Pax-Christi-Präsident Palaver: „Diese Friedensbotschaft ist prophetisch"
Die Formel vom „unbewaffneten und entwaffnenden Frieden“ hat schon aufmerken lassen, als sich Papst Leo am 8. Mai 2025 der Welt vorgestellt hat. Nun hat er sie in seiner Botschaft zum katholischen Weltfriedenstag am 1.1. ausgeführt. Was daran überzeugt Sie besonders? Und wo wünschen Sie sich als Friedensethiker noch mehr klare Ansagen?
Palaver: Diese Friedensbotschaft ist prophetisch, weil sie sich nicht von der grassierenden Hoffnungslosigkeit anstecken lässt und den Frieden auch nicht in den Bereich der Utopie abschiebt. Nicht umsonst endet sie mit der prophetischen Verheißung des Jesaja von einer --den Menschen möglichen Welt --, in der die Schwerter in Pflugscharen und die Lanzen zu Winzermesser umgeschmiedet werden. Mit der Betonung eines „unbewaffneten Friedens“ verweist der Papst auf Jesu Botschaft der Gewaltfreiheit und mit dem Hinweis auf einen „entwaffnenden Frieden“ zeigt er Wege aus der Gewalt auf. Mehr kann ich eigentlich als Friedensethiker in einer kurzen Botschaft zum Weltfriedenstag gar nicht erwarten.
„Mehr als ein Ziel ist der Friede etwas Gegenwärtiges und ein Weg“ – inwiefern deckt sich das, was Papst Leo da schreibt, mit dem Ansatz der christlichen Friedensbewegung Pax Christi, die nach dem 2. Weltkrieg aus der geschwisterlichen Vision französischer und deutscher Katholiken entstanden ist?
Palaver: Der Friede ist zuerst immer ein Weg. Mit dieser Einsicht beschreibt Papst Leo auch den 80-jährigen Weg, den die katholische Friedensbewegung Pax Christi seit der am Beginn stehenden Aussöhnung zwischen Franzosen und Deutschen gegangen ist. Heute ist diese internationale Bewegung auf allen Kontinenten der Erde auf Wegen des Friedens unterwegs.
Der Papst bemerkt, dass Krieg und Nationalismus immer öfter religiös gerechtfertigt werden, er nennt das blasphemisch. Und er empfiehlt, dem mit ökumenischem und interreligiösem Dialog zu begegnen. Welche guten Praktiken haben sich dabei bewährt?
Palaver: In der Absage an den religiös motivierten Nationalismus und in der Absage, den Namen Gottes zur Rechtfertigung von Gewalt zu missbrauchen – beides bezeichnet Papst Leo zurecht als „Formen der Blasphemie“ – beschreibt er die vorrangige Aufgabe der Religionsgemeinschaften zur Stärkung des Friedens. Das Dokument, das Papst Franziskus und der Großimam von Kairo Ahmad Al-Tayyeb über die Brüderlichkeit aller Menschen 2019 in Abu Dhabi unterzeichneten, ist ein wichtiges Beispiel auf weltweiter Ebene. Beide Religionsführer haben klar festgehalten, dass Gewalt kein Name Gottes ist. Auch auf lokaler Ebene sind interreligiöse und ökumenische Begegnungen ein wichtiger Beitrag zum Frieden. Besonders nach religiös motivierten Terroranschlägen ist es wichtig, wenn die Religionsgemeinschaften gemeinsam dieser Pervertierung von Religion entgegentreten.
Als politische Instrumente zum Frieden empfiehlt der Papst Diplomatie und den derzeit geschwächten Multilateralismus. Zu Recht? Oder braucht es heute eher starke Leader, die Friedensabkommen auf der Top-Ebene mit politischen Mitteln ausverhandeln?
Palaver: Zurecht setzt Papst Leo hier den Weg von Papst Franziskus fort, der nach Aussage des Jesuiten Antonio Spadaro zwischen der Politik des Schachbretts, in der die Starken die Welt unter sich aufteilen, und dem Gewebe unterschieden hatte, wofür er den „Geist von Helsinki“ als Bespiel nannte. Vor 50 Jahren ist es mit der Schlussakte von Helsinki gelungen, wichtige Schritte der Entspannung im Kalten Krieg zu gehen und die Menschenrechte in den kommunistischen Ländern zu stärken. Wir müssen wieder zu diesem Geist der Diplomatie und des Dialogs zurückkehren und dürfen nicht auf das Faustrecht setzen.
Bildungseinrichtungen und Medien vermitteln derzeit ein Bild von globaler Sicherheit und Verteidigung, das allein militärisch geprägt ist, schreibt der Papst. Was empfehlen Sie als Friedensethiker Medien, die der stillschweigenden Gleichsetzung von Sicherheit und Aufrüstung etwas entgegensetzen möchten: Welche Fragestellungen könnten diese Medien konsequent aufgreifen?
Palaver: Papst Leo warnt ganz richtig davor, sich von der „Kultur der Erinnerung“ zu verabschieden, die uns die Gewaltexzesse der beiden Weltkriege des vergangenen Jahrhunderts vor Augen halten soll. Er greift auch auf die von Papst Franziskus oft wiederholte Beobachtung zurück, dass wir bereits mitten in einem „Dritten Weltkrieg in Stücken“ leben. Die 1947 eingerichtete Weltuntergangsuhr zeigt mit 89 Sekunden vor Mitternacht heute die größte Gefahrenlage seit 1947 an. Wenn der Papst noch zusätzlich die exorbitant angestiegenen Rüstungsausgaben nennt, so zeigt sich, dass wir uns auf dem Weg in eine gefährliche Gewaltspirale befinden. Diese Situation nüchtern aufzuzeigen, ist die erste Aufgabe von Medien und Bildungseinrichtungen.
Aber beim Aufzeigen allein darf es wohl nicht bleiben. Warum genau?
Palaver: Weil das einen hoffnungslosen Fatalismus erzeugt, der ungebremst in den Abgrund führen würde. Es bedarf des Lichts, das uns der Auferstandene geschenkt hat und uns zusichert, dass der Friede möglich ist. Neben dem nüchternen Blick auf die Welt muss der Friede zum „Grundsatz“ – wie der Papst wörtlich ausführt – unseres Blicks auf die Welt werden. Aus diesem Blick entsteht jene Hoffnung, die unseren Einsatz für den Frieden leiten kann.
Wie sehen Sie als Pax Christi-Präsident auf die ersten Monate des Pontifikats von Papst Leo?
Palaver: Von Beginn seines Pontifikats hat Papst Leo die Notwendigkeit des Friedens betont und auf den Friedensgruß des Auferstandenen gesetzt. Für alle engagierten Mitglieder von Pax Christi ist der Papst so zum Motivator und zur Stütze geworden. Ich entnehme seiner Botschaft zum Weltfriedenstag viel Kraft und Stärkung für unseren weiteren Einsatz für eine friedlichere Welt.
Den katholischen Weltfriedenstag führte Papst Paul VI. im Jahr 1968 ein, wenige Jahre nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil. Er wird am Neujahrstag begangen, und jedes Jahr veröffentlicht der Papst dazu vorab eine Botschaft.
(vatican news – gs)
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