Buchtipp: Aldous Huxley - Zeit der Oligarchen Buchtipp: Aldous Huxley - Zeit der Oligarchen 

Buchtipp: Huxleys vergessene Vision unserer Gegenwart

Aldous Huxley, der Schöpfer der „Schönen neuen Welt“, erweist sich 80 Jahre nach der Niederschrift eines verschollenen Essays als hellsichtiger Analytiker unserer Zeit. Sein nun veröffentlichter Text „Zeit der Oligarchen“ ist mehr als ein historisches Dokument – es ist eine messerscharfe Diagnose der drohenden Tech-Diktatur.

„Vergessen Sie Orwell, lesen Sie Huxley!“, fordert der Historiker Philipp Blom im Begleittext zu diesem schmalen, aber gewichtigen Band. Wer das gerade einmal 96 Seiten umfassende Werk aufschlägt, begreift schnell, warum. Huxley schrieb diesen Essay bereits 1946, unmittelbar nach dem Grauen des Zweiten Weltkriegs. Doch während seine Zeitgenossen den Sieg der Demokratie feierten, blickte Huxley tiefer in die Eingeweide des technologischen Fortschritts.

Die Geburtsstunde der Tech-Oligarchie

Huxleys zentrale These klingt heute, im Zeitalter von Silicon-Valley-Milliardären und globalen Datenmonopolen, gespenstisch vertraut: Der technologische Fortschritt führe zwangsläufig zu einer massiven Konzentration von Macht. Wo früher Armeen und Territorien über Einfluss entschieden, sind es nun die Kontrolle über Produktion, Information und Technik.

Huxley beschreibt das Aufziehen einer „Tech-Oligarchie“. Er warnt vor einer Welt, in der politische Macht in den Händen weniger konzentriert ist, die über die notwendigen Ressourcen verfügen, um Massen zu lenken und zu kontrollieren. Besonders prägnant ist sein Begriff der „Boy Gangster“ in den Regierungen – Politiker ohne moralischen Kompass, die das Recht des Stärkeren über die Freiheit des Individuums stellen und staatliche Institutionen für ihre Zwecke kapern.

Nationalismus als Werkzeug der Macht

In Zeiten gesellschaftlichen Umbruchs, so Huxley, haben Nationalismus und geopolitische Machtspiele Hochkonjunktur. Er analysiert präzise, wie Tech-Oligarchen und populistische Führer Hand in Hand arbeiten, um Demokratie und Solidarität zu untergraben. Es ist eine Welt, in der die Freiheit nicht durch grobe Gewalt (wie bei Orwell), sondern durch technologische Abhängigkeit und die Manipulation von Bedürfnissen (typisch Huxley) bedroht wird.

Stilistisch brillant, wie man es von dem britischen Intellektuellen gewohnt ist, seziert der Essay die Mechanismen, mit denen Macht sich selbst erhält. Dass dieser Text 80 Jahre lang verschollen war, grenzt an ein Wunder – oder ein Versäumnis der Geschichte, das nun im Hanser Verlag korrigiert wurde.

Fazit: Ein Weckruf aus der Vergangenheit

„Zeit der Oligarchen“ ist kein optimistisches Buch, aber ein notwendiges. Huxley fordert eine neue Ethik für Wissenschaftler und Techniker. Er zitiert die Anthropologin Gene Weltfish, die ein Gelöbnis für Forscher vorschlägt – ähnlich dem Hippokratischen Eid –, das Wissen nur zum Wohle der Menschheit und gegen die „skrupellosen Absichten von Menschen“ einzusetzen.

Huxleys prophetische Intervention trifft heute „mitten ins Mark“. Er erinnert uns daran, dass technologischer Fortschritt ohne moralisches Fundament unweigerlich in die Knechtschaft führt. In einer Zeit, in der Algorithmen Wahlen beeinflussen und Milliardäre den Mars besiedeln wollen, während auf der Erde die Solidarität schwindet, ist dieser Essay die wichtigste Lektüre der Saison.

Zum Mitschreiben

Aldous Huxley: Zeit der Oligarchen. Über Wissenschaft, Freiheit und Frieden, Aus dem Englischen von Jürgen Neubauer, erschienen im Hanser-Verlag 2025, ISBN 978-3-446-28723-5

Eine Rezension von Mario Galgano.

(vatican news)

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26. Januar 2026, 14:25