Abriss von Häusern, in denen Palästinenser wohnten, westlich von Ramallah. 21. Januar 2026. (Foto: Zain JAAFAR / AFP) Abriss von Häusern, in denen Palästinenser wohnten, westlich von Ramallah. 21. Januar 2026. (Foto: Zain JAAFAR / AFP)  (AFP or licensors)

„Friedensrat“ für Gaza: „Da gibt es noch ganz viel Skepsis“

Mit Blick auf den von US-Präsident Trump geplanten „Friedensrat“ für Nahost spricht der deutsche Erzbischof Markus Bentz im Interview mit Radio Vatikan von „viel Skepsis“. Der in der deutschen Bischofskonferenz für das Nahost-Dossier verantwortliche Bischof erinnert an die Bedeutung des Völkerrechtes. Was im Westjordanland „im Schatten von Gaza“ gerade geschehe, „hindert den weiteren Friedensprozess“.

Anne Preckel - Vatikanstadt

Erzbischof Udo Markus Bentz von Paderborn war in den vergangenen Tagen im Rahmen eines Internationalen Bischofstreffens im Heiligen Land unterwegs, sprach mit Kirchenvertretern und besuchte christliche Projekte, die sich vor Ort für Dialog und Versöhnung einsetzen – unter widrigsten Umständen.

„Ich glaube, man kann es auf die Formel bringen: Der Krieg scheint vorbei, der Waffenstillstand ist fragil, der Konflikt ist aber eben noch lange nicht vorbei. Und deswegen erlebe ich auch eine große Ermüdung und Frustration bei den Gläubigen“, berichtet der Erzbischof. Im Nachgang seiner Heilig-Land-Reise kommentiert er auch den von US-Präsident Donald Trump vorangetriebenen „Board of Peace“, der zum neuen politischen Leitungsgremium des Gazastreifens werden soll.

„Da gibt es noch ganz viel Unsicherheit, wie das konkret gehen soll, da gibt es viel Skepsis. Für einen Frieden, für einen dauerhaften Frieden, erst recht für einen gerechten Frieden braucht es vor allen Dingen auch wirklich die Achtung der Menschenrechte, des Völkerrechts auf allen Ebenen und von allen Beteiligten“, so der Vorsitzende der Arbeitsgruppe Naher und Mittlerer Osten bei der Deutschen Bischofskonferenz und Vorsitzende der Deutschen Kommission „Justitia et Pax“.

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Trump, der für seinen „Friedensrat“ derzeit Mitglieder anwirbt, hatte auch den Heiligen Stuhl eingeladen, sich an dem „Board of Peace“ zu beteiligen. Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin äußerte sich dazu am Mittwoch zurückhaltend und sagte, der Vatikan prüfe die Option genau. Diplomaten sehen hinter der Initiative des US-Präsidenten das Bemühen, eine auf Trump zugeschneiderte Alternative zu den Vereinten Nationen zu schaffen, was auch der US-Entwurf zu den Statuten des Gremiums nahelegt.

Weg zu nachhaltigem Frieden?

Zum jetzigen Zeitpunkt wisse man nicht, wer die tatsächlichen Akteure in dem „Friedensrat“ sein würden, so Erzbischof Bentz. „Es wird hoffentlich so sein, dass in einer sehr ausgewogenen Weise aus unterschiedlichen Richtungen international Verantwortung wahrgenommen wird, Wege des Friedens im Nahen Osten mit dem ,Bord of Peace‘ zu bahnen. Aber es wird eben sehr, sehr viel davon abhängig sein, wie sich die Zusammensetzung am Ende ganz konkret zeigt.“

Für nachhaltigen Frieden müsse ein „Friedensrat“ vor allem auf Sicherheit und gelingendes Zusammenleben hinwirken - auf Grundlage der Menschenrechte und des Völkerrechtes, fährt er fort: „Es geht um Fragen der Sicherheit, die Sicherheitskräfte vor Ort entsprechend zu kontrollieren. Dass es nicht zu neuen Gewaltausbrüchen kommt. Es geht um Fragen des Wiederaufbaus. Es geht aber auch um die Frage der Etablierung eines neuen gesellschaftlichen Systems und einer Infrastruktur, die eben ein Zusammenleben ermöglicht.“

Dabei ist die Lage im Heiligen Land auch Wochen nach dem Waffenstillstand zwischen Israel und der Hamas keineswegs stabil oder friedlich. Erzbischof Bentz verweist auf die fortdauernde, erschütternde Not im Gazastreifen, in den aufgrund von Restriktionen immer noch nicht ausreichend humanitäre Hilfe gelangt. Es sei „ein erster entscheidender Baustein, diese Notfallhilfe, diese erste humanitäre Hilfe so ausreichend zuzulassen, ohne irgendeine Einschränkung, dass die Menschen dort entsprechend versorgt werden können“.

