Kardinal Timothy Radcliffe Kardinal Timothy Radcliffe 

Österreich: Kardinal Radcliffe wirbt für eine Kirche des Dialogs

Mit einem Plädoyer für Offenheit und Mitgefühl hat der britische Kardinal Timothy Radcliffe die Österreichische Pastoraltagung in Salzburg geprägt. Vor rund 400 Teilnehmenden entwarf er das Bild einer Kirche, die durch Begegnung wächst und in der jeder Mensch – unabhängig von seiner Herkunft – wirklich gesehen wird.

Bei der Österreichischen Pastoraltagung in Salzburg, der größten Seelsorge-Fachtagung des Landes, sprach der 80-jährige Dominikaner über die Kraft der Verwundbarkeit und die befreiende Wirkung eines echten Dialogs. „Christliche Identität ist kein Mittel zur Abgrenzung“, betonte der Kardinal und lud dazu ein, die „Festungen harter Identitäten“ zu verlassen, um ein neues Vertrauen auf Gott und den Mitmenschen zu finden.

Die heilende Kraft der Begegnung

Radcliffe, der bei den Weltsynoden im Vatikan durch seine Meditationen als wesentlicher Impulsgeber gilt, stellte die menschliche Begegnung in das Zentrum seiner Ausführungen. „Jede tiefe Begegnung bringt eine neue Art des Lebens hervor, eine neue Art, Mensch zu sein“, sagte er vor den Fachleuten aus Seelsorge und Pädagogik. Ein lebendiges „Wir“ entstehe dort, wo Menschen einander wirklich wahrnehmen. In diesem Zusammenhang erinnerte er an die tiefe christliche Berufung, gerade in Fremden nicht eine Bedrohung, sondern eine Person zu sehen. Das Gespräch mit dem Unbekannten verändere das eigene Wesen zum Positiven und öffne Horizonte, die zuvor verschlossen schienen.

Auf dem Weg zu einer dienenden Kirche

Besonders optimistisch äußerte sich der Kardinal über den laufenden Transformationsprozess der katholischen Kirche. Er beobachte eine tiefgreifende Veränderung hin zu einer „entklerikalisierten Kirche“, in der die Stimmen aller Gläubigen gehört würden. Während sich die römische Kurie früher oft als „Chef“ verstanden habe, agiere sie heute unter Papst Leo XIV. zunehmend als Dienerin. Dieser Wandel werde weitreichende Konsequenzen für die Zukunft haben.

Auch zur Rolle der Frau in der Kirche fand Radcliffe ermutigende Worte. Er hob hervor, dass Frauen bereits heute einen maßgeblichen Anteil an der theologischen Lehre hätten. Er sprach sich offen für neue Wege aus, um ihre Stimme in der Verkündigung und in kirchlichen Entscheidungsprozessen weiter zu stärken. Auf die Frage nach dem Frauendiakonat antwortete er schlicht: „I am in favor“ (Ich bin dafür), während er gleichzeitig Verständnis für den behutsamen Weg der Weltkirche äußerte.

Mut zur Veränderung

Kardinal Radcliffe ermutigte die Anwesenden, die spürbare Ungeduld über Reformprozesse nicht in Resignation kippen zu lassen, sondern als Zeichen lebendigen Interesses zu werten. Er verwies auf Papst Leo, dessen Handeln durch konkrete Taten und die Förderung von Frauen in verantwortungsvollen Positionen geprägt sei.

Der Vortrag bildete den glanzvollen Höhepunkt der Tagung, die unter dem Thema „Verletzlich. Berührbar“ stand. Radcliffe schloss mit dem Gedanken, dass das Leid und die Herausforderungen der Gegenwart Teil einer größeren Geschichte seien, die Hoffnung schenke und den „Zwang des Augenblicks“ durchbreche. Sein Auftritt hinterließ ein Publikum, das bestärkt in den Auftrag ging, die Kirche als einen Ort der wehrlosen, aber unerschütterlichen Liebe zu gestalten.

(kap - mg)

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10. Januar 2026, 12:00