Nuntius wirbt bei Hofburg-Neujahrsempfang für Dialog und Frieden
„Österreichs institutionelle Stabilität und sein langjähriges Engagement für Dialog, internationales Recht und multilaterale Kooperation stellen einen wertvollen Beitrag für die europäische und internationale Gemeinschaft dar", betonte Quintana bei seiner Ansprache, die er in seiner Funktion als Doyen des Diplomatischen Corps hielt. Gleichzeitig mahnte er, dass Frieden nur durch Verantwortung, Kompromissbereitschaft und Geduld aufgebaut werden könne.
Zur aktuellen Weltlage fand der Vertreter des Papstes vor den versammelten Mitgliedern des diplomatischen Korps und Regierungsvertretern düstere Worte: „In diesen ersten Tagen des Jahres bleibt das internationale Klima ernst und unsicher." Er wies hin auf „die Rückkehr offener Kriege, anhaltende humanitäre Krisen und die wachsende Versuchung, internationale Beziehungen durch Druck statt durch Überzeugung zu gestalten". Geopolitische Gleichgewichte wie auch kulturelle Paradigmen würden gerade tiefgreifend neu ausgerichtet, und statt einer Ära des Wandels erlebe die Menschheit gerade einen „Wandel der Ära".
Völkerrechts-Verletzungen nicht ignorieren
Der Nuntius verwies auf Prinzipien, die es besonders zu schützen gelte, darunter das humanitäre Recht. Dieses müsse immer über den Ambitionen der Kriegführenden stehen, um die verheerenden Auswirkungen von Krieg zu mildern, „auch mit Blick auf den Wiederaufbau". Hingegen stelle die Zerstörung von Krankenhäusern, Energieinfrastruktur, Wohnraum und lebenswichtigen Einrichtungen eine „schwere Verletzung des Völkerrechts" dar, die nicht ignoriert werden dürfe. Lopez Quintana hob zugleich die Menschenwürde und die „Heiligkeit des Lebens" hervor, deren Schutz „immer mehr zählt als bloße nationale Interesse". Friede sei untrennbar mit dieser Würde, dem Schutz der Verletzlichen sowie auch der ethischen Kontrolle von Technologie und Macht verbunden.
Vor diesem Hintergrund würdigte der Papst-Botschafter die Bedeutung der Friedensdiplomatie, zu welcher Europa und insbesondere auch Österreich beauftragt sei. Europa werde von vielen beneidet, dürfe nicht schlechtgeredet werden und müsse seine „Verhandlungsmacht" erkennen, zitierte Lopez Quintana aus Van der Bellens TV-Neujahrsansprache. Der Appell des Bundespräsidenten sei eine Einladung gewesen, Verantwortung zu übernehmen und Frieden durch „glaubwürdiges Engagement und geduldige Verhandlungen" zu suchen. Diplomatie beginne zu Hause, „in der bürgerlichen Kultur des Respekts und in der geduldigen Suche nach tragfähigen Vereinbarungen".
Van der Bellen: Europa muss Machtspielen entgegentreten
Während der Nuntius derzeitige Konfliktparteien nur indirekt angesprochen hatte, nutzte der Gastgeber des Empfangs, Bundespräsident Van der Bellen, seine Rede für direkte Kritik. Besonders deutlich fiel diese gegenüber der USA aus, für die „unverhohlenen Versuche eines einstigen Freundes, Grönland zu übernehmen" und für die Intervention in Venezuela, „die das Völkerrecht verletzt" habe. Auch Van der Bellen unterstrich, dass Europa solchen Machtspielen entgegentreten müsse: „Es darf sich nicht spalten lassen, weder durch Kräfte von innen noch von außen." Positives Beispiel sei die schnelle Solidaritätsbekundung europäischer Staaten mit Dänemark in Sachen Grönland gewesen.
Ausführlich ging Van der Bellen auf die großen Krisenherde der Gegenwart ein und schilderte deren humanitäre Folgen. Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine sei „noch brutaler geworden", mit gezielten Angriffen auf zivile Infrastruktur, insbesondere auf Energieeinrichtungen, wodurch große Teile der Bevölkerung Kälte und Dunkelheit ausgesetzt seien. Im Nahen Osten sprach er von einem „äußerst fragilen Übereinkommen" zwischen Israel und Gaza, das zwar die Rückkehr von Geiseln ermöglicht habe, die Lebensbedingungen der Menschen im Gazastreifen aber weiterhin „äußerst prekär" seien. Auch den seit 2023 andauernden Krieg im Sudan erwähnte er als Beispiel massiven Leidens ohne absehbares Ende.
Österreichs Einsatz
Der Neujahrsempfang fand im Zeremoniensaal der Wiener Hofburg statt. Eingeladen waren die bei der Republik Österreich akkreditierten Botschafterinnen und Botschafter sowie Vertreter internationaler Organisationen. Neben dem Apostolischen Nuntius als Doyen des Diplomatischen Corps nahmen unter anderem Außenministerin Beate Meinl-Reisinger, Staatssekretär Josef Schellhorn und der Generalsekretär des Außenministeriums, Botschafter Nikolaus Marschik, an der Veranstaltung teil.
(kap - sst)
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