Dynamik im Westjordanland fördert keinen Frieden

Außerdem berichtet der Vorsitzende der Deutschen Kommission „Justitia et Pax“ im Interview mit Radio Vatikan von der zunehmenden Gewaltbereitschaft radikaler israelischer Siedler im Westjordanland, die sich parallel zum Notstand im Gazastreifen abspiele.

„Da haben wir in den vergangenen Tagen noch einmal deutlich vor Augen geführt bekommen, welche Dynamik im Westjordanland, also im Schatten von Gaza, sich derzeit entwickelt. Eine zunehmende, deutlich sich verstärkende Siedlergewalt, gerade der radikalen Siedler. Davon sind die christlichen Dörfer betroffen: Taibeh, da habe ich das unmittelbar von den Menschen gehört und erlebt; auch andere christliche Dörfer im Westjordanland, aber eben auch muslimisch geprägte Dörfer, und das manchmal sogar noch sehr viel aggressiver. Das dürfen wir nicht übersehen.“

Land werde unrechtmäßig in Besitz genommen, Menschen enteignet, Zugang zu Eigentum verwehrt, Autos in Brand gesetzt, berichtet Bentz. Israelische Sicherheitskräfte griffen „nicht ausreichend genug“ ein oder schauten sogar untätig zu.

„Ein gerechter Friede kann nie auf Unrecht aufbauen. Ein gerechter Friede kann nie aus dem Bruch des Völkerrechtes her sich entwickeln.“

„Das hindert den weiteren Friedensprozess. Und ein gerechter Friede kann nie auf Unrecht aufbauen. Ein gerechter Friede kann nie aus dem Bruch des Völkerrechtes her sich entwickeln. Also für mich und für uns war sehr deutlich: Die Siedlergewalt, der Siedlungsbau müssen sofort ein Ende haben. Das Existenzrecht des palästinensischen Volkes darf nicht infragegestellt werden. Genauso wenig wie das Existenzrecht Israels und seiner Sicherheit.“

Das 25. Internationale Bischofstreffen für Solidarität mit Christen im Heiligen Land ging am Mittwoch mit einem Friedenappell zu Ende. Teil nahmen dreizehn Bischöfe aus zehn Ländern Europas und Nordamerikas, die sich mit Vertretern der Ortskirche in Israel und Palästina zusammensetzten. Leitwort war „Land der Verheißung: Begegnung mit Menschen der Hoffnung“.

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Kein „Schwarz-Weiß-Muster“

„Das Existenzrecht des palästinensischen Volkes darf nicht infrage gestellt werden. Genauso wenig wie das Existenzrecht Israels und seiner Sicherheit.“

Die Delegation besuchte neben dem Christendorf Taibeh im Westjordanland auch ein Vikariat für hebräisch sprechende Christen. Ein Fokus der Reise war auch, israelische Organisationen kennenzulernen, die sich für Dialog und Versöhnung zwischen Israelis und Palästinensern sowie zwischen Juden, Christen und Muslimen einsetzen. Hier konnten die Bischöfe eine Sensibilität wahrnehmen, die Konfliktlage nach dem 7. Oktober 2023 nicht nur in einem „Schwarz-Weiß-Muster“ anzuschauen, informierte die Deutsche Bischofskonferenz in einer Pressemeldung.

Für die Vertreter des „Rossing Center for Education and Dialogue“, der „Rabbis for Human Rights“ und des „Parents Circle“ gehe es „in erster Linie um die Bewältigung erlittener Traumata und damit um realistische Wege zur Versöhnung“. Rache und Vergeltung lehnten sie klar ab. Dazu Bentz:

„Das ist vielleicht nur ein Tropfen auf den heißen Stein, aber es ist ein Zeichen der Hoffnung, dass Vergebung keine leere Floskel bleibt. Hier wird das biblische Bild vom ‚Salz der Erde‘ konkret: Keine Geste der Versöhnung, sei sie noch so unscheinbar, ist umsonst.“

Bischof Udo Markus Bentz
Bischof Udo Markus Bentz   (© Besim Mazhiqi/EB Paderborn)

(vatican news – pr)
 

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22. Januar 2026, 12:55