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Das Heiligtum von Kafarnaum Das Heiligtum von Kafarnaum 

Unser Sonntag: Dunkelheiten unserer Zeit

In dieser Betrachtung von Alexandra Linder geht es um das Dunkel, in dem die Fischer, die Jesus berief lebten. Die Fischer hatten offensichtlich einen Sinn für wahre Werte: Da kam jemand, der eine faszinierende, nächstenliebende Ausstrahlung hatte. Und dieser Jesus hat ausgerechnet auf die Fähigkeiten der Fischer gesetzt.

Das Volk, das im Dunkel lebte. So kommt man sich auch heute noch manchmal vor. Merkwürdiger Umgang mit dem Eigentum anderer, Vandalismus an öffentlichem Eigentum, Verwahrlosung unserer Infrastruktur, Gewalt gegen Dinge und gegen Personen, Respektlosigkeit, ein großer Mangel an guten Sitten, an höflichem Benehmen, auch über die Kleidungsgewohnheiten und Essmanieren staunt man gewaltig.

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Wenig Rücksichtnahme auf alte Menschen, schroffes Abweisen von Bettlern, die immer mehr werden, ein roher Ton im Umgang. Da fehlt eine Menge Licht an allen Ecken und Enden. Licht bedeutet unter anderem die Erkenntnis, dass es eine objektive Wahrheit gibt, die einen selbst übersteigt. Dass es Werte gibt, die sich auf alle Menschen beziehen, die alle den gleichen Wert haben. Dass es aber Werte sind, die von einer übermenschlichen Ebene kommen. Das ist wohl auch wirklich gut so.

„Wenn man die Erschaffung von Werten uns Menschen überlässt, kommt meistens wenig Sinnvolles dabei heraus“

Denn wenn man die Erschaffung von Werten uns Menschen überlässt, kommt meistens wenig Sinnvolles dabei heraus. Selbstverwirklichung zum Beispiel ist an sich eine gute Sache. In vernünftigem Maß bedeutet es, seine Talente und Neigungen zu verwirklichen und auszuleben. Der Haken daran ist nur, dass sie, in extenso betrieben, alle anderen Menschen auf der Strecke lässt, weil diese ja möglicherweise meine Selbstverwirklichung behindern könnten. Daher kann Selbstverwirklichung kein universeller Wert sein, sondern sollte, um nicht wirkliche Werte wie Gerechtigkeit und Gleichberechtigung zu beschädigen, in Maßen und mit Grenzen betrieben werden, nach dem Motto:

Wo endet meine Selbstbestimmung

Meine Selbstbestimmung endet dort, wo die Selbstbestimmung eines anderen beginnt. Materieller Wohlstand ist an sich ebenfalls keine schlechte Sache. In vernünftigem Maß bedeutet es, durch eigene Arbeit ein sorgenfreies Leben führen zu können. Oder, ganz „wild“ gedacht, wie es heute heißt, könnte man damit sogar anderen Menschen und Organisationen helfen, indem man etwas von seinem Wohlstand abgibt. Nur wenn es der einzige vermeintliche Wert ist, an den man glaubt, und nicht gleichzeitig Werte wie Nächstenliebe oder Verantwortung für das Gemeinwohl lebt, bleiben wieder die anderen Menschen auf der Strecke. Denn sie könnten etwas von meinem Wohlstand haben wollen und ihn damit schmälern.

Wohlstand immer nur mehren?

Oder sie könnten mich daran hindern, den Wohlstand noch zu mehren. Dergleichen vermeintliche Werte gibt es viele. Woran kann man nun erkennen, ob der Wert, den ich für gut und richtig halte, es objektiv und ganzheitlich betrachtet auch ist? Der Unterschied solcher Lebenszwecke zu wirklichen, zum Beispiel christlichen Werten ist eigentlich ein ganz einfacher: Bei den wirklichen Werten geht es immer vorrangig um den anderen, nicht um mich selbst: Nächstenliebe, Gerechtigkeit, Ehrlichkeit, Gleichberechtigung nützen auch mir, haben aber vor allem den anderen, jeden Menschen im Blick und sein Wohl zum Ziel. Sogenannte moderne Werte dagegen schielen ein wenig immer erst einmal darauf, was die Sache mir selbst einbringt, ob sie für mich einträglich ist.

Petrus gab einen sicheren Job auf

Man stelle sich vor, Jesus wäre zu Petrus, Andreas und anderen gegangen, hätte sie aufgefordert, ihm nachzufolgen, und sie hätten gesagt: Entschuldigen Sie mal, Sie glauben ja nicht ernsthaft, dass wir hier unseren sicheren Job aufgeben, um einem abgerissenen Spinner hinterherzulaufen? Wir sind Fischer, haben hier ein Haus und unsere Familie. Wir wären ja schön blöd. Naja, besonders gute Fischer waren sie wohl nicht, siehe die Geschichte mit dem schiefgegangenen Fischfang einige Zeit später, wo die Netze solange leerblieben, bis die Jünger genauso fischten, wie der nicht-fischende Jesus es ihnen sagte, also der nicht Fische fischende.

