Weihnachten in Wien Weihnachten in Wien  (AFP or licensors)

Österreich: Theologe warnt vor der Entleerung des Weihnachtsfestes

Für die Kirchen ist es die Zeit der vollen Bänke, für den Einzelhandel die Zeit der Rekordumsätze. Doch hinter dem Glanz der Lichterketten verbirgt sich eine Krise der Aufnahme der Botschaft. Der renommierte Wiener Theologe Ulrich Körtner analysiert in einer Betrachtung für Radio Vatikan die „Selbst-Säkularisierung“ der Kirche und die Sehnsucht nach einer verlorenen Transzendenz.

Mario Galgano - Vatikanstadt

Wenn die Christmetten - wie am Mittwoch geschehen - gefeiert werden, dann füllen sich die Kirchen wieder auf mehr als das Doppelte ihres üblichen Niveaus. Doch für Ulrich Körtner, bis 2025 Ordinarius für Systematische Theologie an der Universität Wien, ist diese statistische Hochphase kein Grund zur Entwarnung. Im Gegenteil: Er sieht in der aktuellen Form des Festes eine „Hybridveranstaltung“, bei der das christliche Profil zunehmend unter dem Gewicht von Kitsch, Kommerz und diffuser Sehnsucht zerbricht.

Hier hören Sie die Betrachtung von Ulrich Körtner

Die leere Krippe als Sinnbild

In einer persönlichen Rückschau erinnert sich Körtner an ein Erlebnis aus seinem Kindergartenalter: Nach einem Krippenspiel lief er voller Erwartung zum Altarraum, um das Jesuskind zu sehen – und fand eine leere Krippe vor. Dieses Bild sei heute zur Realität geworden. „Was mich dabei vor allem beschäftigt, ist, dass dieses Weihnachtschristentum mehr und mehr zu einem Christentum ohne Christus wird“, so Körtner.

Ulrich Heinz Jürgen Körtner ist ein deutsch-österreichischer evangelischer Theologe und Medizinethiker.
Ulrich Heinz Jürgen Körtner ist ein deutsch-österreichischer evangelischer Theologe und Medizinethiker.

Während die Menschen in Scharen zu den Gottesdiensten strömen, sei das Wissen um den eigentlichen Anlass – die Menschwerdung Gottes – selbst unter Kirchenmitgliedern „erschreckend dünn“ geworden. Weihnachten werde zu einem allgemeinen Volksfest transformiert, bei dem christliche Elemente nur noch als folkloristische Dekoration für ein „säkulares Winterfest“ dienen.

Kritik an der „Selbst-Säkularisierung“

Körtner spart dabei nicht mit Kritik an den eigenen Institutionen. Er wirft namentlich der Evangelischen Kirche in Deutschland eine „Selbst-Säkularisierung“ vor. Wenn Weihnachten nur noch darauf reduziert werde, dass man „nicht allein“ sei, gehe das Eigentliche verloren. „Egal was Weihnachten für dich ist, Hauptsache es wird gefeiert – das ist mir ein wenig zu wenig“, bilanziert der Theologe.

Das „Frohe Weihnachten“ werde zunehmend durch neutrale „Seasons Greetings“ ersetzt, und in modernen Weihnachtsfilmen spiele die religiöse Dimension oft gar keine Rolle mehr. Alles drehe sich um Beziehungsirrungen und -wirrungen, um eine Sehnsucht nach Liebe, die oft „verlogen“ bleibe, weil sie den harten Realitäten des Alltags nicht standhalte.

Sehnsucht nach Transzendenz

Trotz seiner scharfen Analyse plädiert Körtner dafür, die Menschen, die nur einmal im Jahr die Kirche besuchen, ernst zu nehmen. Er sieht hinter dem Gang zum Gottesdienst eine „geheime Sehnsucht“, einmal im Jahr eine Stimmung von Transzendenz zu erleben und sich aus dem Alltag herausgehoben zu fühlen. Gerade in einer Zeit, in der die Einsamkeit zu Weihnachten eskaliert und die Telefonseelsorge Hochkonjunktur hat, sei die Botschaft von Gott, der in die dunkle Welt kommt, aktueller denn je.

Körtner zitiert den atheistischen Philosophen Albert Camus, der bereits 1946 forderte: „Unsere heutige Welt erwartet von den Christen, dass sie auch künftig Christen bleiben.“ Die ökumenische Herausforderung bestehe nun darin, die christlichen „Essentials“ wieder zum Glänzen zu bringen, statt sie hinter allgemeinen Wellness-Botschaften zu verstecken.

(vatican news)

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27. Dezember 2025, 10:29