Buchtipp: Zwischen britischem Humor und biblischer Tiefe
„Vom Geist geleitet zu werden bedeutet, sich dem göttlichen Wind zu öffnen, der weht, wo er will“, schreibt Radcliffe in der Einleitung seines Buches. Es ist dieser unkonventionelle Geist, der den 1945 geborenen ehemaligen Ordensmeister der Dominikaner weltweit bekannt gemacht hat. Als geistlicher Begleiter der Weltsynode zur Synodalität in Rom hatte er die Aufgabe, die oft spannungsgeladenen Debatten spirituell zu grundieren. Das Ergebnis liegt nun in deutscher Übersetzung vor.
Humor als Türöffner zur Wahrheit
Kardinal Jean-Paul Vesco betont in seinem Geleitwort eine Eigenschaft Radcliffes, die in der oft steifen Welt der Kurie Seltenheitswert hat: seinen „typisch britischen Sinn für Humor“. Dieser Humor ist bei Radcliffe jedoch kein Selbstzweck, sondern ein theologisches Werkzeug. Er dient dazu, verhärtete Fronten zwischen sogenannten „Traditionalisten“ und „Progressiven“ aufzubrechen.
In seinen Meditationen, die auf den Abschiedsreden des Johannesevangeliums basieren, führt Radcliffe den Leser weg von kirchenpolitischen Grabenkämpfen hin zu einer „Ermächtigung durch Christus“. Er analysiert die moderne Lebenswirklichkeit scharfinnig und stellt fest, dass die Kirche oft an den Menschen vorbeiredet, weil sie die Sprache der „Komplementarität“ (feste Rollenzuweisungen) noch nicht durch die dynamischere Sprache der „Wechselseitigkeit“ ersetzt hat.
Ein „Amen“ gegen die Krise der Solidarität
Radcliffe blickt mit Sorge auf eine Weltordnung, die achtzig Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg zu zerbröckeln droht. Er beklagt einen „Zusammenbruch der Solidarität“, der sich in drastischen Kürzungen der Entwicklungshilfe durch reiche Nationen zeigt. Sein Buch setzt dem ein klares christliches „Amen“ entgegen – ein Wort, das er als das charakteristische Wort Jesu beschreibt: „Es ist unser Ja zu Gott und Gottes Ja zu uns.“
Besonders eindringlich sind seine Gedanken zur Inklusion. Getreu dem Motto von Papst Franziskus – „Alle, alle, alle“ – fordert Radcliffe eine Kirche, in der Platz für jeden ist. Er plädiert für offene Debatten über Tabuthemen, von der Rolle der Frau bis hin zur Seelsorge für marginalisierte Gruppen, ohne dabei das solide fundamentale Erbe der Kirche preiszugeben.
Fazit: Ein Buch für Suchende und Zweifler
„Von der Wahrheit berührt“ ist kein trockenes Theoriebuch. Es ist die Frucht eines Lebens, das Radcliffe vom Oxford-Hörsaal über die AIDS-Seelsorge bis an die Spitze eines der ältesten Orden der Welt geführt hat. Seine Texte strahlen eine „großartige Gedankenfreiheit“ aus, wie Vesco schreibt.
Wer verstehen will, warum dieser Dominikaner zu einer der wichtigsten Stimmen der aktuellen Kirchenentwicklung geworden ist, kommt an diesem Buch nicht vorbei. Es ist ein starkes Zeichen der Hoffnung in einer Zeit, in der viele die Vision einer gemeinsamen Menschlichkeit verloren haben. Radcliffe erinnert uns daran: Das Wasser des Lebens ist unentgeltlich – man muss nur den Mut haben, zum Brunnen zu gehen.
Zum Mitschreiben
Timothy Radcliffe: Von der Wahrheit berührt. Wegweisungen für eine kulturell plurale Kirche, erschienen im Herder-Verlag 2025, ISBN 978-3-451-02547-1.
Eine Rezension von Mario Galgano.
(vatican news)
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