eine Vielzahl von Teilkirchen (allein sechs katholische Riten) sei in diesen Zeiten hinderlich. „Überall wächst das Bewusstsein, dass der nur auf die eigene Gemeinschaft gerichtete Blick der Stärke der Kirchen schweren Schaden zufügen kann“, so Meier. Die Krise zwinge die Kirchen nun zur „geistlichen Ökumene“.
Bischof Meier betete während seiner Reise auch an der Mar-Elias-Kirche in Damaskus, dem Ort eines islamistischen Selbstmordanschlags vom Juni 2025. Sein Fazit bleibt trotz aller Gefahren entschlossen: „Wir bleiben an der Seite der Christen, woher immer der politische Wind weht.“
(vatican news/pm)
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