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Die Bergpredigt Die Bergpredigt 

Unser Sonntag: "In jener Zeit"

In dieser ersten Betrachtung von Tobias Ferstl zur Bergpredigt geht es um Aufmerksamkeit aber auch um die Aufforderung zu Handeln und in unserem eigenen Alltag Frieden zu schaffen - auch mit kleinen Gesten.

Tobias Ferstl, Regensburg

4. Sonntag im Jahreskreis (A)

Mt 5,1-12a

Liebe Hörerinnen und Hörer,

kommt Ihnen folgende Situation evtl. auch bekannt vor?
Wir hören ein Evangelium – am heutigen Sonntag die Bergpredigt nach Matthäus – und sind sofort sehr vertraut mit dem Gehörten, ja denken uns vielleicht „ach, das kenne ich schon sehr gut“.

Hier zum Nachhören

Ein noch besseres Beispiel ist wohl das berühmte „Weihnachtsevangelium“ nach Lukas, das wir alle wohl fast auswendig kennen. Ich gestehe, dass meine eigene Aufmerksamkeit beim Hören vertrauter Texte etwas schwindet und so besteht die Gefahr, vielleicht Sonntag für Sonntag die ersten Worte des Evangeliums gleichsam zu überhören, denn fast jedes Evangelium beginnt mit „in jener Zeit“.

Auf den Spuren Jesu 

Beginnt mit diesen Worten eine „märchenhafte Erzählung aus längst vergangenen Tagen“ oder möchte uns das heutige Evangelium für den heutigen Tag, für die vor uns liegende Woche und für unser ganzes Leben etwas sagen? Nehmen wir uns also ein bisschen Zeit und versetzen wir die Bergpredigt „aus jener Zeit“ ins „heute“ und begeben wir uns auf Spurensuche. Dazu möchte ich Sie einladen, zusammen mit mir gedanklich nach Israel zu reisen.

Teilnehmen am Geschehen

Für mich persönlich ging im November 2019 ein Kindheitstraum in Erfüllung und ich breche mit einer Reisegruppe „auf den Spuren Jesu“ auf nach Israel. Es ist ein schöner Zufall dass unser erster Programmpunkt genau jener Ort ist, von dem wir heute im Evangelium gehört haben. Wir reihen uns also ein in die Schar der Menschen, die Jesus folgen als er auf jenen Berg stieg, sich setzt - ja gleichsam als „neuer Mose auf der Kathedra des Berges Platz nimmt“ (Ratzinger, Jesus von Nazareth, S 188) und zu reden begann.

Selig, die arm sind vor Gott: denn ihnen gehört das Himmelreich
Selig, die Trauernden: denn sie werden getröstet werden

Die Seligpreisungen klingen nach und ich frage mich, wer ist dieser Jesus? Wie wirkt er auf mich? Ist er ein Lehrer? Spricht er wie ein Wahlkämpfer?
Oder ein Marktschreier?

An wen richtet sich Jesus?

Jesus möchte ein neues Reich unter den Menschen errichten, ein Reich das nicht von dieser Welt ist und mit seiner Rede setzt er die ersten „Eckpfeiler“. Es geht ihm nicht darum eine neue Lehre zu verbreiten, im Gegenteil. Es geht ihm einzig und allein darum die Lehre zu erfüllen. Schon in der ersten Aussage wird deutlich, an wen Jesus seine Rede richtet. Es sind nicht die Schriftgelehrten, es sind nicht die „betuchten Kaufleute“, es ist nicht die Mittelschicht. Nein: „Selig, die arm sind vor Gott“

Jesus meint mich ja gar nicht. Ich?

Möglicherweise haben sich viele Menschen damals wie heute gedacht. Jesus meint ja mich gar nicht. Ich? Mir geht’s gut, ich habe ein gutes Auskommen, bin nicht arm. Jesus meint jemand anders. Das griechische Wort für „selig“ ist „makarios“ und bedeutet soviel wie „glückselig“ oder „glücklich“. Also auch noch glücklich, wer arm ist vor Gott?

Jesus meint nicht die „materielle Armut“, er denkt hier nicht an Besitz oder eben an Nicht-Besitz. Vielmehr meint Jesus hier die Menschen, die mit „offenem Herzen“ vor Gott stehen, die bereit sind Gottes Wort anzunehmen, sich beschenken zu lassen. Der bekannte niederländische Theologe Huub Osterhuis, dem wir viele Liedtexte zu verdanken haben, hat dies so formuliert:

Ich steh vor dir mit leeren Händen, Herr;
fremd wie dein Name sind mir deine Wege.
Seit Menschen leben, rufen sie nach Gott;
mein Los ist Tod, hast du nicht andern Segen?
Bist du der Gott. der Zukunft mir verheißt?
Ich möchte glauben, komm mir doch entgegen.