„Aber diese Fischer hatten, obwohl sie im Dunkel lebten und keinen Plan hatten, worauf sie sich da einließen, offensichtlich einen Sinn für wahre Werte“

Aber diese Fischer hatten, obwohl sie im Dunkel lebten und keinen Plan hatten, worauf sie sich da einließen, offensichtlich einen Sinn für wahre Werte: Da kam jemand, der eine faszinierende, nächstenliebende Ausstrahlung hatte und den anderen Menschen mit einer frohen Botschaft einen Sinn ins Leben bringen wollte. Ohne Verdienstabsichten, ohne darauf zu achten, ob er selbst etwas davon haben würde. Hinzu kamen wohl die besonderen Eigenschaften von Fischern, was vielleicht ein wenig erklärt, warum Jesus ausgerechnet aus diesem Berufsstand Jünger wählte: Sie waren oft im unbekannten, gefährlichen Dunkel, wenn sie nachts hinaus auf den See fuhren. Gefahren und widrige Umstände wie Stürme, Flauten, unsichere Boote und ständig zu flickende Netze waren Alltag.

Die besonderen Fähigkeiten der Fischer

Sie mussten sich unbedingt aufeinander verlassen können, sich gegenseitig blind vertrauen, um gemeinsam in unbekannten, tiefen Gewässern zu fischen. Sie mussten sehr mutig und sehr geduldig sein, weil sie oft nächtelang auf dem See waren und die Ausbeute lächerlich gering war. Mindestlohn war damals kein Kriterium. Sie waren ein hartes Leben gewohnt. Vielleicht waren sie aus all diesen Gründen auch besonders als erste Jünger geeignet. Obwohl sie zwischendurch alle schwächelten: Sie verleugneten Jesus, sie schliefen ein, als er sie am dringendsten brauchte, sie verstanden oft gar nicht, was er ihnen sagen wollte. Aber er sandte sie aus, als sie es endlich begriffen hatten, und dann gingen sie los, in viele Ecken der Welt, nach Europa, nach Asien, nach Afrika.

Heutige Follower Jesu

Es ist sicher kein reiner Zufall, dass das Römische Reich genau zu dieser Zeit sowohl die räumliche Ausdehnung als auch die Reisemöglichkeiten und insgesamt halbwegs stabile Verhältnisse hatte, um Jünger aussenden und den Glauben verbreiten zu können. Es wird ja gern der Witz gebracht, dass Jesus nur zwölf Follower hatte. Heute ist das Christentum mit aktuell etwa 2,5 Milliarden Menschen die größte Religion der Welt. Diese Zahl an Followern soll Jesus und seinen Fischern mal einer nachmachen.
Jesus hat niemanden berufen, der reich und mächtig war. Im Gegenteil, der Reiche, der ihn einmal fragte, wie er ihm denn nachfolgen könne, ging weinend weg. Denn Jesus hatte ihm gesagt, dass das nur gehe, wenn er seinen gesamten Reichtum hergeben würde. Das konnte sich der Mann nicht vorstellen.

Der einfache Pfarrer vom Niederrhein: Gerhard Vynhoven

Andere schon, wie der Heilige Franziskus, die Heilige Clara, die Heilige Elisabeth von Thüringen und so viele andere. Zum Beispiel auch ein einfacher Pfarrer in niederrheinischen Willich-Neersen, der im 30-jährigen Krieg als Feldkaplan des Generals Jan van Werth Karriere machte, der mehrfach in Rom war und drei Jahre lang im Heiligen Land herumreisen konnte, hochgebildet war und es bei seinen Beziehungen sicher problemlos zum gut ernährten, gemütlich im angenehmen Mittelmeerklima lebenden Kardinal gebracht hätte. Doch als er in einem brennenden Kirchturm von den Hessischen Truppen bedrängt wurde, gelobte er den Bau einer Kapelle, in der er die Grabeskirche in Jerusalem und die Geburtsgrotte von Bethlehem nachbauen würde, um den Menschen nach diesem furchtbaren Krieg die Pilgerstätten zu bringen, zu denen sie wahrscheinlich nie in ihrem Leben gelangen konnten.

„Nach seiner Rettung baute Pfarrer Gerhard Vynhoven die Kapelle Klein-Jerusalem, ein Pilgerheim und eine Schule, in der alle Bauernkinder lesen und schreiben lernten“

Nach seiner Rettung setzte Pfarrer Gerhard Vynhoven das auch in die Tat um und baute die Kapelle Klein-Jerusalem, ein Pilgerheim und eine Schule, in der alle Bauernkinder lesen und schreiben lernten. Auch das war ein großer Akt der Demut und Nachfolge. Die Kapelle hatte, wie das Christentum, gute und schlechte Zeiten. Aktuell entwickelt sie sich wieder zu einem Wallfahrtsort, einer Kulturstätte und einem historischen Ausflugsziel.

Du wirst sein, was ich schon bin, ein bißchen Asche

Das einzige, was sich Pfarrer Vynhoven erbeten hatte, war, in der Kapelle begraben zu werden und auf seinem Epitaph bittet er die Pilger um ein Gebet, auch um nicht zu vergessen, wie es auf seinem Grabstein heißt: Du wirst sein, was ich schon bin, ein bisschen Asche. Vielleicht können die Lebensberichte all dieser beeindruckenden Menschen unser Gejammer und unsere Unzufriedenheit immer wieder einmal etwas zurecht- und die wichtigen Dinge wieder ins Zentrum unseres Denkens rücken – und wir können wieder ein wenig bewusster unseren Auftrag in der Nachfolge Christi erfüllen.

(Radio Vatikan - Redaktion Claudia Kaminski)

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24. Januar 2026, 10:55