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Die Geburt Johannes des Täufers Die Geburt Johannes des Täufers 

Unser Sonntag: Sind wir offen für Zeichen?

In dieser ersten Betrachtung von Alexandra Linder geht es um Johannes und seine Offenheit für die Berufung als Vorläufer. Er hat nicht gezweifelt, nicht gefragt. Linder macht deutlich, dass auch wir unserer Berufung folgen sollten - doch dafür ist vieles notwendig: Gebet, Stille, Hinhören und auch Demut.

Alles in ihm, ohne ihn nichts. Mit ihm kein Nichts, keine Finsternis. Und Johannes als Zeuge: Woher wusste er, dass er dieser Zeuge sein sollte? Darüber steht nichts in der Bibel, kein Zweifel, kein Fragen. Es war schlicht und einfach seine Bestimmung, seine Berufung.

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Wissen wir, ob und wann wir Zeugen des Lichts sein sollen, wie wir es sein könnten? Sind wir offen für Zeichen, für Hinweise? Johannes hatte gewissermaßen Glück, seine Berufung war von Anfang an klar und er brauchte sich wenigstens darüber keine Gedanken zu machen. Offensichtlich ist er ihr auch einfach gefolgt. Er hat sie angenommen und sein Leben dafür investiert.

Ist es das, was du von mir willst, Herr?

Für uns ist das schwieriger. Um seine eigene Berufung zu erkennen, braucht es eigentlich viel Gebet, viel Stille, viel Zuhören, das Erkennen von Hinweisen, das Ausprobieren von Berufungsahnungen, die Korrektur von Richtungen, und ganz viel Demut. Ein stetiges Forschen und Fragen: Ist das jetzt meine Berufung? Ist es das, was du von mir willst, Herr? Mache ich das richtig? Was sollte ich ändern? Bin ich vielleicht in einem Tunnel, einem Loch, auf einem Weg, der mehr der von mir gewünschte ist als der von Gott für mich gedachte?

„Komme ich vom richtigen Weg ab, durch Ablenkung, durch Eitelkeit, durch Eigennutz, falsche Entscheidungen?“

Komme ich vom richtigen Weg ab, durch Ablenkung, durch Eitelkeit, durch Eigennutz, falsche Entscheidungen? Es ist beruhigend, bei so vielen Heiligen zu sehen, dass auch sie teilweise jahrzehntelang ganz und gar nicht als Gottes Zeugen gelebt haben oder ihre Berufung erkannt haben und ihr gefolgt sind. Das sind ja auch drei große Schritte: erstens die Existenz von Berufungen an sich akzeptieren, zweitens eine eigene Berufung erkennen und ihr drittens dann auch folgen.

Berufung eher antiquiert?

Sich heute überhaupt mit dieser Frage zu beschäftigen, ist schon unüblich, um nicht zu sagen antiquiert. Es widerspricht allen „Für mich“-Trends, die in einer säkularen Welt ohne Hoffnung und Aussicht auf ein Leben nach dem Tod logischerweise danach streben, möglichst viel für sich selbst zu tun und zu gewinnen. Allein schon daran zu glauben, dass es eine höhere Macht gibt, die Leben schenkt und Berufungen verleiht, passt nicht in unsere moderne Welt. Denn es ist eine Welt, die bei der Reklamation von Freiheit und Rechten deren wichtige Kehrseite, nämlich die Verantwortung, gern beiseiteschiebt.

Herausforderung: plötzliche Schwangerschaft

Verantwortung zielt vor allem auf andere. Wir leben in einer Welt, in der man alle Möglichkeiten hat, Verantwortung zu übernehmen, sich zu informieren, sich weiterzubilden, sie aber irgendwie nicht wirklich sinnvoll nutzt, sondern seine immer längere Freizeit mit unsinnigen Dingen verbringt. In der man sein Leben für beendet hält, wenn da plötzlich eine überraschende Schwangerschaft, also ein neues Leben, ist. In der man Angst davor hat, Verantwortung für ein neues Menschenleben, sein eigenes Kind, zu übernehmen. Obwohl die Voraussetzungen dafür in unseren Breiten eigentlich perfekt sein könnten. Sie sind es aber nicht:

„Unsere gesellschaftlichen Hauptprobleme, die sich ganz stark in besonderen Lebenssituationen wie zum Beispiel im Schwangerschaftskonflikt zeigen, sind Einsamkeit, instabile Beziehungen und fehlende menschliche Reife.“

Unsere gesellschaftlichen Hauptprobleme, die sich ganz stark in besonderen Lebenssituationen wie zum Beispiel im Schwangerschaftskonflikt zeigen, sind Einsamkeit, instabile Beziehungen und fehlende menschliche Reife. Trotz aller Möglichkeiten des Reisens, der Kontaktaufnahme und Kontaktpflege vereinsamen wir offenbar und sind nicht in der Lage, für unser eigenes Leben und für andere Menschen eine dauerhafte, vielleicht lebenslange Verantwortung zu übernehmen. Hierzu braucht man nicht das Ich, auf das so großer Wert gelegt wird, sondern ein Gegenüber: das Du.