Innerer Widerstand

Also, bin ich doch gemeint mit Jesu Ansprache. Hier und heute bin ich Adressat seiner Rede, der ich aufmerksam folge. „Selig, die Frieden stiften“ - Wie viele von uns merken hier wieder inneren Widerstand? Nein, Jesus Du kannst mich nicht meinen! Weisst Du eigentlich, was auf dieser Welt los ist?

Ich merke, wie ich innerlich mit ihm ins Gespräch komme und zu ihm sage: „Schau dir doch die Welt an! Sieh nach Israel, sieh auf die Ukraine, von Venezuela bis Taiwan, überall stehen sich Menschen feindlich gegenüber und die Welt scheint aus den Fugen zu geraten.

„Du, der du so oft betest „Herr, mach mich zu einem Werkzeug Deines Friedens““

Und ich höre ihn innerlich antworten: „Doch, ich meinte Dich!
Du, der du so oft betest „Herr, mach mich zu einem Werkzeug Deines Friedens“
Weisst Du denn nicht was du betest und um was du mich bittest?
Du bittest um die Fähigkeit zu lieben, wo man hasst, um Verzeihung wo man beleidigt, um Versöhnung, wo Streit ist, um Licht wo Finsternis regiert.

Geh hin und handle!

Nun geh hin und handle! Handle im Alltag und beginne heute. Geh zu den Menschen, mit denen Du was klären solltest. Du hast alle Möglichkeiten der Kommunikation! Bitte um Verzeihung: einen Freund, einen Kollegen. Du hast es in der Hand, mein Kind. Geh, und handle danach, stifte Frieden!

Wenn wir nicht in unserer kleinen Welt und in unserer engsten Umgebung beginnen, wie soll es dann Frieden auf der ganzen Welt geben? Es ist ein großer Auftrag, den uns Jesus mit auf den Weg gibt.


Selig, die Frieden stiften: denn sie werden Söhne Gottes genannt werden
Selig, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden: denn ihnen gehört das Himmelreich

Ich höre in den Worten Jesu keine Verlockung „tu dieses, dann wirst du jenes erhalten“
Vielmehr höre ich in seinen Worten eine Perspektive, eine Zukunft, die weit über das irdische Leben hinausgeht. Zweimal spricht Jesus vom Himmelreich und nennt auch einen Preis dafür. Armut und Gerechtigkeit. Für ihn gelten nicht die materiellen Dinge im Leben, für ihn gilt nicht Reichtum und Besitz. Noch öfter wird er sagen, wer mir nachfolgen will, lasse alles zurück und blicke auch nicht zurück

Arm sein vor Gott, um das Himmelreich zu erlangen
Arm sein vor Gott, um im Himmel reich zu sein.
Hier zählen nicht die irdischen Dinge.

Das Himmelreich öffnen

Papst Benedikt XVI sagte dazu beim Angelus am 30. Januar 2011:
„Die Seligpreisungen sind ein neues Lebensprogramm, um sich von den falschen Werten der Welt zu befreien und für die wahren Güter in Gegenwart und Zukunft zu öffnen. Wenn nämlich Gott tröstet, den Hunger nach Gerechtigkeit stillt und die Tränen der Trauernden trocknet, so bedeutet dies, dass er nicht nur einen jeden in spürbarer Weise belohnt, sondern das Himmelreich öffnet!“ 

Das heutige Evangelium sieht die Leseordnung der Kirche auch für das Hochfest „Allerheiligen“ vor. Nicht etwa, weil das Wort „selig“ besonders häufig vorkommt und die „Seligkeit“ bekanntermaßen die Vorstufe zur „Heiligkeit“ ist. Nein, Allerheiligen ist der Tag, an dem wir „aller Heiligen“ gedenken, die nicht im Generalkalender verzeichnet sind, deren Namen niemand mehr kennt, aber deren Namen eingeschrieben sind in die Hand Gottes. Durch ihr heiligmäßiges Leben sind sie bereits zur Vollendung gelangt, sie haben die Worte des heutigen Evangeliums in ihrem Leben erfüllt.

