Buchtipp: Prinzip Mensch. Macht, Freiheit und Demokratie im Zeitalter von KI
Auch wenn das Buch bereits seit einigen Jahren auf dem Markt ist, sind die darin enthaltenen Grundfragen nach wie vor aktuell. Es geht um die Verflechtung von Machtkonzentration, Beeinflussung des Informationsangebotes und Risiken für die Demokratie, wenn nicht sogar für das Menschenbild selbst. Die Frage ist, wer entscheidet im Zeitalter Künstlicher Intelligenz eigentlich über unsere Zukunft: ist es der Mensch, oder ist es der Algorithmus? Wie die Entwicklung der neuen Technologie, die in den Händen einiger weniger liegt, letztlich reguliert werden müsste, und welche Macht die Big Player – jüngst vom Time Magazine übrigens zu den Personen 2025 gekürt – schon vor einigen Jahren besaßen, analysieren die beiden Autoren in ihrem Buch, das 2021 erschienen ist.
Wir sprachen im Rahmen unserer kommenden Sendereihe im Februar zum Thema Künstliche Intelligenz und die Haltung der Kirche dazu mit Paul Nemitz, der zur Zeit der Abfassung des Buches Mitglied der Datenethikkommission der Bundesregierung und maßgeblich verantwortlich für die Einführung der EU-Datenschutzgrundverordnung war. In der Zwischenzeit wirkte er auch an der Ausarbeitung des EU-KI-Gesetzes mit, das im August 2024 in Kraft getreten ist. Wir wollten von ihm wissen, wo er die Risiken für die Demokratie durch die Künstliche Intelligenz verortet.
Paul Nemitz: „Machtkonzentration ist in der Demokratie immer ein Problem, auch wirtschaftliche Machtkonzentration, und das in einem doppelten Sinn. Erstens behindert sie die Innovationskraft des freien Marktes. Und zweitens verleitet wirtschaftliche Macht immer auch dazu, zu versuchen, den politischen Prozess über Gebühr zu beeinflussen. Und genau das sehen wir auch bei den Konzernen, die künstliche Intelligenz entwickeln. Dabei handelt es sich um die reichsten und am besten mit Kapital ausgestatteten Konzerne dieser Welt. Alle in der Top Ten Liga der amerikanischen Börse, 4 von 5 Konzernen über eine Trillion Euro (1.000.000.000.000.000.000 €) wert inzwischen.
Diese Konzerne bringen viele Elemente der Macht in einer Hand zusammen. Und diese Konzentration von Macht, nämlich Macht des Geldes, Macht über persönliche Daten und damit über Menschen, Macht über die öffentliche Kommunikationsinfrastruktur, Macht über Entwicklungsprozesse - übrigens auch die Fähigkeit, möglicherweise konkurrierende Start-up Unternehmen oder kleine Unternehmen, die eine gute Idee haben, aufzukaufen, um sich diese Idee entweder einzuverleiben oder sie schlicht ,platt zu machen': diese Kombination von Machtelementen hat es so in einer Hand noch nicht gegeben und deswegen ist es so wichtig, dass wir uns darüber im Klaren sind, dass Macht immer nur in der Demokratie funktioniert, wenn es auch Gegenmacht gibt. Und Gegenmacht muss eben organisiert werden in politischen Prozessen. Wir müssen uns engagieren, um Gegenmacht auch dann zur Realität werden zu lassen."
Engagement nötig, um Demokratie zu bewahren
In Ihrem Buch erfährt man über die Hintergründe der KI, die uns heute umgibt, wie wir sie letztlich bei flüchtliger Betrachtung vielleicht gar nicht wahrnehmen würden, andererseits aber auch über die Bedeutung, die das persönliche Engagement jedes Einzelnen in diesem Zusammenhang hat. Aus welchem Grund würden Sie die Lektüre dieses Buches unseren Hörern ganz besonders ans Herz legen?
„Die Künstliche Intelligenz ist heute allgegenwärtig, so wie Strom. Und genau wie bei Strom, den wir kaum bemerken, ist alles oder vieles, ja, das meiste, was wir intellektuell leisten, auf die eine oder andere Weise mit künstlicher Intelligenz verbunden. Diese Mechanismen zu verstehen, zu verstehen, wie Digitalisierung und Künstliche Intelligenz nützlich eingesetzt werden können, aber auch, wie sie uns Menschen zunehmend entmachten und damit unsere Handlungsfreiheit beschränken, das ist meiner Meinung nach Teil der Aufklärung und Teil des Gegenwartswissens, welches heute jeder beherrschen muss.
Das Buch beantwortet aber auch viele Fragen danach, was wir selbst tun können. Das betrifft vor allem übrigens die technologische Intelligenz. Also mit Blick auf diejenigen, die professionell in ihrem Beruf auf die eine oder andere Art mit Informatik und mit Technik arbeiten. Denn sie sind natürlich ganz besonders berufen, ihr Wissen auch einzubringen in Prozesse der Selbstorganisation von Menschen und ihr Wissen dort zur Verfügung zu stellen.
Insofern ist dieses Buch auch ein Aufruf an die technische Intelligenz, sich wieder und erneut und stärker in Demokratie und den mit ihnen mit ihr verbundenen großen Organisationen zu organisieren und mitzuwirken. Dabei kann es sich um Parteien oder Gewerkschaften handeln, große zivilgesellschaftliche Organisationen oder auch die Kirchen, all das sind ja Orte, an denen Menschen auf die eine oder andere Weise etwas gemeinsam tun, sich einigen und auch abstimmen - und wo auf die eine oder andere Weise Demokratie gefördert wird."
Details zum Buch
Paul Nemitz/Matthias Pfeffer: „Prinzip Mensch. Macht, Freiheit und Demokratie im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz“, erschienen bei Dietz und erhältlich für etwa 26 Euro. Bürger von Nordrhein-Westfalen erhalten das Buch kostenlos von der Landeszentrale für politische Bildung.
Das Autorengespann Nemitz/Pfeffer steht übrigens kurz vor der Veröffentlichung eines neuen Buchs: Im April soll das Werk „Die offene Zukunft und ihre Feinde: Wie wir die Demokratie vor der KI Diktatur bewahren" erscheinen, wieder im Dietz-Verlag, auf Deutsch und auf Englisch.
(vatican news - cs)
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