Viktor Frankl: Das Ich wird Ich erst am Du

Der Psychologe Viktor Frankl drückte das so aus: Das Ich wird Ich erst am Du. Die gesellschaftliche Entwicklung lässt diesen bedeutenden menschlichen Faktor gerade außer Acht: Alleinsein, Egoismus, Für mich macht den Menschen generell nicht glücklich. Kann der Sinn des Lebens ausschließlich darin bestehen, für mich selbst das Beste herauszuholen? Selbst ohne diese transzendente Ebene führt die Antwort eher in Richtung eines „Nein“. Fast niemand kennt jemanden, der allein, ohne jegliche soziale Kontakte und dabei glücklich ist. Der Mensch ist ein soziales Wesen mit unglaublichen Fähigkeiten, die aber sicher nicht dazu bestimmt sind, sie nur für sich selbst eigenzunutzen.

„Neben jedem großen Menschen stehen viele andere große Menschen, die an diesen Werken mitgewirkt haben“

Selbst der zurückgezogenste eitelste Literat, der menschenfeindlichste Komponist und der egoistischste Forscher schrieb und forschte nicht nur für sich. Ja, da spielte sicherlich auch die Eitelkeit eine Rolle. Die Menschheit muss ja von dieser großen Leistung erfahren. Diese Leistung aber konnten sie überhaupt nur bringen, weil sie Menschen um sich hatten, die sich um sie kümmerten, obwohl sie sich wenig bis gar nicht um diese Menschen in ihrer Umgebung kümmerten. Die Selbstlosigkeit anderer eröffnete ihnen überhaupt erst die Möglichkeit, ihre Werke zu verfassen, ihrer Forschung nachzugehen und insoweit vielleicht doch einer Berufung, ihrem offenbar großen Talent zu folgen. Ohne die Selbstlosigkeit anderer Menschen hätten sie sich den ganzen Tag um ihr Überleben, ihre Versorgung, ihre Organisation kümmern müssen und wenig Zeit gehabt, geniale Werke zu verfassen. Neben jedem großen Menschen stehen viele andere große Menschen, die an diesen Werken mitgewirkt haben, mit Hingabe und selbstlos, oft ohne Namen, ohne Eitelkeit, ohne jegliche Würdigung.

Beziehungen leben von der Übernahme von Verantwortung

Wenn jeder nur an sich denkt und für sich lebt, fehlen solche Beziehungen und es entsteht Einsamkeit. Menschliche Beziehungen leben davon, dass man füreinander da ist und von sich wegdenkt, dass man Verantwortung übernimmt. Ein Beispiel für eine solche Form der Hingabe und Berufung ist die Heilige Monika. Hätte sie nur für und an sich gedacht, wäre Augustinus vermutlich kein Kirchenlehrer, kein Bischof und kein Heiliger geworden. Man kann davon ausgehen, dass die Erkenntnis seiner Berufung auch seiner Mutter zu verdanken ist, die ihn erzogen und die unaufhörlich für seine Bekehrung gebetet hat.

Johannes als Schutzpatron

Sie hat es ausgehalten, dass er viele Jahre lang definitiv nicht wie ein Heiliger gelebt hat, und sie hat die Hoffnung nie aufgegeben. Da dürfen wir alle noch Hoffnung haben, dass wir unsere Berufung finden und vielleicht doch noch ein paar Dinge in unserem Leben richtig machen, dass auch wir mit dem Licht Gottes erleuchtet werden. Licht weist auch auf Johannes Geburtstag hin: den 24. Juni, den längsten, hellsten Tag des Jahres auf der Nordhalbkugel. Bei den meisten Heiligen begeht man den Todestag, bei Johannes ist es sein Geburtstag. Er ist ein Patron des Malteserordens. Noch heute lautet die Kennung von Malteser-Krankenwagen, wie ich vor kurzem in einer Wagenhalle lernen durfte, JOH. Johannes hilft außerdem gegen Tanzwut und ist für Gerber, Schornsteinfeger, Kinoinhaber und Lämmer als Schutzpatron ebenso zuständig wie als Patron für mein Heimatbistum Gurk-Klagenfurt in Kärnten.

Den fatalen Trends Positives entgegensetzen

Er hat also auch heute noch viel zu tun. Bestimmt mehr als wir alle. Insofern können wir beruhigt und gelassen unserer hoffentlich inzwischen gefundenen Berufung folgen und als ganz kleines Licht wirken: Indem wir zum Beispiel durch Nächstenliebe versuchen, den für viele fatalen gesellschaftlichen Trends etwas Positives entgegenzusetzen: Menschen in besonderen Lebenssituationen auffangen und ihnen Perspektiven geben. Frauen im Schwangerschaftskonflikt, junge Menschen in suizidalen Lebenslagen und mit Suchtproblematik, einsame Menschen am Ende ihres Lebens. Indem wir versuchen, für Menschen lichtvolle Lebensoasen zu schaffen, in denen sie wissen, dass sie nicht einsam sind und dass sie sich auf stabile Beziehungen verlassen können. Auf Menschen, die ihrer Berufung im christlichen Sinne der Nächstenliebe nicht für sich, sondern für andere folgen.

(Radio Vatikan - Redaktion Claudia Kaminski)

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03. Januar 2026, 10:05