„Maria zu Bernadette „ich werde dich nicht in dieser Welt glücklich machen, sondern in einer anderen““

Dennoch fällt mir ganz spontan eine sehr bekannte Heilige ein: Bernadette Soubirous
Schon öfter habe ich Lourdes besucht, habe Pilgergruppen dorthin begleitet, habe mich intensiv mit dem Leben der heiligen Bernadette beschäftigt und merke, wie sehr sie die „Bergpredigt“ verinnerlicht hat. Bei einer der 18 Erscheinungen sagte Maria zu Bernadette „ich werde dich nicht in dieser Welt glücklich machen, sondern in einer anderen“. Bernadette kannte Armut, kannte Not, sie hatte ein reines Herz und versuchte, in ihrer Situation und in ihrem eigenen Leben Frieden zu stiften, Sie kannte die Verfolgung „um der Gerechtigkeit willen“, sie musste standhalten, alles hinter sich lassen. Am Ende ihres Lebens ließ sie alles aus ihrem Krankenzimmer entfernen, alles was sie nicht mehr brauchte als sie wusste, dass es zu Ende ging.

Loslösung...

Sie ließ sich ein Kreuz auf die Brust legen da sie zu schwach war, dieses in Händen zu halten. Mit dem Kreuz in der Hand ging sie heim zum Vater, heim ins Himmelreich. Für sie hat sich – sicher wie auch für viele andere – das erfüllt, wovon Jesus auf dem Berg der Seligpreisungen spricht: „Selig seid ihr, wenn ihr um meinetwillen beschimpft und verfolgt und auf alle mögliche Weise verleumdet werdet. Freut euch und jubelt! Euer Lohn im Himmel wird groß sein.“

„Doch es bleibt die große Frage: was will Jesus ganz konkret von MIR?“

Doch es bleibt die große Frage: was will Jesus ganz konkret von MIR? Komme ich als „Bibeltourist“ nach Israel, um mir einfach mal die Gegend und die Stätten anzuschauen wo Jesus gelebt und gewirkt hat, damit ich den Rest meines Lebens erzählen kann, dass ich da auch schon überall war? Oder lasse ich mich mitnehmen von diesen Worten um zu versuchen, das heutige Evangelium auch im Alltag zu leben? Bin ich wirklich der, der Frieden stiften kann? In dieser Welt, die in manchen Teilen lichterloh brennt?

Als nebenamtlicher Kirchenmusiker finde ich hilfreiche Anregungen und Inspirationen in verschiedensten Liedern. Sicher kennen sie alle das bekannte Lied „Selig seid ihr“, das das Thema der Bergpredigt aufgreift aber eine Antwort auf meine Frage finde ich in einem anderen Lied.

Überall auf der ganzen Welt, gibt es viele Barrieren, Flüsse, Ströme und Meere, halten Menschen getrennt. Von weit her schauen wir uns gegenseitig an, doch keiner kennt den anderen, nichts als Neid und Missgunst, spricht aus den Augen.


Warum denn bauen wir nicht Brücken zueinander?
Warum denn bauen wir nicht Brücken, damit wir uns begegnen?
Warum denn bauen wir nicht Brücken zueinander?

Einander begegnen und aufeinander zugehen, jemandem den Vortritt lassen oder den letzten Parkplatz überlassen, jemandem die Türe aufhalten, ein freundliches Lächeln schenken, eine kleine Geste im Alltag.

Frieden schaffen im Alltag

Schafft das Frieden? Nein! Davon werden die Waffen nicht schweigen aber genau dieser Friede, den die Welt so dringend braucht, diese „Friedensstifter“ können wir im Alltag sein. Wir können heute damit beginnen und wir werden sehen, es wird sich fortführen und duplizieren.

Diese kleine Geste im Alltag führt vielleicht dazu, dass jemand im Beruf oder in der Familie andere „ansteckt“ und so werden wir alle zu Friedensstiftern, so wie es Augustinus schon formulierte „in dir muß brennen, was du in anderen entzünden willst“

Jesus sagt:
Selig, die Frieden stiften, denn sie werden Söhne Gottes genannt werden,
Söhne und Töchter Gottes, Kinder Gottes.

Lassen Sie es uns versuchen in dieser vor uns liegenden Arbeitswoche.
Lassen wir uns ein auf das, was uns Jesus heute sagt. Dazu wünsche ich Ihnen gute Gedanken und einen gesegneten Sonntag.

 

(Radio Vatikan - Redaktion Claudia Kaminski)

 

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31. Januar 2026, 09:55