Buchtipp: Die „Ukrainische Bibliothek“ schließt eine europäische Lücke
Die Ukraine besitzt ein reiches, eigenständiges literarisches Erbe, das nun endlich dem deutschsprachigen Publikum zugänglich gemacht wird.
Ein Akt kultureller Selbstbehauptung
Herausgegeben wird die Reihe von der in Wien lebenden Autorin Tanja Maljartschuk und der renommierten Übersetzerin Claudia Dathe. Für Maljartschuk ist die Bibliothek ein Herzensprojekt aus der Not heraus: „Diese Abwesenheit der ukrainischen Kultur passt sehr gut in die russische Propaganda, dass die Ukraine keine Kultur habe“, so ihr Urteil. Mit der Veröffentlichung der wichtigsten Klassiker des 19. und 20. Jahrhunderts wird diese Leerstelle nun mit beeindruckender literarischer Qualität gefüllt.
Zeitgemäße Stimmen aus einer verbotenen Vergangenheit
Das Besondere an dieser Edition ist nicht nur die Auswahl der Texte, sondern ihre Aufbereitung. Die Werke erscheinen fast ausschließlich zum ersten Mal auf Deutsch und in modernen Übersetzungen, die den Geist der Originale bewahren, ohne altbacken zu wirken. Ergänzt werden die Bände durch Essays namhafter Intellektueller, die den historischen Kontext erläutern und das literarische Echo der Texte bis in die Gegenwart verfolgen.
Förderung und Netzwerk
Dass dieses Mammutprojekt realisiert werden konnte, verdankt sich einer breiten internationalen Unterstützung, unter anderem durch das Programm „Kreatives Europa“ der EU und den Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien. In Zusammenarbeit mit dem Netzwerk der Literaturhäuser wird die Reihe zudem durch Lesungen und Gespräche (u.a. mit Juri Andruchowytsch) begleitet, um den Dialog über das Übersetzen in Zeiten gesellschaftlicher Umbrüche zu fördern.
Die „Ukrainische Bibliothek“ ist weit mehr als eine Anthologie; sie ist eine Einladung, ein Land durch seine Sprache und seine Träume neu zu entdecken. Ein Muss für jeden, der den europäischen Kanon in seiner wahren Fülle begreifen will.
Die ersten Bände im Fokus: Schewtschenko und Ukrajinka
Die ersten beiden Veröffentlichungen der Reihe setzen bereits hohe Maßstäbe und zeigen die Bandbreite des ukrainischen Geistes:
1. Taras Schewtschenko: „Flieg mein Lied, meine wilde Qual“: Herausgegeben von Juri Andruchowytsch, präsentiert dieser Band den „Nationalmythos“ der Ukraine. Für die Ukrainer sei Schewtschenko „Luther, Kant und Goethe in einem“. Die Gedichte und Tagebuchauszüge, die während seiner Verbannung in Zentralasien entstanden, lassen die romantische Freiheitssehnsucht eines Mannes spürbar werden, der trotz Schreib- und Malverbots durch den Zaren niemals schwieg. Ein Dokument des Widerstands, das heute aktueller denn je ist.
2. Lesja Ukrajinka: „Am Meer“: Herausgegeben von Tanja Maljartschuk, rückt dieser Band eine Frau in den Mittelpunkt, die schon um 1900 Themen wie häusliche Gewalt, soziale Ungerechtigkeit und feministische Aufbrüche verhandelte. Ukrajinka schrieb in einer Zeit, als die ukrainische Sprache verboten war, und distanzierte sich mit ihrem Namen („die Ukrainerin“) bewusst vom russischen Imperium. Ihre feinfühlige, intelligente Prosa spiegelt die europäische Moderne wider und greift Diskurse auf, die bis heute Tabus berühren.
Diese ersten Bände machen deutlich: Die ukrainische Literatur war immer schon Teil des europäischen Diskurses – wir fangen gerade erst an, sie zu lesen.
Zum Mitschreiben
Taras Schewtschenko: „Flieg mein Lied, meine wilde Qual“, Hg. und mit einem Vorwort von von Juri Andruchowytsch. Aus dem Ukrainischen und Russischen von Beatrix Kersten, ISBN 978-3-8353-5883-6
Lesja Ukrajinka: Am Meer, Aus dem Ukrainischen von Maria Weissenböck, ISBN 978-3-8353-5884-3
Eine Rezension von Mario Galgano.
(vatican news)
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